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Freilichtbühne

02.07.2016

„Cabaret“ ohne Regisseur

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„Cabaret“ ist kein Musical-Spektakel, sondern enthält viele Spiel- und Gesangsszenen, die einen kleineren Rahmen erfordern. Sebastian Baumgartner und Veronika Hörmann spielen in der Aufführung am Roten Tor das Liebespaar Clifford Bradshaw und Sally Bowles.
Bild: Nik Schölzel/Theater Augsburg

Wie John Dew das Musical auf die Bühne bringen wollte, gefiel der Leitung des Theaters Augsburg nicht. Kurz vor der Premiere ist er nun ausgestiegen. Der Vorstellung heute Abend muss das nicht schaden

Die Freilichtbühnen-Premiere (heute Abend 20.30 Uhr) hat in diesem Jahr mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen. Viel schlechtes Wetter in den vergangenen Tagen behinderte die Proben am Roten Tor und dann noch das: Ausgerechnet am Tag der Premiere spielt die deutsche Mannschaft bei der Europameisterschaft in Frankreich im Viertelfinale – und zwar nicht gegen irgendwen, sondern gegen den Top-Gegner Italien. Beim Besucherservice ist deshalb öfters die Bitte zu hören, ob man die Karten für den Premierentermin denn nicht umtauschen könne.

An Schwierigkeiten hätte das auf jeden Fall schon gereicht, doch Weiteres kommt nun hinzu: John Dew, der für die Inszenierung des Musicals „Cabaret“ verantwortlich zeichnen sollte, ist auf der Homepage des Theaters nicht mehr als Regisseur aufgeführt und auch im Programmheft wird sein Name nicht mehr stehen. „,Cabaret‘ ist jetzt eine Produktion des Theaters Augsburg“, erklärt der Pressesprecher des Theaters, Philipp Peters, dazu und ergänzt, man habe sich sehr einvernehmlich getrennt, Streit habe es nicht gegeben. Die Endproben werden von der Theaterführung geleitet, das heißt, Intendantin Juliane Votteler sowie die Leiter der Sparten Musik und Schauspiel, Georg Heckel und Maria Victoria Linke, sitzen am Regiepult und wollen dafür sorgen, dass die Aufführung heute Abend von den Ereignissen hinter den Kulissen nicht beeinträchtigt wird.

John Dew reagierte auf eine Anfrage unserer Zeitung, sich zu dem Vorfall zu äußern, nicht, und auch von Seiten des Theaters will man keine näheren Angaben zu den Gründen für diese kurzfristige Trennung machen. In Fällen wie diesen ist es unter den Beteiligten üblich, Stillschweigen zu vereinbaren. Bei einem Besuch der Orchesterhauptprobe am Donnerstag ist aus Theaterkreisen allerdings zu erfahren, dass es wohl Uneinigkeit über das künstlerische Konzept gegeben hat. Das Musical „Cabaret“ ist nicht zu den üblichen Spektakeln des Genres zu zählen wie „Blues Brothers“ oder die „Rocky Horror Show“, die nächstes Jahr aufgeführt werden soll. „Cabaret“ spielt Ende der 20er Jahre und thematisiert neben dem turbulenten Berliner Nachtleben den aufkommenden Nationalsozialismus. Schauspiel- und Revueszenen bedingen sich in dieser Thematik gegenseitig, sodass „Cabaret“ fern ist von einer bloßen Nummernrevue. Um dieser Ernsthaftigkeit des Stücks gerecht zu werden und die Intimität der Spielszenen zu wahren, schuf John Dew in Zusammenarbeit mit Bühnenbildner Markus Erik Meyer eine Szenerie, die sehr nah an das Publikum rückt (wir berichteten).

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Mit fortschreitender Probenphase muss die Aufführung allerdings immer mehr zum Kammerspiel geworden sein. Einzelne Lieder, die elementar für das Musical sind, fielen weg, auch wenn für die Szenen bereits Kostüme geschneidert waren. Dadurch verschoben sich nicht nur die Akzente der „Cabaret“-Thematik, damit war die Inszenierung wohl auch schwierig vermittelbar als Aufführung einer unterhaltsamen Freilichtveranstaltung auf einer großen Bühne wie der am Roten Tor. Dass „Cabaret“ als Open-Air-Veranstaltung aber nicht grundsätzlich unpassend ist, zeigt die viel gelobte Inszenierung bei den Festspielen Bad Hersfeld im vergangenen Jahr.

Dass Regisseur und Theaterleitung unterschiedliche Vorstellungen haben, das kommt immer wieder vor und war auch in Augsburg schon zu erleben. 2011 gab es Zwist um die Inszenierung der Brecht/Weill-Oper „Mahagonny“. Regisseurin Tatjana Gürbaca hatte als Schlussbild der Inszenierung eine ans Kreuz geschlagene Affenhaut zeigen wollen. Intendantin Juliane Votteler bestand darauf, diese Szene zu streichen, weil dies für den Zuschauer nicht nachvollziehbar sei. Die Regisseurin zog sich daraufhin kurz vor der Premiere zurück und wollte nicht, dass ihr Name im Programmheft erwähnt werde. So wollte es nun offenbar auch John Dew halten, obwohl der Grundstock seines Regiekonzeptes und seiner Probenarbeit weiterhin einen großen Teil der Inszenierung ausmachen.

Anfang Juni noch sprach Juliane Votteler bei der Pressekonferenz zur diesjährigen Freilichtbühnen-Inszenierung von der „sehr großen Ehre, einen der ganz, ganz großen Opern- und Musiktheater-Regisseure“ verpflichtet zu haben. Der 72-Jährige, als Kind britischer Eltern in Kuba geboren und in New York aufgewachsen, ist bekannt für seine mutigen Aktualisierungen und provokanten Inszenierungen. Bei besagter Pressekonferenz hatte John Dew erklärt, an „Cabaret“ schätze er unter anderem, dass die Handlungsstränge nicht, wie sonst beim Genre Musical üblich, „in Stein gemeißelt“ seien, sondern je nach Anlass und Umgebung eine andere Fassung möglich sei. Die Vorstellungen darüber, welche Version nun die geeignete für die Augsburger Freilichtbühne sein könnte, lagen am Schluss wohl zu weit auseinander.

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