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Augsburg

08.09.2019

Augsburgs mutigste Bergsteiger: Von Gipfelsiegen und Tragödien

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3 Bilder
Ein berührender Augenblick: Hermann Warth lässt sich im Jahr 1981 mit drei Sherpas auf dem erstmals bestiegenen Ganesh II (7102 m) in Nepal abbilden (linkes Bild). Auf dem Foto rechts ist Warth (r.) mit Engelbert Neumair bei der Erstbesteigung des Ampato zu sehen.

Alpinisten der Sektion zog es hoch hinaus, auch auf den Mount Everest. Ein Mann erstieg vier Achttausender, doch ein niedrigerer Berg packte ihn. Und dann war da eine vogelwilde Klettertruppe.

Dr. Hermann Warth, 79, hat ein erfülltes Bergsteigerleben hinter sich. Er hat alles erlebt, was man am Berg erleben kann: euphorische Augenblicke, stolze Gipfelsiege, bittere Enttäuschungen, Dramen und Tragödien. Hermann Warth stand nicht nur auf dem Mount Everest, dem mit 8848 Meter höchsten Berg der Erde. Er hat mit dem Makalu (8485 Meter), dem Lhotse (8516) und dem Broad Peak (8051) drei weitere Achttausender im Himalaja besiegt.

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Doch der berührendste, am tiefsten gehende Moment, so sagt er, habe ihn ergriffen, als er 1981 zusammen mit drei Sherpas und einer japanischen Expedition den Gipfel des 7118 Meter hohen Ganesh II eroberte – eine Erstbesteigung. Das Besondere daran: Dieser schwierige Berg im Himalaja ist den offiziellen Beobachtungen zufolge seitdem von keinem Menschen mehr bestiegen worden.

Hermann Warth, der mit seiner Frau und Bergkameradin Dietlinde in Landsberg lebt, ist der wohl bekannteste und erfolgreichste Alpinist der Augsburger Sektion. Seine große Liebe zu Nepal und dem „Dach der Welt“ kommt nicht von ungefähr. Er war zwölf Jahre lang Leiter des Deutschen Entwicklungsdienstes in Katmandu. Die „Schwäbische Everest-Expedition“ im Herbst 1979 hat Warth in bitterer Erinnerung. Zwar erreicht er am 1. Oktober zusammen mit weiteren Alpinisten und Sherpas den Gipfel. Am folgenden Tag steht auch die zweite Gruppe auf dem Everest. Beim Abstieg setzt jedoch ein schwerer Höhensturm ein. Hannelore Schmatz, Ehefrau des Expeditionsleiters, und ein Amerikaner sterben.

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Von einem Berg, der nie mehr bestiegen wurde

Dass glückliche und tragische Augenblicke nahe beieinander liegen, wissen Höhenbergsteiger. Die schönsten, befreiendsten Gefühle, so hat Dr. Hermann Warth einmal gesagt, seien nicht auf den Gipfeln der Achttausender über ihn gekommen, „sondern 20 oder 30 Meter unterhalb, wenn man weiß, dass man es geschafft hat“. Eine alpinistische Enttäuschung, die ihn, wie er sagt, „noch heute wurmt“, war der gescheiterte Gipfelsturm am 8. Mai 1983 auf den Kangchenjunga, den mit 8586 Metern Höhe dritthöchsten Berg der Erde. „Das Schwierigste war geschafft, als wir 600 Höhenmeter unter dem Gipfel von einem schweren Höhensturm überrascht wurden“, erinnert sich Warth. Er und Sherpa Ang Chhoppal entschieden, abzubrechen. Beim Abstieg auf rund 6000 Metern sah die Mannschaft, wie eine Riesenlawine die Wand herunterkam. Hermann Warth: „Da wussten wir, dass es gut gewesen war, umzukehren.“ An der Expedition nahmen auch der vier Jahre später in der Bernina tödlich verunglückte Alois Färber sowie Franz Leutgäb und Walter Schmid teil.

Eine besondere Tragik ist mit dem Namen Willy Merkl verbunden, nach dem die der Friedberger Sektion gehörende Nachbarhütte der Otto-Mayr-Hütte in den Tannheimer Bergen benannt ist. Er leitete im Jahre 1934 die deutsche Himalaja-Expedition auf den Nanga Parbat (8125 Meter). Sie endete mit einer Katastrophe, bei der neben Willy Merkl noch neun weitere Alpinisten und Träger starben. Die Nazis hatten ihn nach seinem Tod am 16. Juli 1934 propagandistisch als „Heldenfigur“ stilisiert.

Als „die jungen Wilden“ in die Geschichte der Sektion eingegangen sind die „Bergteufel“, eine Klettergruppe der besonderen Art in den 50er und 60er Jahren. Es begann damit, dass junge Burschen mit 15 oder 16 Jahren anfangs mangels anderer Gelegenheiten die hohe Stadtmauer am Schleifgraben hinaufkletterten, am Bismarckturm in Steppach oder an Autobahnbrücken herumturnten. Später verabredeten sich die „Bergteufel“ privat zu Touren – nun per Motorrad – in die Tannheimer Berge, in den Wilden Kaiser oder in die Garmischer Gegend.

Die Augsburger Kletterer gingen schwierige Routen

Triebfeder war damals Helmut Dumler, der später bis zu seinem Tod 2010 als bekannter Journalist und Autor über 100 Wander- und Reiseführer verfasste. Engelbert Neumair, 79, erinnert sich: „Wir waren wirklich vogelwild unterwegs, kletterten schwierige Routen.“ Freilich sei die damalige Kletterei mit der heutigen nicht vergleichbar. Die ungestümen „Bergteufel“, die ihre Freiheit hoch schätzten, wurden schließlich 1969 nach hitzigen Diskussionen als Hochtourengruppe in die Sektion integriert. Ein Gewinn für den Alpenverein, denn allzu viele extreme Kletterer gab es damals nicht. Schon drei Jahre später, 1972, startete unter Leitung von Engelbert Neumair die achtköpfige „Augsburger Andenexpedition“, bei der insgesamt 43 Fünftausender als Erstbegehungen und zwei Sechstausender in der weitgehend unerschlossenen Cordillera Chila in Peru erstiegen wurden.

Die Liste herausragender Alpinisten der Sektion Augsburg im Alpenverein der vergangenen Jahrzehnte ist freilich unvollständig. In der heutigen Kletterszene einen Namen gemacht haben sich unter anderem Günter Bahr, Alexander Scherl, Daniel Wilhelm, Tobias Stadler, Manuel Brunn, der Boulderer Simon Unger und vor allem Martin Feistl, der zwischen 2016 und 2018 dem Expeditions-Kader des DAV angehörte, dessen Ziel die Ausbildung von Spitzenalpinisten ist. (mit Ulrich Kühnl)

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