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Prozess

07.10.2019

Das Traumauto versinkt im Alkoholsee

Einen Mercedes für 49.000 Euro bar bezahlen? Diese Idee brachte einen Rentner vor Gericht

Ein Rentner will mit 49 000 Euro Bargeld einen Mercedes kaufen und landet im Getränkemarkt. Das hat böse Folgen.

Die Geschichte klingt unglaublich. Sie ist aber so passiert an einem Februartag 2017 in einem kleinen Ort nordöstlich von Augsburg. Kurzfassung: Wie der Traum eines Rentners von einem schicken Mercedes zum wahren Albtraum wurde.

Für den Senior, 64, war eine Lebensversicherung mit einer größeren Summe fällig und auf sein Bankkonto überwiesen worden. Mit einem Teil des Geldes wollte sich der Privatier einen Traum erfüllen – einen schönen Mercedes, den er bei einem Autohändler in einem Nachbarort schon in Augenschein genommen hatte. Der Wagen sollte um die 50000 Euro kosten. Also machte sich der Rentner an jenem frühen Februarabend auf, den Auto-Deal über die Bühne zu bringen.

Der Kaufpreis sollte in bar fließen. Der Privatier steckte genau 98 Banknoten à 500 Euro, also 49000 Euro, in einem Kuvert in die Gesäßtasche seiner Hose. Doch als er an die Tür des Autohändlers klopfte, öffnete niemand. Unverrichteter Dinge kehrte der 64-Jährige um und genehmigte sich stattdessen in einem nahen Getränkemarkt ein Bierchen. Und damit begann die ganze Misere, die für den Privatier nicht nur mit einem gewaltigen Schädelbrummen am nächsten Tag endete, sondern auch mit dem herben Verlust der 49000 Euro. Jetzt, mehr als zwei Jahre später, ist der missglückte Mercedes-Kauf ein Fall für Amtsrichterin Susanne Scheiwiller.

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Wie 98 Banknoten verschwanden

Die Umstände zu klären, die zu dem Verschwinden der 98 Banknoten führten, sind nicht einfach, da der reichliche Alkohol zur Tatzeit wohl die Köpfe der Beteiligten vernebelt hatte. Auf der Anklagebank sitzt, aus der Untersuchungshaft vorgeführt, ein 41-jähriger Rumäne, dem der Diebstahl vorgeworfen wird. Er ist der Sohn des Getränkehändlers. Mit ihm hatte der Rentner damals ordentlich gezecht. Im Zeugenstand erinnert sich der 64-Jährige: „Es waren ganz schöne viele Biere.“ Auf jeden Fall habe er im Getränkemarkt das Geld noch in der Hosentasche gehabt, beteuert er.

Als der Laden schloss, wollten beide Zecher beim Rentner zu Hause weiter feiern. Zu Fuß machte man sich in der Dunkelheit auf den Weg. Offenbar ziemlich betrunken. Denn mitten auf einer Ortsverbindungsstraße verloren beide Zecher den Halt, fielen um und landeten am Rande eines kleinen Flutgrabens.

Ein Autofahrer, 24, der die beiden am Boden liegenden Gestalten im Scheinwerferlicht sah, stoppte und bot seine Hilfe an. Er schildert dem Gericht eine für ihn „sehr komische“ Situation: „Es war eine witzige Stimmung. Die beiden blödelten herum und boten mir Wein an.“ Während der Rentner Hilfe ablehnte und zu Fuß weiter nach Hause ging, ließ sich der Angeklagte im Auto des Zeugen nach Hause bringen. Als er ausstieg, bemerkte der Pkw-Fahrer, wie aus der Hosentasche des Angeklagten etliche lilafarbene 500er-Scheine herauslugten. Und auf dem Beifahrersitz und im Fußraum lagen weitere 500-Euro-Banknoten. Darauf aufmerksam gemacht, räumte der Angeklagte die Scheine zusammen und gab dem Autofahrer zur Belohnung für seinen Hinweis noch einen Fünfziger. Dem Zeugen kam die ganze Geschichte ziemlich seltsam vor. „Ich dachte, ich bin da in ein Drogengeschäft reingeraten.“

Der Privatier, der zu Fuß nach Hause gewankt war, stellte mit größtem Schrecken fest, dass das Kuvert mit den 49000 Euros fehlte. Er machte sofort kehrt, ging noch einmal zu dem Flutgraben an der Straße zurück und fand dort tatsächlich noch das Kuvert. Doch der Umschlag war leer. Der Verdacht, das viele Geld einkassiert zu haben, fiel schnell auf den Sohn des Getränkehändlers. Eine rasche Durchsuchung seiner Wohnung durch die Polizei blieb freilich ohne Erfolg.

Im Prozess lässt der Angeklagte den Anwalt reden

Nun im Prozess lässt der Angeklagte zunächst seinen Anwalt Michael Menzel reden. Sein Mandant, so der Verteidiger, wisse aufgrund des damaligen Alkoholkonsums nicht, ob er das Geld genommen habe. Er könne dies aber auch nicht ausschließen. Er sei am folgenden Morgen mit einem gewaltigen Schädelweh aufgewacht. In den darauf folgenden Tagen sei er von Depressionen und Selbstmordgedanken geplagt worden. Seine Mutter in Rumänien habe ihn dann am Telefon gebeten, zurück in seine Heimat zu kommen. Dies habe der Angeklagte dann auch getan. Ein im Mai 2017 erlassener Haftbefehl führte allerdings erst mehr als zwei Jahre später, im Juni dieses Jahres, zur Festnahme des Rumänen in seiner Heimat und der Auslieferung nach Deutschland. Die 49 000 Euro sind bis heute verschwunden.

Während Anwalt Menzel aufgrund „vieler Ungereimtheiten“ Freispruch fordert, sieht Richterin Scheiwiller den Angeklagten des Gelddiebstahls überführt. Sie stützt sich vor allem auf die Aussage des hilfsbereiten Autofahrers. Der Rumäne wird zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt, der Haftbefehl aufgehoben. Er muss auch Wertersatz leisten. (Symbolfoto: Jan-Philipp Strobel/dpa)

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