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Augsburg

29.08.2020

Diese Orte machen Augsburg für Neubürger zur Heimat

Plus Menschen, die nach Augsburg gezogen sind, machten sich Gedanken über ihre „Sehnsuchtsorte“. Manche erinnern sie an das, was sie zurückgelassen haben.

Wie viel Heimat braucht man, um sich an einem fremden Ort heimisch zu fühlen? Wie wird man überhaupt heimisch? Und wie sehen Zugezogene ihre zweite Heimat? Mit diesen Fragen befasst sich das Projekt „Sehnsuchtsorte – in Augsburg daheim, in der Welt zuhause“, das im Rahmen des Friedensfests ins Leben gerufen wurde und das bis Dezember läuft.

Menschen, die nach Augsburg zogen, sind aufgerufen, ihre persönlichen Sehnsuchtsorte zu nennen – seien es Plätze, Straßen, Landschaften oder ein Gebäude. Fotografen halten diese Augsburger Orte fest und stellen sie den Sehnsuchtsorten in der Heimat der Teilnehmer gegenüber. Wir haben einige Neu-Augsburger nach ihren Sehnsuchtsorten gefragt und interessante Antworten bekommen:

Marija Jehle, Kroatien

Marija Jehle lebt seit über 20 Jahren in Göggingen.
Bild: Diana Zapf-Deniz

Marija Jehle hatte die Idee zum Projekt. Die Kroatin kam 1990 nach München und studierte in der Landeshauptstadt Germanistik und Anglistik. Dort lernte sie ihren Mann kennen und lebt mit ihm seit über 20 Jahren in Göggingen. Die dreifache Mutter erinnert sich noch wie heute an den magischen Moment, als sie sich zum ersten Mal heimisch in Augsburg fühlte: „Als ich im Lueginsland war, war es wie ein Déjà-vu für mich. Es hat mich an den Ort zurückversetzt, an dem ich als Kind gerne war, und ich musste sofort an meinem Vater denken.“

Denn mit ihrem Vater führte sie auf einem ebensolchen Platz in Blato auf der Insel Kor˘cula viele Gespräche, suchte den höher gelegenen Ort, der ebenfalls von einer Stadtmauer und Bäumen umgeben war, auf, wenn sie sich nach Ruhe sehnte. „Das Lueginsland ist wieder so ein Ort für mich. So habe ich immer mehr Orte, Straßen, Plätze und Landschaften für mich entdeckt, die mich mit Augsburg sehr fest verbunden haben, und wodurch ich Heimatgefühl entwickelt habe.“ Es sei für sie wie eine Entdeckungsreise und unglaublich spannend und berührend. „Die Mentalität war mir nicht vertraut, aber die Orte, ja die Stadt hat mich für sich eingenommen und später die Menschen.“

Husain Mahmoud, Syrien

Husain Mahmoud stammt ursprünglich aus Aleppo.
Bild: Diana Zapf-Deniz

Mahmoud ist Vorsitzender des Deutsch-Syrischen Vereins „Augsburg hilft Aleppo“. Seit 1990 lebt er in Augsburg, ist Leiter für Gesundheit und Soziales im BBZ-Berufsbildungszentrum und mit einer Schwäbin verheiratet, mit der er zwei Kinder hat. „Kennen Sie den Holbeinplatz in der Altstadt? Dort stehen zwei Bänke und der Paulus-Brunnen umrahmt von Bäumen“, erzählt er. „Das ist wie in Aleppo, meiner Geburtsstadt in Syrien. Bin ich am Holbeinplatz, bin ich in Gedanken in Aleppo.“

Deshalb liebe er das Projekt „Sehnsuchtsorte“, da es in der Fantasie stattfindet und keine Grenzen kennt. Nach Aleppo kann er aufgrund des Krieges seit 2011 nicht mehr. „Aleppo ist 6000 Jahre alt und die am längsten bewohnte Stadt der Welt. Sie wird die Wiege der Menschheit genannt.“ Doch der Krieg habe vieles zerstört. Augsburg liebte er wegen des Wassers und der Brunnen – und weil die Stadt ebenfalls sehr alt ist.

Dieser Platz in seiner Heimatstadt Aleppo in Syrien fehlt Husain Mahmoud. Doch in Augsburg hat er im Holbeinplatz zumindest eine Erinnerung gefunden.
Bild: Plazibat

In seiner früheren Heimat hat das Wasser eine überlebenswichtige Bedeutung. „Die Städte in Syrien sind durch Wüsten getrennt. Wo früher normale Kanalisation war, müssen die Menschen heute zehn Kilometer zu Fuß gehen, um sauberes Wasser zu bekommen.“ Deshalb sieht Mahmoud die Wasserstadt Augsburg mit ganz anderen Augen.

