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Heimatgeschichte

17.10.2019

Auf den Spuren jüdischen Lebens in Hochzoll

Alfred Hausmann (Mitte) und Michael Friedrichs (links) führten zu Hochzoller Orten, an denen Opfer des Nationalsozialismus gewohnt haben.
Bild: Annette Zoepf

Bei den Kulturtagen wurden die Schicksale der Juden in der Nazizeit beleuchtet

Über jüdisches Leben in Hochzoll in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war bis vor Kurzem nicht viel bekannt. Eine Kultusgemeinde und Synagoge gab es hier nicht. Aber Heimatforscher sind bei der Suche nach einzelnen jüdischen Mitbürgern fündig geworden.

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Der aus Hochzoll stammende Alfred Hausmann stieß auf die Aussage: „In der Zugspitzstraße hat eine ältere jüdische Frau gelebt. Beim Gärtner Wohlwend hat sie Unterschlupf g’funden in ’em kleinen Häusle.“ Durch weitere Nachforschungen fand Hausmann vier Lebensgeschichten vor dem dunklen Hintergrund der Nazizeit.

Die Frau in dem „kleinen Häusle“ war Maria Leiter (geboren 1876). Ihre Eltern waren 1874 aus Buttenwiesen nach Augsburg gezogen, wo ihnen Freizügigkeit winkte. Sie hatten, zuletzt in der Kurzen Maxstraße, ein Geschäft für Band-, Putz- und Seidenwaren, in dem man auch Hüte kaufen konnte. In der Weimarer Republik lebte Maria Leiter in einer Mietwohnung über dem Hotel Kaiserhof in der Halderstraße. Nach Einschätzung von Hausmann entzogen die Nationalsozialisten dem elterlichen Laden die wirtschaftliche Grundlage, sodass Maria, die geschieden war, sich die Wohnung nicht mehr leisten konnte und deshalb nach Hochzoll umzog. 1942 gehörte sie zu den 444 Juden aus Bayerisch-Schwaben, die mit einem großen Transport nach Piaski in Polen deportiert wurden. Dort verliert sich ihre Spur. Entweder starb sie dort im Getto, oder sie landete noch in einem der Vernichtungslager in Sobibor oder Belzec.

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Unter Druck gerieten auch die Brüder Alfred und Fritz Bernheim. Sie hatten seit 1919 eine Fabrik für Hartpapierwaren in der Peterhofstraße in Hochzoll. In einer Zeit, als es noch kein Plastik gab, stellten sie wasserdichte Behälter aus überlackierter gepresster Papiermasse her. Bereits 1933 demonstrierte die SA vor der Fabrik. Alfred und Fritz Bernheim erkannten die Zeichen der Zeit, verkauften ihren Betrieb - allerdings weit unter Wert - und emigrierten nach England. Später kam ihre Mutter Adele nach, der Vater schaffte es dagegen nicht, Deutschland zu verlassen. Es ist ein Brief von Fritz Bernheim aus London erhalten, in dem er schreibt: „Sonst geht’s allen alten Hochzollern gut soweit.“ Es scheint also weitere Hochzoller Juden gegeben zu haben, die 1933 oder später nach England emigrierten.

Der Kaufmann Berthold Rosenthal (geboren 1858) hatte nahe der Bernheimschen Fabrik an der Bahnlinie eine Sommervilla (was laut Hausmann bedeutet: Sie ließ sich nicht beheizen). Das Haus steht heute nicht mehr. Rosenthal arbeitete im Kaufhaus Salomon Guttmann am Königsplatz und machte dort Anfang des 20. Jahrhunderts Karriere. 1928 war er der letzte Augsburger, dem der Titel „Commerzienrat“ verliehen wurde. Der Grund war, dass er der Stadt 15 000 Mark gespendet hatte. Er wohnte ganz in der Nähe in der Bürgermeister-Fischer-Straße.

Als er 1930 starb, verkaufte seine Schwester Elise die Sommervilla an einen Weinhändler aus Lechhausen. Sie ging in ein jüdisches Altersheim in München und wurde 1942, im Alter von 79 Jahren, noch ins KZ Theresienstadt und dann ins Vernichtungslager Treblinka deportiert, wo sie ermordet wurde.

Die Brüder Theodor und Fritz Strauß (beide kurz nach 1900 geboren) stammten aus einer Getreidehandlung in der Schrannenstraße. Sie wohnten seit 1935 in der Friedberger Straße in Hochzoll. Fritz war laut testamentarischen Unterlagen geistig behindert. Der Geschäftsmann Theodor zog 1941 gesundheitlich schwer angeschlagen nach Fürth, wo es ein Israelitisches Krankenhaus gab. Dort starb er bereits drei Tage nach seiner Ankunft. Fritz wurde 1942 wie auch Maria Leiter nach Piaski deportiert. Nach Aussage von Hausmann überlebte keiner der Augsburger Juden, die dorthin kamen, den Krieg.

Bemerkenswert findet der Heimatkundler auch die Geschichte von Dina Strauß, einer Schwester von Theodor und Fritz. Sie heiratete 1929 in Augsburg den Kaufmann Leo Marx, der schon zu Beginn der Nazizeit mehrmals inhaftiert und später enteignet wurde. Kurz vor Kriegsbeginn konnte er nach Schanghai emigrieren (laut Hausmann das „Exil der kleinen Leute“). Dina lebte da in München; sie konnte aus finanziellen Gründen nicht mitfahren. Ihr wurden von den Nazis zwei wertvolle Kunstgegenstände abgenommen: ein vergoldeter Pokal eines Augsburger Meisters (um 1625) und ein Gewürzgefäß von 1815 des Augsburger Silberschmieds Johann Balthasar Stenglin. Pro forma erhielt sie dafür 25 Reichsmark.

Dina wurde 1941 nach Kaunas in Litauen deportiert und bei einer Massenerschießung ermordet. Die wertvollen Gefäße tauchten im Bayerischen Nationalmuseum in München auf. Kürzlich wurde erreicht, dass sie den Erben von Dina Strauß zurückgegeben wurden.

Im Rahmen der Hochzoller Kulturtage berichtete Hausmann über diese bedrückenden jüdischen Lebensläufe und suchte mit den Teilnehmern die Wohn- und Arbeitsorte der vorgestellten Personen in Hochzoll auf.

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