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Hirntod-Diagnosen

20.02.2014

Augsburger Arzt hält Diagnose für "sicher": Wann ist der Mensch hirntot?

Bei der Feststellung des Hirntods soll es in einigen Fällen zu Fehlern gekommen sein.
Bild: Angelika Warmuth, dpa

Der Vorwurf wiegt schwer: Berichten zufolge haben Ärzte Patienten fälschlicherweise für hirntot erklärt. Ein Augsburger Chefarzt erklärt, wann ein Mensch hirntot ist.

Ist ein Mensch hirntot, funktionieren sein Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm unwiederbringlich nicht mehr. Leitet ein Arzt nicht sofort lebensverlängernde Maßnahmen ein, hört nach einer gewissen Zeit auch das Herz auf, zu schlagen. In Deutschland ist der Hirntod eine von zwei Todesformen - neben dem Herztod.

Besonders wichtig ist die Feststellung des Hirntods für die Organspende: Nur von Hirntoten dürfen - bei vorliegender Einwilligung - Organe entnommen werden. Wie der Hirntod festgestellt wird, ist daher streng geregelt.

Ärzte sollen Fehler in der Hirntoddiagnostik gemacht haben

Genau hier soll es einem SZ-Bericht zufolge jedoch zu Fehlern gekommen sein. Es geht um Folgendes: In einigen Fällen sollen Ärzte Patienten einen Totenschein ausgestellt haben, ohne zuvor den Hirntod nach den vorgesehenen Richtlinien festgestellt zu haben. Die Zeitung beruft sich dabei auf ihr vorliegende Unterlagen. Grund für die Fehler sei die mangelnde Ausbildung der behandelnden Ärzte.

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In der Hirntoddiagnostik dürfe niemand aktiv sein, der nicht über fundierte Kenntnisse verfügt, sagt Prof. Dr. med. Matthias Anthuber. Wir haben mit dem Leiter der Transplantationschirurgie am Klinikum Augsburg gesprochen.

Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick

Wer kann einen Patienten für hirntot erklären?

In der Regel macht das ein Intensivmediziner, erklärt Anthuber. Meist ein Anästhesist, ein Neurologe oder ein Neurochirurg. "Ärzte, die regelmäßig mit dieser Thematik zu tun haben", wie der Leiter der Transplantationschirurgie sagt.

Wer überprüft diese Diagnose?

Ob ein Patient hirntot ist, überprüfen zwei Mediziner. "Unabhängig voneinander", wie Anthuber erläutert. Jeder erhebt für sich seinen Befund und hält diesen schriftlich fest. Am Ende steht eine definitive Stellungnahme. Einer der beiden Ärzte oder ein dritter Arzt stellt dann den Totenschein aus.

Bevor es zu einer Organentnahme kommen kann, prüft zudem ein Mitarbeiter der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) die Richtigkeit der Hirntoddiagnostik. Bei jeder Entnahme eines Organs ist stets auch ein entsprechend qualifizierter DSO-Mitarbeiter vor Ort, wie Anthuber erklärt.

Wie oft kommt es vor, dass zwei Ärzte zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen?

"Ich habe das in fast dreißig Jahren noch nie erlebt", sagt der Leiter der Augsburger Transplantationschirurgie. Für Chefarzt Anthuber selbst sei so etwas undenkbar. Er schränkt jedoch ein: "Es gibt offensichtlich Vorschriften in der Hirntoddiagnostik, die manchen immer noch nicht ganz klar sind." Bei den berichteten Fällen handle es sich seiner Meinung jedoch um Einzelfälle.

Allerdings reiche ein Einzelfall, um das gesamte System zum Wanken zu bringen. "Nach den jetzt zur Diskussion stehenden Fällen, müssen wir dringlich mit Unterstützung der Politik nacharbeiten, um jeden Zweifel an der Ordnungsmäßigkeit der Hirntoddiagnostik auszuschließen."

Wie wird der Hirntod festgestellt? Was wird getestet?

Zwei Ärzte prüfen unabhängig voneinander, ob ein Patient hirntot ist. Es gibt genaue Vorgaben, wie die Spezialisten vorzugehen haben. Beispielsweise muss ausgeschlossen sein, dass ein Patient starke Schmerz- oder Narkosemittel bekommen hat, die das zentrale Nervensystem dämpfen. Weiter darf der Patient nicht unterkühlt sein. Bei Kindern gelten zudem zusätzliche Bedingungen: Zwischen den beiden Untersuchungen müssen mindestens 24 Stunden liegen, erklärt Anthuber.

Getestet werden Reflexe (ob sich die Pupillen bei Lichteinfall bewegen oder die Augen reagieren, wenn man das Ohr mit Eiswasser spült), unter anderem auch der Atemantrieb.