Margarita Goldberg, Russland

Margarita Goldberg ist von Russland nach Augsburg gekommen.
Bild: Diana Zapf-Deniz

Margarita Goldberg wurde in Moskau geboren. „Eigentlich haben Moskau und Augsburg nichts gemeinsam“, findet die Augsburgerin, die seit 23 Jahren in der Stadt lebt, hier zur Schule gegangen ist und den Bachelor of Arts an der hiesigen Hochschule gemacht hat. „Ich habe mich leichtgetan, hier Fuß zu fassen, da ich noch ein Kind war und durch die anderen Kinder gut integriert wurde.“ Gerne erinnert sie sich an ihre Studienzeit in Augsburg zurück und an gemeinsame Kochabende. Die Küche ist ein Ort, den sie bei ihren Großeltern in Moskau ebenso liebte wie in Augsburg. „In der Küche verbringen wir die meiste Zeit mit Freunden und der Familie, das ist für mich Heimat.“

Neubürger zieht es aus vielen Gründen nach Augsburg

Augsburg schätzt die Hobbyfotografin wegen der interkulturellen Vielfalt. Ein Ort, der in anderer Hinsicht ein Sehnsuchtsort für sie ist, ist der chinesische Bogen auf dem Universitätsgelände. „Dieser Bogen versetzt mich in die Ferne. Er könnte ebenso in Chinatown in Amerika stehen. Außerdem ist der Park ein Ort der Begegnung für mich.“ Goldberg ist Mitglied im Integrationsbeirat Augsburg und betreut im Projekt „Sehnsuchtsorte Augsburg“ die Koordination und Social Media.

Jeremy Traun, Deutschland

Jeremy Traun studiert in Augsburg.
Bild: Diana Zapf-Deniz

Jeremy Traun kommt aus Dorfen im Landkreis Erding und studierte zwei Jahre Kommunikationsdesign in Augsburg. Er ist ein echtes Münchner Kindl und wurde in der Landeshauptstadt geboren. In Augsburg fühlt er sich unglaublich wohl. „Mein Sehnsuchtsort ist der Wittelsbacher Park. Ich wohne ganz in der Nähe und gehe gerne spätnachmittags in den Park, um mich mit Freunden zu treffen, auf der Wiese zu sitzen und Wein zu trinken.“ Allerdings gesteht er ein, dass es den Lieblingsort schlechthin in Augsburg für ihn nicht gebe, weil es so viele schöne Orte in dieser Stadt gibt, um sich wohlzufühlen.

Nun zieht es ihn jedoch in die Ferne, denn sein Auslandssemester in Frankreich steht bevor, sofern es aufgrund von Corona klappen sollte. Traun findet überall Orte, um sich heimisch zu fühlen. Als er nach dem Abitur ein Jahr lang in Österreich lebte, war es eine Berghütte, die es ihm angetan hatte.

Eine Berghütte tat es Jeremy Traun an, als er ein Jahr lang in Österreich lebte.
Bild: Plazibat

„Ich denke gerne an diese Hüttenzeit zurück. Das war eine außergewöhnliche Erfahrung und es war ein Ort, an dem man gut über das Leben nachdenken und zur Ruhe kommen konnte.“

Stella Plazibat, Kroatien

Stella Plazibat stammt aus Kroatien. Das Rauschen des Lechs erinnert sie an ihre ehemalige Heimat.
Bild: Plazibat

Stella Plazibat ist seit 1990 in Augsburg. Sie arbeitete bis vor Kurzem beim Radio, ist jetzt bei der Stadt angestellt und stammt ursprünglich aus Kroatien, genauer dem Nationalpark Plitvicer Seen. Die Nachrichtenredakteurin war damals noch ein Kind, als die Fuggerstadt ihre neue Heimat wurde. „Ich erinnere mich noch genau daran, als eine neue Freundin zu mir sagte: ,Komm, wir gehen an den Lech!‘“, berichtet Plazibat. „Dort angekommen, kamen mir plötzlich so viele tolle Momente aus meiner Heimat in den Sinn. Es war das hypnotische Rauschen des Wassers, das mich geholt hat.“ Als sei die Kapsel der Erinnerung durch das Rauschen des Lechs geöffnet worden. Inzwischen habe sie viele neue und schöne Erinnerungen mit Freunden und Familie hier in Augsburg gesammelt. „Es gibt gar keine Trennlinie mehr, wo ich mehr hingehöre oder wo ich mehr zuhause bin.“ Für die Augsburgerin ist Heimat einer der vielen Zufälle im Leben: „Es ist Zufall, wo wir geboren werden.“ Wahlheimaten könne man sich zwar aussuchen, doch spielen auch hier die Zufälle wieder eine Rolle, wo wir landen. „Heimat ist für mich auch, dass man Vertrautes findet und Menschen, die einen erkennen und sich über einen freuen.“

