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Theater

10.01.2018

Der Feuerwehrmann des Balletts

„Ballett ist so harte Arbeit, da ist es wichtig, dass wir sie mit Freude und in einer guten Atmosphäre tun“, sagt Augsburgs Ballettchef Ricardo Fernando.
Bild: Ulrich Wagner

Ballettchef Ricardo Fernando lacht gern und oft. Das heißt aber keineswegs, dass er nicht auch viel Kampfgeist und Durchsetzungsvermögen besitzt

Hat dieser Mann eigentlich immer gute Laune? Wer Ricardo Fernando begegnet, muss den Eindruck haben: Der Brasilianer, seit dieser Spielzeit Direktor des Augsburger Balletts, ist ein charmanter, quirliger und aufmerksamer Gesprächspartner und lacht oft – mal spitzbübisch, mal lauthals, manchmal auch verbindlich. Ein Menschenkenner und -fänger sei er, wird ihm nachgesagt, ebenso, dass er über viel Empathie und Begeisterungsfähigkeit verfügt. „Ballett ist so harte Arbeit, da ist es wichtig, dass wir sie mit Freude und in einer guten Atmosphäre tun“, sagt der 57-Jährige. Innerhalb weniger Monate ist es ihm gelungen, eine neue Compagnie zu formen. Wie gut dies gelungen ist, ist in „Schwanensee“, seiner ersten Choreografie in Augsburg, zu erleben. „Am Schluss der Vorstellung gibt es Jubel wie im Fußballstadion“, freut sich Fernando. Klar, dass er mit diesem Einstand gut lachen hat.

Hinter der Freundlichkeit des Ballettchefs verbirgt sich allerdings auch eine gute Portion Hartnäckigkeit und Durchsetzungsvermögen, die dann zu spüren ist, wenn es um die Belange des Balletts geht. Zu spüren bekamen das die Verantwortlichen, als Fernando 1993 seinen ersten Job als Ballettdirektor in Bremerhaven antrat. Eine Woche war er im Dienst und erfuhr, dass die Ballettsparte in der darauffolgenden Spielzeit eingespart werden sollte. Die Wut darüber setzte Kampfgeist frei. „Ich wollte der Stadt zeigen, was Ballett ist“, erinnert er sich. Mit den Tänzern, die damals keine eigenen Stücke gestalteten, sondern lediglich in Musical- und Operettenvorstellungen des Theaters auftraten, veranstaltete er eine Gala, die bei den Bremerhavenern die Lust am Ballett weckte. „Diese Gala ist bis heute Geschichte“, erzählt Fernando, denn sie bedeutete, dass die Sparte nicht dem Sparzwang zum Opfer fiel. Seitdem nennt man ihn „Red Adair des Balletts“, in Anlehnung an den berühmten Feuerwehrmann in New York. Auch in den Theatern von Chemnitz, Pforzheim, Regensburg und zuletzt 14 Jahre in Hagen wirkte er ähnlich engagiert und steckte das Publikum mit seiner Begeisterung für den Tanz an. Im vergangenen Jahr sah er in Hagen allerdings keine Perspektive mehr, seine Arbeit weiterzuführen. „Es fehlte nicht nur das Geld, sondern auch die Gesprächsbereitschaft“, erklärt er den Grund, warum er die Stadt verließ. Dass er auf diese Situation auch einmal in Augsburg stoßen könnte, befürchtet Ricardo Fernando übrigens nicht. „Hier steht die Stadt hinter der Kunst“, ist er sich sicher und verweist auf die Theatersanierung.

Als klassischer Tänzer war Ricardo Fernando ziemlich spät dran. Erst mit 21 Jahren wagte er sich an die Stange. Tanzerfahrung hatte er trotzdem reichlich gesammelt – jedes Wochenende in den Discos. „Ich war der John Travolta von Rio“, kommentiert er das. Die Discobesuche waren der Ausgleich für die Schreitischtätigkeit als Beamter in einer Wohnbaugesellschaft. Als er damals aber an einem Tanzwettbewerb teilnehmen wollte, brachte ihn das mit einer Freundin seines Bruders zusammen, die eine klassische Ballettausbildung machte und ihn lehrte, wie er die Bewegungen seines Körpers in eine geordnete Form bringen konnte. „Da wusste ich, das ist das, was ich machen will.“ Zwei Jahre absolvierte er die klassische Ausbildung an einer privaten Ballettakademie, im ersten Jahr nur abends, weil er weiterhin in seinem Beruf arbeiten musste. „Wir waren arm, ich musste die Hälfte meines Gehalts zu Hause abgeben“, erklärt er. Im zweiten Jahr verdiente er sich ein Zubrot mit Gymnastikstunden. Seine Karriere als Tänzer führte ihn dann nach Europa, nach Wien, Amsterdam, St. Gallen und Zürich. Immer an seiner Seite war seine Frau Carla Silva, die er während seines ersten Engagements in Rio kennenlernte, mit der er zusammen tanzte und die ihn später als Stellvertreterin bei der Leitung der Compagnie unterstützte.

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Jetzt steckt das Paar in den letzten Vorbereitungen für die Ballettgala, die an diesem Wochenende stattfindet. Das ist viel Stress, sehen wird man das bei den beiden Vorstellungen aber nicht. „So ist klassisches Ballett für mich: mit Leichtigkeit und ohne Anstrengung“, sagt Ricardo Fernando und lacht.

am 13. und 14. Januar im Martinipark mit Solisten des Het National Ballet Amsterdam, des Astana Ballett Kasachstan, des Finnischen Nationalballetts Helsinki, des Norwegischen Nationalballetts, des Semperoper-Balletts Dresden, des Leipziger Balletts, dem Ensemble des Theaters Ulm und der Augsburger Ballettcompagnie

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