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06.06.2014

Sie „behütet“ Augsburg

So sieht der Arbeitstisch einer Modistin aus.
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So sieht der Arbeitstisch einer Modistin aus.

Seit 50 Jahren führt Anneliese Hartung den Hutsalon am Dom. Sie ist dort aufgewachsen und hat ihr Leben lang Hüte gemacht. Deshalb weiß sie genau, was Augsburgerinnen gerne tragen – und wie viel sie bezahlen wollen

In dem kleinen Hutsalon gleich neben dem Dom steht in der Werkstatt ein großer Pappkarton unter dem Tisch. „In diese Kiste musste ich immer steigen, wenn ich nicht brav war. Ich wurde von meiner Mutter unter die Werkbank geschoben, bis ich mich beruhigt hatte“, erinnert sich Anneliese Hartung, die Eigentümerin des Ateliers. Das ist über 70 Jahre her, die Kiste steht noch immer da und ist mit Seidenpapier für die tägliche Arbeit gefüllt. Vieles hier wurde schon von den Eltern angeschafft und wird doch noch täglich benutzt, um kunstfertige Hüte für die Augsburger anzufertigen.

Hüte machen konnte sie eher als Lesen und Schreiben

Seit 50 Jahren führt Anneliese Hartung das Geschäft, in dem sie aufgewachsen ist und in dem sie selbst ihre Kinder großgezogen hat. Hüte machen konnte sie schon, bevor sie Lesen und Schreiben gelernt hat. Neue Puppen gab es nur nackt, die Kleidchen und Kopfbedeckungen durfte das Mädchen zusammen mit der Oma selbst anfertigen. Vieles entstand auf der „Pfaff 337“-Pedalnähmaschine, die ihre Mutter 1949 für 2000 Mark erworben hatte. Auch die unverwüstliche Nähmaschine ist noch in Betrieb.

Sie „behütet“ Augsburg

Zur Lehre als „Modistin“, als Hutmacherin, ging Hartung auch nach Zürich und München, wo sie vieles lernte, worauf sie heute ihren Erfolg zurückführt. „In Zürich haben wir die neuesten Modelle aus Paris zerlegt und nachgebaut und dann in die ganze Welt verschickt“, erzählt Hartung. Sonst ist sie ihr Leben lang dem Geschäft am Dom treu geblieben. 1964 übernahm sie es von den Eltern. Mit 93 Jahren ist es der älteste Hutsalon mit Atelier in Augsburg. Und der letzte in der Stadt, in dem die Hüte Stück für Stück in Handarbeit entstehen, wie Hartung betont. Die Mode hat in der Zeit viele Schwankungen erlebt. So habe man in den 60er Jahren nur noch Hüte für alte Damen gefertigt, weil die knappe „Twiggy-Mode“ ohne Kopfbedeckung getragen wurde. Umso mehr freut es Anneliese Hartung, dass Hüte seit einigen Jahren wieder angesagt sind.

Während Männer einen Hut kaufen, um den Kopf zu bedecken und dabei vor allem aus Filz- und Strohhüten wählen, sei der Hut für Frauen ein Accessoire. „Die Damen kommen mit einem neuen Kleidungsstück und wollen genau dazu einen Hut“, sagt sie. Oder sie entdecken in einem einschlägigen Magazin eine „royale Kopfbedeckung“, die sie auch besitzen wollen.

Der Adel ist für viele Frauen eine Mode-Inspiration, weiß die Hutmacherin. Sie zeigt ein wagenradgroßes Kunstwerk aus weißem Stoff, das zuletzt die niederländische Königin Maxima auf dem Kopf trug und das sie für eine Kundin gestaltet hat. In solch einem Hut stecken rund drei Tage Handarbeit. Nur Naturmaterialien werden verwendet.

In einem Regal lagern Rohlinge aus Wildhasenhaaren für Filzüte. Darunter liegen farbige Bahnen eines feinen Gewebes, aus dem besonders kunstvolle Hüte gefertigt werden. Es besteht aus den Fasern von Agaven und kommt als Meterware. Zum Teil kommen auch Federn zum Einsatz. Die Federbüschel und Blüten auf den Hüten sind ebenfalls Handarbeit, eine Kunsthandwer-kerin in München fertigt sie für das Atelier an. Stück für Stück und Stich für Stich entstehen daraus Kunstwerke wie die trendigen „Headpieces“, kleine Hüte, die Damen auf Hochzeiten oder Partys tragen. Sehr angesagt seien derzeit auch Landhausmodelle, so Hartung.

Für den Augsburger Kunden dürfen die Hüte nicht zu teuer sein, betont Ehemann Hans-Georg Hartung. Preise über 1000 Euro, wie sie in den Metropolen wie Berlin oder München für Unikate üblich seien, kann man in Augsburg nicht verlangen. Und so geht hier ein handgemachtes Kunstwerk schon mal für unter 200 Euro über den Ladentisch. Anneliese Hartung liebt ihre kreative Arbeit. Weshalb sie es sich auch nicht vorstellen kann, irgendwann damit aufzuhören. „Das ist für mich überhaupt kein Thema, weil mir jeden Tag etwas Neues einfällt“, betont die 78-Jährige.

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