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AUGSBURG

18.01.2018

Gedenken auf Schritt und Tritt

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Für den Kanu- und Kajaksport legte die Stadt Augsburg 1972 diese Betonrinne mit künstlichen Stromschnellen an. Jetzt muss über eine entsprechende Sanierung verhandelt werden. Im Juli 1970 gingen vor 8000 Zuschauern sieben Weltmeister letztmals auf der Vorgängerstrecke an den Start.
Bild: Häußler

Von waghalsigen Taten und großen Erfolgen erzählen in der Stadt viele Tafeln und Schilder. Stolpersteine sind die jüngsten Zeugnisse der Erinnerungskultur in der Stadt

Würde der geneigte Augsburger oder Augsburg-Besucher alle Gedenktafeln der Stadt aufsuchen wollen, er wäre Tage unterwegs. Allein in seinem Buch „Gedenktafeln erzählen Augsburger Geschichte“ verarbeitete der Autor und Historiker Franz Häußler rund 200 der Inschriften, wie sie an Häusern und Sehenswürdigkeiten verewigt sind. Die meisten von ihnen erinnern an mehr oder weniger prominente Menschen sowie mehr oder weniger skurrile Umstände.

Die Geschichte von Salomon Idler gehört zweifelsohne zu den erheiternden Begebenheiten, die bis heute gerne widergegeben werden. Laut Häußler wird das Andenken an den Flugpionier mit der 1970 gesetzten Gedenktafel und mit der 1972 nach ihm benannten Straße im Universitätsviertel wachgehalten. Der Schuster von „Cannstadt in Wirtenberg“ bekam durch Heirat einer Schuster-Witwe als Zugereister das „hiesige Bürgerrecht“ und durfte eine Werkstatt führen. Bekanntheit erhielt der in der Jakobervorstadt niedergelassene Mann Mitte des 17. Jahrhunderts als Tüftler, Possenreißer, Poet, Schauspieler, vor allem aber als Flugpionier – wenn auch von zweifelhaftem Ruf.

Hennen erschlagen  

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Denn Idler ging als glückloser Flieger beziehungsweise Bruchpilot in die Geschichtsbücher und Hausinschriften ein. Er habe sich unterstehen wollen, vom „Perlen Thurn“ – sprich, Perlachturm – zu segeln. Das Ergebnis ist heute in Stein gemeißelt. Nachdem ihm die Genehmigung zum Start vom Perlach verwehrt blieb, habe Idler seine Flugkunst „in dem Rahmgarten“ erprobt. Dort flog er „von einem Dächlen auf eine Brett-Prugg“, unter der sich etliche Hennen befanden, die er mit „Knall und Fall“ erschlug. Fürderhin wurde er spöttisch der „fliegende Schuster genannt“. Seine aus Eisenbeschlägen und allerhand gefärbten Federn erstellten Flügel soll er infolgedessen „zu Oberhausen“ haben auf einem Hackblock zerhauen lassen.

Beginn Goldener Zeiten

Kleine schwarze Täfelchen erzählen am Eiskanal zwischen Hochzoll und Spickel von großen, sportlichen Ereignissen. Die Geburtsstunde des Kanu-Slalom als olympische Disziplin geht auf 1972 zurück. Mit Elisabeth Micheler begann eine Gold-Serie von Augsburgern in dieser Sportart. Als Mitglied des TSV Schwaben 1847 Augsburg siegte Micheler 1992 in La Seu d’Urgell. Ihr folgten Oliver Fix 1996 in Atlanta/USA, Thomas Schmidt im Jahr 2000 in Sydney und Alexander Grimm 2008 in Peking aufs höchste Treppchen. Neben den Gedenksteinen zeugen heute eine von den Sportlern eigenhändig gepflanzte Linde, eine Eberesche, eine Eiche und ein Ginkgo nahe der legendären Strecke im Stadtwald von den glorreichen Zeiten.

