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Augsburg

22.02.2018

Aleviten: Endlich nicht mehr schweigen

Ali Kocakahya leitet die Alevitische Gemeinde Augsburg. Heute feiert sie ihr 25-jähriges Bestehen.
Bild: Bernd Hohlen

Die Alevitische Gemeinde Augsburg feiert heute ihr 25-Jähriges. Die Freude ist groß, doch ein aktuelles politisches Ereignis überschattet sie.

Herr Kocakahya, herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum des Cem-Hauses. Sie wuchsen bis 1980 in der Türkei auf. Wie lebte es sich dort als Alevit?

Ali Kocakahya: Alevit zu sein, bedeutete, gefährlich zu leben, denn die Religion wurde ja trotz des Verbots in den Dörfern weiter geheim praktiziert. Jeden Winter besuchte der Dede (der Geistliche, d. Red.) für eine oder zwei Wochen unser Dorf. Er versammelte alle zum Cem, also zur Gebetszeremonie, im Haus der größten Familie, schlichtete Streitigkeiten und leitete die Zeremonien. Ein paar Männer mussten immer draußen Wache schieben, um uns vor der Polizei warnen zu können. Ich war zwölf, als mein Vater mich kurz vor dem Militärputsch 1980 hierher holte. Da wurde es zu gefährlich.

Wie war es in Augsburg?

Kocakahya: Als ich herkam, hatten sich die sunnitischen Vereine und politischen Parteien aus der Türkei ja schon organisiert. Innerhalb dieser Community war es für uns wie in der Türkei. Wir haben uns weiter verleugnet. Manche sind sogar freitags mit in die Moscheen gegangen, damit es kein Gerede gab. Die Pogrome in der Türkei hatten Rückwirkungen auch in Augsburg. Der Überfall auf die alevitische Hochzeit im Augsburger Schwabenhaus, bei dem türkische Rechtsextremisten einen Gast erschossen, gehörte dazu.

Ist das Zusammenleben zwischen Aleviten und Sunniten heute entspannter?

Kocakahya: Als Verein haben wir jetzt keine Probleme, es gibt Kooperationen mit der Stadt und manchen Moscheevereinen. Aber die türkische Kriegspolitik holt uns jetzt ein. Für unsere Jubiläumsfeier am Freitag hatten wir den Generalkonsul eingeladen. Ich werde ihn jetzt wieder ausladen, weil wir diesen türkischen Einmarsch in Syrien auf das schärfste verurteilen.

Wie würden Sie Ihre Religion beschreiben?

Kocakahya: Wir sehen den Menschen als das Zentrum, Gott ist in jedem von uns und natürlich auch in allen anderen Geschöpfen. Wir haben keine Pflichtgebete, jeder kann beten und danken, wo immer und zu wem immer er will. Der Neffe Muhammads, Ali, als erster Imam und die elf nachfolgenden Imame sind uns heilig, das verbindet uns mit den Schiiten. Zentral wichtig ist bei uns, dass Frauen und Männer gleichberechtigt nebeneinander in der Versammlung beten, den Semah tanzen und unsere traditionellen Lieder singen.

Welche Rolle spielt der Koran für die Aleviten?

Kocakahya: Teile der älteren Generation wurden in der Türkei noch sunnitisch beeinflusst. Sie forderten dementsprechend Arabischkurse für die Kinder, damit sie den Koran auswendig lernen können. Doch als wir 1993 den Verein gründeten, wollten wir ja endlich unsere eigene Religion frei leben und im Alevitentum spielt Arabisch keine Rolle. Der Koran ist wie Bibel und Thora ein heiliges Glaubensbuch, steht aber in keiner Weise über den anderen.

Dann sind Sie keine Muslime?

Kocakahya: Wir sind als Aleviten Teil des Islam.

Sozusagen eine eigene Konfession im Islam neben den Muslimen?

Kocakahya: So könnte man es sagen, ja.

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