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Soziales

23.08.2016

Nicht mehr mit Händen und Füßen reden

Megan Rees und Angelika Hartwich geben beim Verein Tür an Tür Deutschkurse für Flüchtlinge
Bild: Silvio Wyszengrad

Angelika Hartwich gibt seit Jahren Deutschkurse für Flüchtlinge bei Tür an Tür. Megan Rees ist im Sommer dazugekommen. Die Organisation zählt 300 Schüler pro Trimester. Die Dozentinnen berichten aus ihrem Alltag

Angelika Hartwich hat schon viele Flüchtlinge begleitet. Als Dozentin in den Deutschkursen des Vereins Tür an Tür hat sie in Alphabetisierungskursen mit Frauen und Männern mit Händen und Füßen gesprochen, um sich verständlich zu machen. Es gibt aber auch Kurse, da liest sie mit Schülern Zeitung und diskutiert über die Rolle der Frau. Sie weiß: „Die Bandbreite ist riesig: Manche haben zuvor noch nie eine Schule besucht und wissen gar nicht, wie man den Stift richtig hält. Manche kennen nur das arabische Alphabet und wiederum andere haben in ihren Heimatländern studiert und lernen sehr schnell.“

Bereits 2005 bot Tür an Tür Deutschkurse an. Seit dem Anstieg der Flüchtlingszahlen ab 2012 nimmt der Verein nur noch Teilnehmer auf, die in Augsburg wohnen. Seit Herbst 2015 werden nur noch Flüchtlinge aufgenommen, die keine andere Möglichkeit haben, Deutsch zu lernen: Also in erster Linie keine Flüchtlinge aus Eritrea, Irak, Iran und Syrien, denen bereits während des Asylverfahrens ein staatlicher Integrationskurs offensteht. Ehrenamtlich organisierte Deutschkurse gibt es mittlerweile in der gesamten Region.

2010 meldete sich Angelika Hartwich nach einem Artikel in unserer Zeitung bei Tür an Tür. Die Gymnasiallehrerin befand sich in einem Sabbatjahr und interessierte sich sofort für die ehrenamtliche Tätigkeit. Die 58-Jährige ist dabei geblieben. Inzwischen ist sie nicht mehr im Schuldienst, kümmert sich um ihre Enkel - und um ihre Sprachschüler.

Ihre Kollegin Megan Rees, 21, ist kürzlich eingestiegen. Sie studiert Deutsch als Zweitsprache und hat schon Unterricht in den Beruflichen Fortbildungszentren bfz gegeben. Die Kurse bei Tür an Tür waren ihr empfohlen worden. Beide können sich ihr Leben ohne die Arbeit mit den Flüchtlingen nicht mehr vorstellen. Weil ihnen Dankbarkeit entgegengebracht wird, weil sie den Hilfesuchenden etwas mit auf den Weg geben können: die Sprache, Grundvoraussetzung für einen neuen Start in Deutschland. Das ist nicht immer einfach. „Es gibt welche, die Ziele haben. Einer, der an der Universität studieren will, einer, der in der Autoindustrie arbeiten will, ein anderer, der im Krankenhaus ein Praktikum als Pfleger gemacht hat und nun dort auch eine Ausbildung machen möchte. Die packen das, da bin ich mir sicher. Es gibt aber natürlich auch einige, die sich sehr schwertun und vieles nicht verstehen“, erzählt Megan Rees.

Sie erzählt auch von dem Mann, der im Unterricht einschlief. Wegen seiner Traumatisierung nahm er Psychopharmaka, die ihn müde machten. „Zu Beginn eines Semesters sind es etwa 24 bis 25 Schüler, nach wenigen Wochen dann etwa die Hälfte. Das ist ganz normal. Manche erhalten eine Arbeitserlaubnis und haben keine Zeit mehr, andere sind krank oder traumatisiert. Zudem ist die Teilnahme freiwillig“, sagt Hartwich. Doch es gibt auch Teilnehmer, die jede Stunde besuchen, da es für sie eine willkommene Gelegenheit ist, ihre Unterkunft zu verlassen.

Im Vorfeld eines Trimesters werden die Teilnehmer eingestuft. „Es gibt immer so 300 Anmeldungen“, sagt Hartwich. Es gibt Alphabetisierungskurse für Anfänger - zuletzt waren es drei gleichzeitig - und dann vier weitere Kurse unterschiedlicher Niveaustufen. So wird beispielsweise in der Kursstufe 2 über Getränke, Speisen und Restaurantbesuche gesprochen. Und geübt: „Jeder darf mal in die Rolle des Gastes oder die des Obers schlüpfen. Die Kursteilnehmer müssen dann auch mal lachen, wenn der Mann sagt, dass sich die Frau nichts Teures aussuchen soll.“ Doch es wird auch oft traurig: Wenn die Schüler erzählen, dass sie ihre Familie vermissen, Frau oder Mann verloren haben. „Das sind die Momente, in denen man so demütig wird, weil es uns so gut geht“, sagt Hartwich, die sich auch in ihrem Heimatort Stätzling in einem Helferkreis engagiert.

Mit den Teilnehmern der höchsten Stufe hatte Hartwich eine SMS-Gruppe. „Am Ende haben wir darüber ein Picknick in den Rote-Torwallanlagen organisiert und jeder hat etwas mitgebracht. Von ihnen bekommt man so viel zurück. Das ist schön und spornt an.“

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