Der Eiskanal galt, wie in der Zeitung nachzulesen, schon 1950 als schnelle und äußerst schwierige Strecke. Auf dem mit hölzernen Hindernissen, Querbrettern und Verengungen bestückten „Eiskanal“ fand 1957 erstmals die Kanu-Weltmeisterschaft statt. Am 18./19. Juli 1970 gingen vor 8000 Zuschauern sieben Weltmeister letztmals auf der alten Strecke an den Start. Tags darauf nahm Oberbürgermeister Wolfgang Pepper mit einem Schaufelbagger den ersten „Spatenstich“ für die neue Wettkampfstätte vor: 660 Meter lang, zehn Meter breit, 4,5 Meter Gesamtgefälle. Das dosierbare Lechwasser legt bis zu fünf Meter pro Sekunde zurück. Jetzt bewirbt sich die Stadt wieder darum, Austragungsort für eine Weltmeisterschaft zu werden und hofft auf Förderung bei der Ertüchtigung der Sportstätte durch den Freistaat.

National-Elf eingekleidet

Der in vielerlei Sportarten beheimatete Max Gutmann (†1996) erreichte bereits in den 1950er-Jahren in Augsburg auf unternehmerischem Gebiet einen hohen Bekanntheitsgrad. Laut Häußler eröffnete er im Alter von 22 Jahren 1945 in der elterlichen Wohnung am Mittleren Graben eine Bekleidungsfirma. Drei Jahre später mietete er ein Ladenlokal an Bahnhofstraße. „Ob’s regnet oder heiter, sei Gutmann Dein Bekleider“, habe sein Werbeslogan geheißen. Doch sein Herz schlug vor allem auch für den Sport. 20 Jahre lang kleidete er die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ein und machte sich in Augsburg als Sportförderer einen Namen. Ein weiterer Grund, sich an ihn zu erinnern, jährt sich am 14. Juni, wenn die Weltmeisterschaft 2018 in Russland beginnt.

Deutschlandweite Popularität verschafften die von ihm und dem Sportjournalisten Horst Eckert 1965 gegründeten „Datschiburger Kickers“ – eine Prominenten-Elf mit wechselnden VIPs aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport. Die Datschiburger Kickers erspielten bis zu Gutmanns Tod über 2,5 Millionen DM für wohltätige Zwecke.

Manche der Tafeln entbehrt nicht einer gewissen Aktualität. Erwähnt sei die Taubenmarie, der Erika Bartmann-Oelze auf dem Stadtmarkt ein Denkmal setzte und eine Brunnenfigur stiftete. Dort, wo das Taubenfüttern aus Hygienegründen streng verboten ist, führt das Abbild von Maria Karolina Schuhmann – kurz „Taubenmarie“ – seither aber ein stiefmütterliches Dasein. Eingekreist von „ihren Täublein“, wie sie laut Häußler die Tiere nannte, schiebt sie den Kinderwagen mit dem Futtereimer heute nahe dem Eingang zum Parkhaus und wartet laut Marktamtsleiter Werner Kaufmann auf den Umzug zum Bauernmarkt. Auch Stadtbaurat Otto Holzer, Namensgeber des stark frequentierten Bürgertreffs in der Neuschwansteinstraße, hat ein würdiges Andenken verdient. Auf dem Westfriedhof ließ man die verblasste Inschrift seines Grabes aufpolieren.

Stolpersteine erlaubt

Auf Schritt und Tritt können uns mittlerweile Erinnerungen begegnen. Die jüngsten Zeugnisse dieser Erinnerungskultur dürften die Stolpersteine sein, die seit Anfang Mai vergangenen Jahres auf öffentlichem Grund verlegt werden dürfen. Sie erinnern an Bürger, die durch die Nationalsozialisten ihr Leben verloren. Wie auch die Erinnerungsbänder, die als alternative Gedenkzeichen ebenfalls seit 2017 – meist an Straßenlaternen – installiert werden. Auch darauf sind die Namen der Opfer eingraviert.

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