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Lebensmittel

04.11.2016

Nahrungsmittel am Preis-Limit

Die Beteiligten der Podiumsdiskussion (von links): Hans-Peter Senger, Johannes Enzler, Johann Ellenrieder, Gerhard Ringler, Rosemarie Weber und Moderator Max Braun von der KLB Dinkelscherben.
Bild: Manuela Rauch

Der Druck auf die Erzeuger ist groß. In Dinkelscherben haben die Landwirte ihrem Ärger Luft gemacht

Die Milchbauern erhalten Rückenwind von der Bundesregierung. Mit einem millionenschweren Hilfsprogramm will sie nun den mehr als 70000 Milchbauern in Deutschland unter die Arme greifen. Hintergrund ist der niedrige Milchpreis. In Dinkelscherben wurde das Dilemma nun in einer öffentlichen Diskussion auf den Tisch gebracht. Organisiert von der Katholischen Landvolk Bewegung (KLB), debattierten Vertreter aus den Bereichen Erzeugung, Verarbeitung, Handel und Verbraucher unter dem Motto „Wer hat den schwarzen Peter?“. Für den KLB-Vorsitzenden und Bio-Landwirt Johann Ellenrieder führt dieses komplizierte Geflecht zu einem Spannungsverhältnis. Die Milch ist längst zum Symbol eines gesellschaftlichen Problems geworden: Was passiert, wenn Grundnahrungsmittel die Preis-Grenze erreichen?

Die Auswirkungen sind vor allem für die Erzeugerbetriebe schmerzhaft. Immer mehr Landwirte geraten in finanzielle Engpässe, können nicht mehr kostendeckend produzieren und geben auf. Auf dem Markt agieren derweil immer weniger Akteure. Meist sind es große Unternehmen, die sogenannten „Global-Player“, die in der Branche den Ton angeben. Doch wie prekär ist die Situation wirklich? Gerhard Ringler, Landwirt und Kreisobmann des Bauernverbands, spricht von einer „schmerzlichen Tiefpreisphase“. Die betreffe besonders die Erzeuger von Milch und Schweinefleisch. Er sieht das Problem vor allem in den offenen Märkten. „Dem müssen wir uns stellen, da haben wir keine Wahl“, sagt er. Der weltweite Handel sei eben eine „traurige Realität für den Landwirt“. Dagegen könne nur eine moderne und intelligente Landwirtschaft ankommen, die außerdem noch ressourcenschonend ist.

Johannes Enzler vom Bund Naturschutz spricht von einem „extremen Strukturwandel für den Erzeuger“. Er beschäftigt sich in seiner Arbeit nicht nur mit der Kontrolle ökologischer Betriebe, sondern auch mit dem Import aus Drittländern. Doch die Bedrohung kommt nicht nur von außen. Auch die immer mächtiger werdenden Marktführer in Deutschland zwingen Erzeuger und damit auch das regionale Ernährungshandwerk in die Knie. „Das Geschäft machen die Großen“, sagt er. Das haben auch die Handelsketten erkannt. Weil die kleinen Verarbeitungsbetriebe immer mehr ins Straucheln geraten, ist die Übernahme einzelner Unternehmen vom Backhandwerk bis zur Fleischverarbeitung mittlerweile ein lohnendes Geschäft.

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Damit aber den Händlern die Schuld in die Schuhe zu schieben, wäre zu einfach, glaubt Dr. Hans-Peter Senger von der Solidargemeinschaft Augsburg Land. „Auch die Lebensmittel-Händler stehen unter Druck“, betont er und fordert von den Erzeugern mehr Bewegung. „Sie müssen sich dem Mehrwert ihrer Produkte bewusst werden.“ Man müsse sich schlichtweg von der Konkurrenz abheben. Senger, der die Erzeuger-Initiative „Unser Land“ mit auf den Weg gebracht hat, glaubt fest daran, dass der Kunde tiefer in die Tasche greift, wenn er den Wert eines Produktes erkennt.

Bleibt die Frage, ob er das kann. Rosemarie Weber von der Augsburger Ortsgruppe des Deutschen Hausfrauenbunds sieht das kritisch. Die Deutschen, ein Volk von Schnäppchenjäger, dem man zu lange „Geiz ist geil“ eingeredet habe, sollen plötzlich mehr Geld für Grundnahrungsmittel ausgeben. Ein schwieriges Unterfangen. Nicht nur, weil das Angebot der Discounter immer größer wird, sondern auch, weil viele Verbraucher nicht die finanziellen Mittel für Bio- oder regionale Produkte hätten. Und selbst, wenn das Geld reiche, bemerkte eine Dame im Publikum, „wird es für andere Dinge ausgegeben und nicht für Lebensmittel“.

Der schwarze Peter konnte an diesem Abend nicht gefunden werden. Allerdings war man sich einig: Die Gesellschaft müsse sich ihrer Verantwortung bewusst werden. Wenn der Verbraucher seine Einstellung ändere, könnte sich einiges bewegen, glaubt Weber. „Wir müssen endlich wieder erkennen, was uns ein Lebensmittel wert ist.“

Die Diskussion ist geschlossen.

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