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Porträt

03.05.2017

Die Autorin, die Georg Munk hieß

Wenig war über Paula Buber, die Ehefrau des Theologen Martin Buber, bekannt. Eine Augsburger Doktorandin hat sie nun als selbstständige Schriftstellerin entdeckt

Als Schriftstellerin tarnte sie sich vor 100 Jahren mit dem Männernamen Georg Munk. Damit war Paula Winkler, ab 1907 verheiratete Buber, so erfolgreich, dass ein Rezensent um 1920 lobend hervorhob, Munks Roman „Irregang“ unterscheide sich sehr wohltuend von den Werken viel schreibender Damen: „… welch adlige Hinführung des Geistes, welche Zucht des Forminhalts hier waltet“. Als Paula Buber indes verschwand sie immer hinter ihrem Gemahl, dem berühmten jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Mochte er auch ihre Mitarbeit an seinen chassidischen Geschichten sehr schätzen. „Es ward aus deiner Seele in meine Seele getan“, schrieb er als Widmung.

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Um Paula Buber den ihr gebührenden Platz in der deutschen Literaturgeschichte einzuräumen, haben Studierende der Universität Augsburg nun Leben und Werk der Schriftstellerin in einer Ausstellung mit dem Titel „… zäh, genial, unbedenklich…“ in der ehemaligen Synagoge in Kriegshaber aufbereitet. Danach wird sie nach Heppenheim, Hamburg und Israel gehen.

Ihre Entdeckerin ist Katharina Baur, Doktorandin der Literaturwissenschaft bei Prof. Bettina Bannasch. Für ihre Forschung suchte sie nach einer Münchner Autorin, am liebsten einer jüdischen. Zu Paula Buber, die am 19. Juni 1877 in eine gutbürgerliche Münchner Familie geboren wurde, fand sie zunächst herzlich wenig. „Niemand hatte sich zuvor mit ihr beschäftigt“, erzählt die Doktorandin. Katharina Baur recherchierte mehrere Monate in der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem, ehe sie sich ein Bild von der Schriftstellerin machen konnte. Als Glücksfall erwies sich die Bekanntschaft mit Tamar Goldschmidt, der Urenkelin Paula Bubers. Als deren Nachlassverwalterin verfügt sie über Dokumente, Briefe, Fotos. Sogar der topmodische Schal aus Seide, die eleganten Handschuhe aus Baumwollspitze und die edle Handtasche mit goldgeprägtem Leder haben sich erhalten. In Vitrinen verleihen diese Exponate der Ausstellung Lebendigkeit und intime private Einblicke.

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Paula und Martin Buber, die sich im Studium in Zürich kennenlernten und schon Kinder hatten, ehe sie heirateten, waren offensichtlich ein Herz und eine Seele. In Briefen redeten sie sich gegenseitig mit „lieber Maugli“ an – so heißt das Dschungelkind aus Kiplings Roman. Ihre Verbindung mit Buber, dem Wortführer der Zionisten und berühmten Autor, öffnete Paula viele Türen. Ab 1906 wohnte das Paar in Berlin, 1916 zogen die Bubers nach Heppenheim in Hessen. Der Kleinstadt sollte Paula ein literarisches Denkmal setzen, das nicht jedem Bürger gefiel: Ihr Roman „Muckensturm“ beschreibt ein Jahr im Leben einer kleinen Stadt, die sich immer mehr dem Nationalsozialismus zuneigt. „Sie wollte im Exil nachvollziehen, was geschehen ist, wollte Geschichte in einer Karikatur erzählen“, sagt Katharina Baur. Es flossen Episoden ihrer Freunde ein, sodass sich mancher wiederzuerkennen glaubte.

Erst Jahre nach dem Krieg sollte „Muckensturm“ 1953 erscheinen; auf ihre Anfrage 1947 führte Verleger Lambert Schneider Papierknappheit als Hindernis an. Doktorandin Baur hält es für wahrscheinlicher, dass dieser Roman zu ausufernd erzählt, „er ist nicht leicht zu lesen und ins Englische schwer zu übersetzen“. Als Autorin wusste sich Paula Buber einem Magischen Realismus verbunden. In ihrem Elternhaus kam sie in Berührung mit dem „Renouveau Catholique“ und der mystischen Vision eines Dritten Reiches, lange bevor die Nazis den Begriff pervertierten. In der Ausstellung heißt es, ihre Erzählungen nähren sich aus zwei einander wesensfremden Ideen, nämlich dem genauen Wissen um die reale Gegebenheit des natürlichen und menschlichen Lebens und einer kühn beschwörenden Schau mythischer Mächte und Geschehnisse.

In Zürich studierte sie Germanistik, Sanskrit und indische Religionen. 1901 publizierte sie als Debüt „Betrachtungen einer Philozionistin“, sie trat aus der Kirche aus, erst sechs Jahre später sollte sie zum Judentum konvertieren. Als „jüdisch versippt“ schloss die Reichsschrifttumskammer sie am 26. November 1935 aus. Als 1936 die Hebräische Universität Jerusalem Martin Buber berief, lag die Emigration nahe. Auf Reisen kam das Paar weit herum – in Skandinavien, den USA und wieder nach Deutschland. Am 11. August 1958 starb Paula Buber in Venedig und wurde dort auch bestattet.

bis 28. Mai, geöffnet Do. bis So. 14–18 Uhr, Sonntagsführungen am 7., 14., 21., 28. Mai, jeweils 15 Uhr

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