Hanneke Kersting, Niederlande

Hanneke Kersting arbeitet am BBZ in Augsburg.
Bild: Diana Zapf-Deniz

Hanneke Kersting kommt aus Oldenzaal in den Niederlanden. Sie ist Personalberaterin beim BBZ- Berufsbildungszentrum Augsburg. „Mein Mann und ich waren offen für eine Auslandserfahrung“, erzählt sie. „Über Bayern sagte man uns, dass man da sonntags nichts machen könne, weil da alle in der Kirche sitzen“, sagt sie und lacht. „Aber Augsburg ist unsere Heimat geworden. Es ist so eine entspannte Stadt. Hier geht es relaxed zu, und wir haben hier Freunde aus der ganzen Welt gefunden."

Zu Beginn des Projektes dachte sie, dass es keine Verbindung zwischen ihrer alten und neuen Heimat gäbe. Doch beim genaueren Überlegen fiel ihr auf: „Es ist die Geschichte. Denn Oldenzaal ist nicht Oldenzaal ohne die historische St.-Plechelmus-Basilika, und Augsburg ist nicht Augsburg ohne das Rote Tor.“ Augsburg sei wie Oldenzaal eine Stadt, die Altes und Neues miteinander verbindet. Deshalb sind die Roten-Tor-Anlagen ihr Sehnsuchtsort. „Für mich bedeutet Heimat jedoch in erster Linie meine Familie. Wenn wir zusammen sind, bin ich zuhause.“

Agnes Stelzer, Deutschland

Agnes Stelzer haben es Augsburgs Gewässer angetan.
Bild: Diana Zapf-Deniz

Agnes Stelzer ist erst seit einem Jahr in Augsburg. Sie studierte Osteuropastudien und arbeitet heute in der Geschäftsstelle des Integrationsbeirates Augsburg. Bei ihr sind es auch die Gewässer, die es ihr angetan haben. Denn sie stammt aus Kranzberg, Landkreis Freising, und verbindet ihre Kindheit mit dem Fluss Amper und dem Ampertal. „Augsburg hat mich total überrascht. Ich bin begeistert von dieser Stadt und was sie alles kann.“ Die Fußgängerbrücke über die WertachF in der Nähe des Kiosks Sonnenglück ist ihr Sehnsuchtsort in Augsburg. Bei einer Radtour ist der Kiosk meist ihr Startpunkt.

„Das Fahrradfahren und den Fluss verbinde ich stark mit meiner Heimat und meiner Familie.“ Es sei auch das Rauskommen, das sie mit ihrer Freiheit in der Kindheit verbindet. „In Kranzberg kannte jeder jeden. Wir konnten uns als Kinder frei im Dorf bewegen, weil jeder auf uns aufpasste.“ Stelzer hat nun auch die Stadt Augsburg für sich entdeckt: „Es macht vertraut und heimisch, wenn das Unbekannte bekannt wird, wenn man die Straßen und Stadtviertel kennenlernt.“

Marie Smith, Deutschland

Marie Smith ist Sozialpädagogin und Hamburgerin. Die Reaktionen von Freunden und Familien auf den Umzug waren in der Hansestadt nicht durchweg positiv, denn die Hamburger seien stolz auf sich und ihre Stadt und könnten es nicht verstehen, dass man wegzieht.

Marie Smith kam aus Hamburg. Sie lässt ihren Blick gern über die Felder in der Hammerschmiede schweifen.
Bild: Plazibat

„Hamburg wurde mir in die Wiege gelegt, da bin ich geboren. Augsburg habe ich mir bewusst ausgesucht.“ Hier sei sie glücklich geworden mit ihrem Mann, einem gebürtiger Engländer. Hamburg sei groß, laut und hektisch. „Augsburg ist anders. Ich könnte heute nicht mehr in einer Großstadt leben.“

In Hamburg waren Studium und Feiern angesagt. Heute in Augsburg sind es Familie, Kind und Job. Die Felder in der Hammerschmiede nahe ihrer Wohnung haben es ihr angetan. „Die die Blicke schweifen lassen, das erinnert mich an den schönen Hamburger Hafen. Beide Orte schaffen es, dass ich zur Ruhe komme und innehalten kann.“ Das Hamburger Platt, das sie sehr an ihren Vater erinnert, vermisst sie, und mit dem Bayerischen tut sie sich schwer. „Wann immer ich diesen Hamburger Dialekt in Augsburg höre, geht mir das Herz auf.“

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