Zu diesen klinischen Untersuchungen kommen weitere technische hinzu. Dazu gehören eine Messung der Hirnstromaktivität und ein Ultraschall, durch den sich feststellen lässt, ob noch Blut das Gehirn des Patienten erreicht. Gegebenenfalls folgt eine sogenannte Angiographie, eine Kontrastmitteldarstellung der Hirnversorgung.

"Und wenn man sieht, dass keine Hirnstromaktivität oder Hirndurchblutung mehr vorhanden ist, dann ist das zusammen mit den charakteristischen klinischen Befunden Grundlage, um zu beurteilen, ob jemand hirntot ist oder nicht", erklärt der Leiter der Transplantationschirurgie Anthuber. Um festzustellen, ob jemand hirntot ist, greifen die Ärzte also stets auf eine Kombination aus technischen und klinischen Untersuchungen zurück.

Die gesamte Untersuchung dauert laut Anthuber jeweils etwa eine Stunde.

Existiert gewissermaßen eine Checkliste, die abgearbeitet werden muss, um jemanden für hirntot zu erklären?

Ja. Klar definierte wissenschaftliche Kriterien legen fest, welche Voraussetzungen vorliegen müssen, um einen Patienten für hirntot zu erklären. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation, die für die Entnahme von Spenderorganen verantwortlich ist, überprüft streng formal die Hirntoddiagnostik. Fehlt es einem Krankenhaus an der notwendigen Expertise - beispielsweise an der Möglichkeit, die Hirnstromaktivität eines Patienten zu messen - schickt die DSO einen Spezialisten.

Bevor ein Patient für hirntot erklärt wird, müssen sämtliche vorgeschriebenen Untersuchungen durchgeführt worden sein. "Kein Verantwortlicher kann für sich entscheiden, 'Ich lass' die Hälfte weg, weil ich mir schon sicher bin', sondern man muss das komplette Untersuchungsprogramm abarbeiten", erklärt Anthuber.

Sind die Methoden, um den Hirntod festzustellen, sicher?

Die Art und Weise, wie ein Hirntod festgestellt wird, hält Anthuber für "absolut sicher". "Das, was jetzt beschrieben wurde, geht auf individuelle Fehler von Kollegen zurück und hat mit dem System und mit der wissenschaftlichen Grundlage, wie man den Hirntod feststellt, nichts zu tun", sagt der Leiter der Transplantationschirurgie. Individuelle Fehler Einzelner ließen sich in keinem Lebens- und Arbeitsbereichen ausschließen. In diesem Zusammenhang seien sie für das Vertrauen der Menschen in die Organspende allerdings fatal, so Anthuber.

Über die aktuellen Berichte ist der Arzt nach eigenen Angaben "bestürzt". "Das ist natürlich ein Schlag ins Kontor", sagt Anthuber. Zudem zeigten sie einmal mehr "was ich schon seit Jahren fordere, nämlich: Information, Information, und nochmal Information. Nicht nur für die Laien, sondern auch für die Ärzte, Pfleger und Schwestern in den Krankenhäusern."

Hier habe Deutschland gegenüber anderen Ländern wie Spanien Aufholbedarf. "Es darf in der Hirntoddiagnostik schlicht und ergreifend niemand aktiv sein, der nicht über fundierte Kenntnisse verfügt."

Wie oft wird im Klinikum Augsburg bei einem Patienten der Hirntod festgestellt?

Nach Angaben von Anthuber gab es im Klinikum Augsburg vor dem Transplantationskandal etwa 15 Organspender jährlich. Darüber hinaus gebe es noch jene Patienten, bei denen der Hirntod festgestellt werde, die Angehörigen allerdings eine Organentnahme ablehnten oder kein Organspendeausweis vorliege.

Insgesamt schätzt Anthuber die Zahl der Hirntoten im Augsburger Krankenhaus auf 25 bis 30 pro Jahr - bei etwa fünf Patienten, die im Klinikum täglich sterben. Deutschlandweit wird laut dem SZ-Bericht pro Jahr bei rund 2000 Menschen ein Hirntod festgestellt.

Wie oft werden im Klinikum Augsburg Organe entnommen oder transplantiert?

"Es gibt kaum ein Klinikum in Bayern, das so viele Organspender hat wie Augsburg", sagt Anthuber. Es werden ausschließlich Nieren transplantiert. "Bei der postmortalen Organspende sind wir nicht beteiligt", so der Leiter der Transplantationschirurgie. Die Organentnahme übernehmen in Bayern Spezialisten aus den Münchner Universitätkliniken. Nur bei der Lebendspende wird die Niere im Klinikum Augsburg selbst entnommen.

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