1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Jobcenter kürzt Hartz IV über 4600 Mal

Sanktionen

21.11.2012

Jobcenter kürzt Hartz IV über 4600 Mal

Eckart Wieja

Vermittler müssen immer öfter bei säumigen Langzeitarbeitslosen durchgreifen. Vor allem, weil es mehr Stellenangebote gibt

Auch in Augsburg muss das Jobcenter immer häufiger Leistungen von Langzeitarbeitslosen kürzen. Innerhalb eines Jahres waren es über 4600 Fälle, wie Jobcenter-Leiter Eckart Wieja auf Anfrage mitteilt. Die Sanktionsquote stieg damit von 4,7 Prozent 2011 auf 6,8 Prozent in diesem Jahr. Mit diesem Wert liegt Augsburg noch deutlich über dem bundesweit steigenden Trend.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

Dieser Inhalt ist älter als 30 Tage und steht daher nur Abonnenten mit einem Plus+ Abo zur Verfügung.
Jetzt ab 0,99 € testen

Nach einer neuen Statistik der Bundesagentur für Arbeit greifen die deutschen Jobagenturen bei säumigen Langzeitarbeitslosen inzwischen so häufig durch wie noch nie. Binnen zwölf Monaten wurden mehr als eine Million Sanktionen erlassen. Das entspricht einer „Missbrauchsquote“ von 3,2 Prozent.

Warum aber liegen die Werte in Augsburg mehr als doppelt so hoch wie bundesweit? Geht die Augsburger Jobagentur härter vor als andere Behörden? Wieja sagt: „Wir forcieren die Sanktionen nicht.“ Der entscheidende Hintergrund sei der gute Arbeitsmarkt. In Augsburg gebe es in dieser Hinsicht eine Sondersituation. „Für unsere Kundschaft ist die Lage bei Jobangeboten so gut wie noch nie“, so der Leiter des Jobcenters.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Allein mit der Ansiedlung des Versandhändlers Amazon in Graben sind rund 1700 neue Jobs entstanden, darunter viele für Menschen mit geringer beruflicher Qualifikation. Dazu kommen noch viele Saisonkräfte etwa für einfache Lagerarbeiten, die Unternehmen einstellen.

Wenn aber viele Jobs auf dem Markt sind, können Langzeitarbeitslose potenziell mehr Jobangebote ablehnen, so Wieja. Damit wiederum steigt die Sanktionsquote. Aktuell gibt es rund 2250 Langzeitarbeitslose in Augsburg. Sie bekommen Hartz IV. Für einen Single liegt der Satz bei 374 Euro im Monat.

Die Jobagentur kürzt diese Leistungen bei Verstößen um bis zu 30 Prozent, beispielsweise wenn ein Betroffener sich weigert, eine zumutbare Arbeit anzunehmen, wenn er nicht an einer verpflichtenden Fortbildung teilnimmt oder wenn er nicht zum Termin im Jobcenter erscheint. „Letzteres kommt am häufigsten vor“, sagt Wieja.

Das Jobcenter lege aber großen Wert darauf, dass Kürzungen von Hartz IV nicht zulasten von Kindern gehen. Alleinerziehende machen rund 20 Prozent der Langzeitarbeitslosen in Augsburg aus. Als größte Problemgruppe bei der Vermittlung gelten allerdings Menschen, die lange arbeitslos waren, sehr gering qualifiziert sind und vielleicht noch Gesundheitsprobleme haben, wobei auch mehrere Probleme zusammentreffen können.

Bei den sozialen Beratungsstellen in Augsburg beurteilt man die Probleme durch zunehmende Sanktionen unterschiedlich. „Manche Forderungen des Jobcenters sind sehr schwer zu erfüllen“, sagt Regina Hinterleuthner von der Caritas. Besonders für alleinerziehende Mütter mit kleinen Kindern sieht sie Probleme.

Beraterin Lisa Hagins von der Diakonie sagt: „Es gibt einzelne Fälle, in denen es nicht so gut läuft, in den letzten Wochen hatte ich aber keinen einzigen Sanktionsfall.“ Als größte Schwierigkeit sieht sie, dass Langzeitarbeitslosen mitunter das Verständnis für die Abläufe in einem Jobcenter fehle. Dann sei Ärger programmiert. Für diese Klientel gebe es aber „Ämterlotsen“, die mit zum Termin gehen. Falls Betroffene Sanktionen als nicht gerechtfertigt ansehen, können sie sich auch Rat in der neuen „Rechtsambulanz“ der Diakonie holen. Einmal im Monat beraten Anwälte zum Sozialrecht kostenlos. "Kommentar

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren