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Augsburg

05.10.2019

Geisterhaus und Hohes Meer: Was läuft an den ewigen Baustellen schief?

Während im Domviertel viel gebaut wird, kommt die Sanierung des „Hohen Meeres“ (Mitte) kaum voran.
Bild: Bernd Hohlen

Plus Zwei Immobilien in Augsburg werden seit langem saniert, doch viel passiert ist nicht. Bei beiden Projekten wirken die geschäftlichen Hintergründe rätselhaft.

Was für ein hübscher Name für eine Gaststätte. „Hohes Meer“, so hieß die Wirtschaft in der Frauentorstraße früher, es war dort bestimmt einmal ganz nett. Im Internet lassen sich noch Ansichtskarten finden mit dem Gebäude als Fotomotiv. Das ist die Vergangenheit. Schwer vorstellbar, dass die Immobilie in der Gegenwart für eine solche Karte verwendet werden könnte, es sei denn, jemand wollte eine besonders eindrucksvolle Bauruine zeigen.

Seit Jahren soll das Haus saniert werden. Die Firma German Property Group, die früher Dolphin Trust und noch früher Dolphin Capital hieß, will dort Luxuswohnungen errichten. Bereits 2011 hatte das Unternehmen angefangen, sie zu vermarkten. Doch immer noch ist kein Käufer oder Mieter in das historische Gebäude gezogen, mehr noch: Seit Jahren scheint auf der Baustelle so gut wie nichts zu passieren, und wenn, dann so wenig, dass es für Außenstehende kaum wahrnehmbar ist, von einer halbwegs erneuerten Fassade einmal abgesehen. Das erstaunt auch deshalb, weil die Lage der Immobilie eigentlich attraktiv ist, das Unternehmen Klaus-Bau hat zwischenzeitlich quasi um die Ecke in der Georgenstraße mehrere Dutzend Eigentumswohnungen hochgezogen und verkauft sie für viel Geld. Doch während sich das Viertel massiv verändert, bleibt die Bauruine in der Frauentorstraße eisern bestehen, was die Frage aufwirft, was eigentlich der Hintergrund des eigentümlichen Baustillstandes ist.

Weitere Projekte der German Property Group sind in den Schlagzeilen

Hinzu kommt, dass denkmalgeschützte Objekte der Unternehmensgruppe in attraktiven Lagen, die einfach nicht fertig werden oder gar verfallen, seit Jahren in den Schlagzeilen sind, nicht nur in Augsburg. In Bamberg musste das Technische Hilfswerk etwa unlängst ein akut einsturzgefährdetes Gebäude der Gruppe in der historischen Sandstraße sichern, im oberbayerischen Markt Reichertshofen ist ein mehr als 600 Jahre altes Wahrzeichen, die Stockau-Mühle, im Besitz der früheren Dolphin Trust und gammelt ziemlich vor sich hin, wie der Donaukurier berichtete. Und im hessischen Hanau stehen Stadt und Unternehmen in einem Rechtsstreit, weil die Kommune gerne eine verwahrloste Wohnsiedlung per Vorkaufsrecht erwerben will, deren Sanierung seit Jahren keine erkennbare Fortschritte macht.

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Der Bayerische Rundfunk berichtete zuletzt kritisch über das Geschäftsmodell der German Property Group. Es sehe vor, bei ausländischen Anlegern Geld einzusammeln und davon sanierungsbedürftige, denkmalgeschützte Immobilien in Deutschland zu erwerben. Mehrere Anleger warteten demnach seit Monaten auf die Rückzahlung ihrer Einlage. Die German Property Group sagt auf Anfrage, lediglich zehn von 60 Projekten seien in Verzug, 50 liegen demnach im Zeitplan. 20 Prozent der Investoren müssen aus diesem Grund mit einer verspäteten Auszahlung ihres Investments rechnen. Für diese Verspätung würden die Anleger angemessen entschädigt. Da die Rückzahlung des Geschäftsmodells vor Baubeginn geschehe, gebe es keinen kausalen Zusammenhang zwischen länger andauernden Sanierungsarbeiten und Rückzahlungen der Investments.

Warum dauert es in Augsburg länger?

