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15.12.2009

Häuser mit Erinnerungen

So viele Menschen waren schon lang nicht mehr zu einer Vernissage ins Architekturmuseum gekommen. Diesmal drängten sich in den Räumen der Bucheggervilla zahlreiche Augsburger Hausbesitzer und -bewohner sowie deren Angehörige, weil sie "ihr Haus" sehen wollten.

Die Ausstellung "Häusergeschichten", ein Gemeinschaftsprojekt von Museum und Geschichtswerkstatt, hat die Bürger auf fruchtbare Weise beteiligt. Sie erzählten von ihrem Haus, steuerten Fotografien und private Unterlagen bei. So können Barbara Wolf (Architekturmuseum) und Gerhard Fürmetz (Geschichtswerkstatt) nun mit der Ausstellung ein Stück Augsburger Geschichte erzählen.

Deren Reiz macht zweifellos aus, dass sie immer eine allgemeine und eine private Seite hat. Die Häuser einer Stadt sind die Zeugen der Stadtgeschichte und zugleich persönliche Erinnerungswelt. Wo man wohnte, erlebte man notgedrungen Geschichte mit. Man hatte aber auch eine Fülle von Erlebnissen, die nur einem selber gehören - die Kinderspiele im Garten, der Schulweg, die familiären Rituale oder zumindest die Erinnerungen daran.

So weiß die in den USA geborene Miriam Friedmann, Tochter des vor den Nazis aus Augsburg geflohenen Friedrich Georg Friedmann, nur aus Erzählungen, dass ihre Urgroß- und Großeltern gern im ersten Stock des Münchschen Palais am Martin-Luther-Platz am Fenster saßen. 1766 wurde das Rokoko-Ensemble mit seinen zwei Innenhöfen von Baumeister Johann Gottfried Stumpe errichtet, ab 1872 betrieben die jüdischen Familien Friedmann und Dannenbaum hier ihren Wäschegroßhandel, 1938 musste Unternehmer Ludwig Friedmann sein Haus 1944 im Zug der "Arisierung" des NS-Staats zum halben Preis verkaufen, 1944 wurde es im Bombenhagel des Kriegs zerstört. Die Kreissparkasse erbaute an seiner Stelle in der Nachkriegszeit einen Neubau.

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Noch heute steht das spätmittelalterliche Handwerkerhaus Am Brunnenlech, das der Besitzer Wilhelm Knoll aufs Schönste restauriert hat - sein dort betriebenes Café Rufus ist beliebt. Das Haus mit dem Mansarddach (es stammt aus dem 18. Jahrhundert) war ab 1441 ein Badhaus mit "Radgerechtigkeit" - das heißt, die Hausbewohner durften mit dem Schöpfrad Wasser aus dem Lechkanal holen. Die Besitzer waren Bader, später Färber.

Herr Borsalino baute in der Lessingstraße

Für ein wesentlich jüngeres Stück Augsburger Sozialgeschichte steht das Lechhauser Wohnhaus mit der schönen Adresse "Im eigenen Heim 25". 1922 wurde es als Teil einer Genossenschaftssiedlung erbaut; Ziel war wie bei anderen Siedlerhäusern, armen Menschen Wohnraum zu verschaffen, und zwar in einem günstigen "Sparbausystem". Eigentlich zu klein waren die Häuschen im Bärenkeller, an der Langen Gewanne 25, konzipiert, die ab 1935 im Zug der NS-Wohnbaupolitik an "politisch zuverlässige" Familien vergeben wurden: Höchstens 50 Quadratmeter standen einer Familie zur Verfügung. Dafür gab es wie in allen Siedlerhäusern große Gärten, in denen man Obst und Gemüse zog.

Den Borsalino kennt man als schönen Herrenhut, aber dass ein Borsalino, nämlich Enrico, Spross der Hutfabrikantenfamilie 1922 ein Haus in der Lessingstraße im Bismarckviertel bauen ließ, dürfte kaum jemandem bekannt sein. Alexander Kirchner, der jetzige Besitzer, hat die Geschichte für die Ausstellung recherchiert.

Das jüngste der 23 im Museum vorgestellten Gebäude (Villen, Bürger- und Handwerkerhäuser sowie Arbeiterwohnungen aus fünf Jahrhunderten) ist ein siebenstöckiges Mietshaus. 1954 wurde es am Rande des Beethovenviertels in der Schießgrabenstraße errichtet - schicke Modernität der Fünfzigerjahre mit Glasbausteinen und Laubengängen. Anonymität und wechselnde Belegungen haben hier freilich die Bindung an "mein Haus" ersetzt.

Laufzeit bis 28. Februar 2010, geöffnet täglich außer Montag 14 - 18 Uhr.

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