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Augsburg

28.11.2019

"Einfach ausweichen ist nicht": So bilden die Stadtwerke Straßenbahnfahrer aus

Die Fahrberechtigung ist ortsbezogen, das heißt: Wer in Augsburg die Ausbildung macht, kann damit woanders nicht automatisch fahren.
Bild: Silvio Wyszengrad

Eine Straßenbahn zu fahren, sieht im ersten Moment leichter aus, als es ist. Um eine rund 42 Meter lange Tram zu steuern, braucht man aber viel Erfahrung.

Und plötzlich geht es ganz schnell. „Person auf dem Gleis!“ Ein Ruck geht durch die Straßenbahn. Lose Gegenstände wie ein Kaffeepappbecher rutschen durch die Passagierkabine. Dann Stillstand. Doch Entwarnung, das war alles nur eine Übung. Die einzigen Passagiere an Bord der Tram waren drei Fahrschüler und ein Ausbilder. Die Straßenbahn setzt sich wieder in Bewegung. Der Ausbilder sitzt dabei mit einem einbaubaren Sitz neben dem Schüler in der Fahrerkabine. Mit einer Fernbedienung kann er notfalls eingreifen.

Richard Lutz, 61, bildet seit gut zehn Jahren Tramfahrer bei der SWA aus. Was er in der Zeit erlebt hat? „Ich will nichts verraten, aber Stoff für ein Buch habe ich reichlich“, sagt er. Die aktuelle Gruppe ist die letzte dieses Jahr, die ausgebildet wird. „Jetzt im Herbst ist es am besten, da sie gleich die schlimmste Jahreszeit kennenlernen“, sagt Lutz und erklärt: „Das Laub auf den Schienen fühlt sich wie Glatteis an“. Durch die Feuchtigkeit und die Blätter entstehe eine Art Schmierfilm auf den Gleisen. „Wenn die Tram normalerweise bei 50 Stundenkilometern nach 38 Metern zum Stehen kommt, sind es jetzt deutlich mehr“, sagt Lutz.

SWA-Tramschule: Von Berlin nach Augsburg wegen der Liebe

Zusammen mit seinem Ausbildungsleiter Xaver Geierhos bringen sie den Schülern auch die Theorie bei. „Wir haben eigene Verkehrszeichen und Signale“, erklärt Geierhos. Die Fahrberechtigung für die Tramfahrer sei ortsbezogen. „Wer in Augsburg die Ausbildung macht, kann nicht einfach in München Straßenbahn fahren“, sagt der 62-Jährige. Das musste auch Timo Grüner feststellen.

Der 51-Jährige fährt schon seit 35 Jahren Straßenbahn – doch bisher in Berlin. „Ich bin der Liebe wegen nach Augsburg gezogen und sah, dass die Stadtwerke Fahrer suchen“, erzählt er. Für ihn ist eine Tram zu fahren viel schwerer als ein Auto. „Einfach ausweichen, ist nicht. Man fährt auf Schienen“, sagt Grüner.

Und das kann Geierhos nur bestätigen: „Die Straßenbahn zu bedienen ist leicht, man braucht theoretisch nur einen Arm, doch man muss auch den Blick dafür erlernen“. Als Fahrer müsse man dem Passanten, Rad- oder Autofahrer einen Schritt voraus sein. „Wenn wir nicht vorausschauend fahren und mit den Fehlern der anderen Verkehrsteilnehmer rechnen würden, würde es jeden Tag mehrmals krachen“, ergänzt Lutz.

Ein gutes Jahr würde es nach den Prüfungen dauern, bis ein Fahrer einen siebten Sinn für den Verkehr um sich herum entwickelt. Zudem muss der Fahrer gleichzeitig noch immer darauf achten, dass die Gleise und Weichen frei von Fremdkörpern seien. „Schon ein Stein oder eine große Schraube kann diese blockieren und die Tram zum Entgleisen bringen“, erklärt Lutz.

Xaver Geierhos

Aber wer kann eigentlich Tramfahrer werden? „Voraussetzung ist ein Alter von 21 Jahren und eine volle gesundheitliche Eignung sowie ein Führerschein der Klasse B“, erklärt Geierhos. Ein oder zwei Punkte seien in Ordnung, aber wer öfters mit dem Handy am Steuer erwischt wurde, hat keine Chancen. „So etwas geht gar nicht“, sagt der Ausbildungsleiter. Im Schnitt haben sie monatlich zehn Bewerber. Mal würden mehr gebraucht, mal weniger. „Grundsätzlich suchen wir aber eigentlich immer“, sagt Geierhos.

Kombifahrer sind praktisch

Oft würden auch Busfahrer der SWA zusätzlich lernen, eine Tram zu fahren. „Solche Kombifahrer sind praktisch, um besser die Schichten einzuteilen.“ Auch Studenten seien ab und zu unter den Fahrschülern. „Wir haben bisher immer gute Erfahrungen mit ihnen gemacht“, sagt Lutz. Jedoch würden viele nicht so lange bei der SWA bleiben, vor allem dann, wenn sie ihr Studium beendet haben. „Das ist dann schade, weil man so viel Aufwand betrieben hat, sie auszubilden“, meint Geierhos.

In der Fahrschultram sitzen auch Michael Endrass und Osman Ceylan. Sie sind völlige Neulinge. „Ich habe riesen Respekt vor dem Fahrzeug und bin wahrscheinlich noch ziemlich übervorsichtig“, sagt Endrass. Immerhin ist die Tram gut 42 Meter lang und wiegt voll besetzt rund 70 Tonnen. „Das ist eben kein Smart“, ergänzt Ceylan. „Es ist schon komisch, wenn die Autofahrer Rot haben, wir aber über die Kreuzung fahren dürfen“, erklärt Endrass. Trotzdem schätzen beide das Fahren mit den großen Fahrzeugen. „Die alten M8C gefallen mir am besten, da fühlt man sich wie in einem Oldtimer und so schön erhöht“, sagt Ceylan und meint die Straßenbahnen mit dem Treppeneinstieg, die in den kommenden Jahren ausgemustert werden.

Nach der Prüfung dürfen die Schüler nicht gleich alleine fahren

Alle Schüler der aktuellen Gruppe lernten schon fleißig auf die Prüfungen. Die gesamte Ausbildung dauert zwei Monate oder 37 Arbeitstage. Täglich gibt es zweieinhalb Stunden Theorie und danach Fahrstunden – dann immer ohne Passagiere. Die Prüfung selbst ist in vier Teile aufgegliedert: eine schriftliche und eine praktische. „Dann kommt noch eine sogenannte Abfahrtskontrolle und eine Störungssuche dazu“, erklärt Geierhos.

Der Ausbildungsleiter konnte bestätigen, dass alle Schüler die Prüfungen bestanden haben. Jetzt dürfen die Fahrer mit Passagieren fahren. Jedoch werden sie dann in den ersten 15 Tagen noch von einem erfahrenen Fahrer begleitet, bevor sie alleine unterwegs sind.

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