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10.11.2009

Eine Schule, die alle zusammenschweißt

Neusäß Erst vor wenigen Wochen gewann Herta Müller den Literaturnobelpreis. Die Schriftstellerin machte im Jahr 1972 auf dem rumänischen Nikolaus-Lenau-Gymnasium in Temeswar (rum. Timisoara) ihr Abitur. 37 Jahre später fand jetzt in der Stadthalle in Neusäß ein jahrgangsübergreifendes Treffen von rund 300 früheren Absolventen der deutschen Schule in Südosteuropa statt. Die Wahl des Ortes für das Wiedersehen fiel auch deshalb auf Neusäß, weil viele Ehemalige im Umkreis von Augsburg leben.

Einer von ihnen ist Manfred Tillger aus München. Von der Veranstaltung hat er über ein E-Mail-Netz früherer Schüler erfahren. An das Lenau hat er nur gute Erinnerungen: "Die Schule konnte nicht nur mit jedem deutschen Gymnasium mithalten, sondern war sogar besser." Was humanistische Bildung anbelangt, sei die Bildungseinrichtung großartig gewesen. Die Lehrer hätten sich stets allergrößte Mühe gegeben und er sei heute noch dankbar dafür, was ihm damals an Wissen vermittelt wurde. Als Tillger, der dort nach nur zehn Schuljahren sein Abitur machte, von der damaligen politischen Situation erzählt, wird sein Blick nachdenklich. Weil sein Vater, der im Krieg getötet wurde, Arzt und nicht für die Wehrmacht der Nationalsozialisten tätig war, hätte er von diesen einen Vermerk in seinem Ausweis bekommen: "Rabenbrut - ungesunde soziale Herkunft".

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Erst waren es die Nazis, später dann die Kommunisten, die ihm das Leben schwer machten. Im Rückblick ist er dankbar dafür, "dass die verfluchten Kommunisten wenigstens zuließen, dass ich eine deutsche Schule besuchen durfte." Auch die einzige deutschsprachige Zeitung sei bis auf Punkt und Komma kontrolliert worden, weshalb sich die Menschen damals angewöhnt hätten, zwischen den Zeilen zu lesen.

Später wanderte der heute 69-Jährige nach Peru aus, wo er fast 40 Jahre lang lebte. "Nach dem Eingesperrtsein in der rumänischen Diktatur war ich von dem Gedanken beherrscht, die Welt zu sehen. Ich stöberte in Büchern und begann, vom Amazonas zu träumen. Ich wollte unbedingt dorthin - und habe meinen Traum dann verwirklicht."

Eine Schule, die alle zusammenschweißt

Bis auf einen Freund, der ihn begleitete, traf Tillger keine direkten früheren Weggefährten. Die Menschen, die zu dem Treffen gekommen waren, seien alle jünger als er. Es gäbe allerdings etwa alle fünf Jahre in Bayern oder Baden-Württemberg Klassentreffen seines Jahrgangs, bei denen er alte Freunde regelmäßig wiedersieht.

Die Augsburgerin Halrun Reinholz war am Wochenende ebenfalls in die Stadthalle gekommen. Auch sie besuchte das deutsche Gymnasium in Temeswar. Dieses sei mit einer englischen Schule in Deutschland vergleichbar. "In deutscher Sprache werden dort rumänische Kinder von Lehrern unterrichtet, die oft selbst dort ihr Abitur gemacht haben", so die Deutsch-Rumänin. Es sei wie eine große Familie gewesen, die Schule habe alle zusammengeschweißt.

Letztes Jahr gründete sich der "Verein der Freunde der Lenauschule Temeswar", der es sich zum Ziel gesetzt hat, die rumänische Schule finanziell und ideell zu unterstützen. Auch ein Schüleraustausch mit einer Schule in Deutschland ist geplant, weiß Halrun Reinholz.

Die Veranstaltung in der Neusässer Stadthalle war aber mehr als nur ein Treffen von Gleichgesinnten. Ein Diavortrag des ehemaligen Schuldirektors Erich Pfaff und eine Dichterlesung des Weggefährten Herta Müllers, Johann Lippet, standen ebenfalls auf dem Programm.

Auch Bücher deutsch-rumänischer Autoren, darunter auch von der Nobelpreisträgerin Herta Müller, gab es zu kaufen. Doch im Mittelpunkt standen das gemütliche Beisammensein bei Musik, Gespräche und Tanz - bis tief in die Nacht.

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