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Augsburg

04.10.2012

Pendler-Leid: Täglich grüßt der Wiesn-Wahn

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Oktoberfest-Besucher, so weit das Auge reicht. Mittendrin: ein pendler. Ihn erkennt man an dem Aktenkoffer. Und an der Tatsache, dass er seine Ruhe will.
Bild: Peter Fastl

Zur Oktoberfestzeit sind die Züge auf der Strecke zwischen Augsburg und München rappelvoll. Viele Berufstätige sind davon alles andere als begeistert. Und was tut die Bahn dagegen?

Robert Goltze hat nach eineinhalb Wochen Oktoberfest die Nase voll. Dabei war der Augsburger selbst noch gar nicht auf der Wiesn. Dem Mitarbeiter einer Münchner IT-Firma reicht, was er täglich auf der Bahnstrecke zwischen Augsburg und München erlebt: „Die Züge sind verdreckt und verspätet“, klagt Goltze. „Und wenn man Pech hat, setzen sich noch Halbbesoffene zu einem und pöbeln rum.“

Pendlern aus der Region graut es vor der Wiesn

Ihm reicht’s. „Wenn ich könnte, würde ich zwei Wochen Urlaub nehmen.“ Sagt’s und verschwindet mit seiner Aktentasche im Regionalexpress RE 57090 Richtung Augsburg – irgendwo zwischen Dirndl- und Lederhosenträgern auf der Suche nach einem Sitzplatz. Es ist 17.51 Uhr, Gleis 19, München Hauptbahnhof.

Es ist die Zeit des Jahres, vor der es vielen Berufstätigen aus der Region graut. Pendeln sie mit dem Zug nach München, müssen sie den Platz in der Bahn derzeit mit vielen Oktoberfestbesuchern teilen. Bierzeltstimmung im Bahnabteil – manchmal schon auf dem Weg ins Büro. Auch am Dienstagmorgen blitzen auf dem Bahnsteig in Augsburg viele bunte Dirndl und nackte Waden zwischen dem einheitsgrauen Bürolook hindurch. Die einen warten mit einem Coffee to go, die anderen mit der Bierflasche in der Hand. Es ist voll am Gleis acht kurz nach 9 Uhr.

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Zwei Servicemitarbeiter mischen sich unters gemischte Volk. Sie sollen für Ordnung sorgen, wenn gleich der Zug einfährt. „Es ist der Horror“, stöhnt eine. Gerade um diese Zeit. Denn ab 9 Uhr gilt das Bayern-Ticket, das viele Gruppen auf dem Weg zum Oktoberfest nutzen. Wer’s ernst meint mit der Wiesn, nimmt dann gleich den ersten Zug um 9.06 Uhr. Viele scheinen es an diesem Tag ernst zu meinen. Die Abteile sind voll, die Menschen in den Gängen gedrängt, manche sogar an die Türen gequetscht, als der Zug Augsburg verlässt.

Zusätzliche Waggons sind nicht möglich

Positive Zwischenbilanz auf dem OktoberfestViele Fahrgäste sind sauer: Zumindest ein paar zusätzliche Waggons könnte die Bahn doch einsetzen, meinen sie. Doch das ist nicht so einfach, wie Sprecher Bernd Honerkamp erklärt. Moderne Züge bestehen aus festen Einheiten – Triebwagen plus Passagierbereich. Daran könnten nicht wie früher einzelne Wagen flexibel angehängt werden. Die meisten Züge ab Augsburg fahren bereits jetzt als Doppelgespann, sagt er. Einen dritten Triebwagen anzukoppeln, sei nicht möglich, weil die Bahnsteige dafür zu kurz sind.

Und überhaupt: „Wir haben zum Oktoberfest alle Fahrzeuge und Mitarbeiter im Einsatz“, sagt Honerkamp. „Mehr geht nicht.“ Dumm, wenn dann Angetrunkene Türen zerstören, Scheiben einschlagen oder komplette Züge zumüllen. So mussten zu Beginn der Woche einige Wagen aus dem Verkehr gezogen werden und in die Werkstatt, statt auf die Strecke.

Da haben selbst Vertreter des sonst so kritischen Fahrgastverbandes Pro Bahn fast ein wenig Mitleid. „Die Oktoberfestzeit ist für alle Beteiligten eine Herausforderung“, sagt der Vertreter für die Region, Winfried Karg.

Und so suchen die Pendler nach eigenen Lösungen, um die Wiesnzeit unfallfrei zu überstehen. So wie der Friedberger, der bei einer Münchner Bank arbeitet und täglich den Zug nutzt. Er macht jetzt einfach ein bisschen früher Schluss. „Wenn ich vor 18 Uhr im Zug Richtung Augsburg bin, geht es noch.“ Oder die Sekretärin eines Fernsehsenders. Sie hat sich während der ersten Wiesnwoche extra Urlaub genommen. Der Augsburger Siegfried Völlger, der in München als Buchhändler arbeitet, nimmt den Oktoberfest-Trubel gelassen. Trotzdem hat er sich am Bahnhof und im Zug einen „Storchengang“ angewöhnt, wie er erzählt: „Um nicht in die Hinterlassenschaften der Nacht zu treten.“

Ruhe versus "Prosit der Gemütlichkeit"

Von denen ist jetzt am frühen Abend am Münchner Hauptbahnhof noch nichts zu sehen. Es geht ruhig zu. Im Viertel-Stunden-Takt fahren Züge Richtung Augsburg ab. Auch viele Wiesn-Besucher treten die Heimreise an. Mit jeder Bahn, die fährt, werden es mehr. Es wird enger in den Zügen und lustiger. Ein „Prosit der Gemütlichkeit“ hallt durch das Abteil. Es ist kurz vor 19 Uhr. Die Pendler, die jetzt noch unterwegs sind, wollen eigentlich nur Ruhe – und einen Sitzplatz. Carola Afram, 66, hat Pech. Alles ist belegt, als sie zusteigt. Doch Christoph Moll macht ihr Platz. Der 24-Jährige ist nach einem lustigen Wiesn-Tag mit seiner Clique auf dem Heimweg. Auch das gibt’s – zur Wiesnzeit im Regionalexpress.

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