Und der Grund für die Verzögerungen? „Bauarbeiten ziehen sich vor allem dann in die Länge, wenn die örtliche Bauwirtschaft ausgelastet ist“, heißt es auf Anfrage. In Augsburg gebe es zudem spezielle Umstände. Arbeiten könnten „nur in Abstimmung mit dem Denkmalamt und der Stadtarchäologie“ durchgeführt werden, Grabungen seien fortlaufend gegenüber der Stadtarchäologie zu dokumentieren. Zudem seien aufgrund der Lage Kampfmitteluntersuchungen vorgegeben worden. Soll heißen: Kompliziert, die Thematik.

Von der Stadt heißt es, grundsätzlich gebe es „Abstimmungserfordernisse“, alle Arbeiten an dem Einzelbaudenkmal und im Bereich eines Bodendenkmals müssten in Abstimmung mit den Denkmalbehörden und der Stadtarchäologie ausgeführt werden. Diese Forderung sei aber nichts Außergewöhnliches, sondern werde jedem Bauantragsteller durch entsprechende Auflagen in der Baugenehmigung mitgeteilt. Bei der Frauentorstraße 32 stamme diese von 2013. „Besondere denkmalrechtliche Anforderungen“ gebe es über das bei Baudenkmälern übliche Maß hinaus nicht, heißt es aus dem Baureferat. Wann das Projekt fertig sein könnte? Man könne derzeit „keine Angaben zu Bauzeitenplänen“ machen, teilt die Gruppe mit. Gegenüber dem BR hatte sie noch von 2020 als Fertigstellungstermin gesprochen, gegenüber unserer Redaktion hieß es bereits 2017, man hoffe, dass „bald erste Erfolge sichtbar sein werden“.

Erste Erfolge am Geisterhaus in Augsburg

Erste Erfolge sollten mittlerweile eigentlich auch längst bei einem anderen Bauprojekt in der Innenstadt sichtbar sein, und zwar bei dem Gebäude am Schmiedberg, das in Augsburg aufgrund eines endlos erscheinenden Leerstandes als "Geisterhaus" Bekanntheit erlangte. Es gehört einem Geschäftsmann mit kasachischen Wurzeln, der seine Adresse in Dubai hat, der größten Stadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Es gibt durchaus Gemeinsamkeiten zum „Hohen Meer“.

Das sogenannte „Geisterhaus“ hat sich sichtbar verändert. Eine Insolvenz verzögert den Umbau aber.
Bild: Bernd Hohlen

Auch im Fall der Immobilie am Schmiedberg sind die geschäftlichen Hintergründe international verflochten und wirken rätselhaft bis dubios. So reichen die geschäftlichen Verbindungen des Eigentümers der Immobilie nach Recherchen unserer Redaktion nach Großbritannien, in die Türkei, nach Kirgistan, nach Usbekistan. Die Verflechtungen und Geschäfte seiner Firmengruppe „AKA International“ sorgten in mehreren dieser Länder für kritische Nachfragen und Berichte von Medien. Ein ungewöhnlicher Hintergrund, nicht nur für Augsburger Verhältnisse. In Deutschland gehört das Unternehmen „AKA Petroleum“ zur Gruppe, laut früherer Homepage ein „multinationaler Energiekonzern“. Auf der Website stand als Kontaktadresse die Baubrache am Schmiedberg, die bis heute keinen Briefkasten hat. Die in München gemeldete Firma präsentierte in ihrem jüngsten Jahresabschluss eine Bilanzsumme von 70 Millionen Euro.

So seltsam manches an dem Projekt auch wirkt, so sehr der zuletzt genannte Fertigstellungstermin – Herbst 2019 – nicht einzuhalten ist: In den vergangenen eineinhalb Jahren hat sich an dem Gebäude etwas getan: Fassade, Fenster, Dachgeschoss. Das Wohn- und Geschäftshaus, das hier entstehen soll, ist zumindest zu erahnen. Nach Auskunft des Architekten liegt die aktuelle Verzögerung auch an der Pleite des zunächst engagierten Generalunternehmers – tatsächlich ging das 2018 gegründete Bauunternehmen bereits dieses Jahr insolvent. Nun sollen die Arbeiten einzeln ausgeschrieben werden. Unwahrscheinlich, dass vor Ende 2020 wieder Leben ins „Geisterhaus“ einzieht.

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