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Lesung

11.06.2018

Siri Hustvedt ist im Zweifel für den Zweifel

Siri Hustvedt, Literaturstar, Wissenschaftlerin, las in Augsburg aus ihrem noch unveröffentlichten Roman.
Bild: Michael Hochgemuth

Die amerikanische Schriftstellerin gilt längst auch als renommierte Wissenschaftlerin. Bei ihrem Besuch in Augsburg zeigt sie beide Seiten.

Für eine kurze Zeit lag die New Yorker Kunstwelt der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven zu Füßen. Sie trug Löffel als Ohrringe, Torten als Hüte, wurde gefördert von Peggy Guggenheim und Ernest Hemingway, war Dichterin, Malerin, Bilderhauern, war verliebt in die Nacktheit und in den Skandal – und ganz grauenhaft auch in den Künstler Marcel Duchamp, den sie im Gedicht anhimmelte: „Marcel, Marcel, I love you like hell, Marcel.“ Nach wenigen Jahren geriet sie wieder in Vergessenheit. Nun, 100 Jahre später, versucht sie eine andere Künstlerin daraus zu befreien.

„Damals“ heißt der Roman, aus dem die New Yorker Schriftstellerin Siri Hustvedt am Samstagabend an der Universität Augsburg las. Das Buch erscheint im kommenden Frühjahr, erst ein Mal hat sie bislang daraus öffentlich gelesen. Nun also, deutsche Premiere, Kapitel 14, davor eine kleine Einführung von Siri Hustvedt selbst: Es gehe um eine Schriftstellerin Anfang sechzig mit den Initialen S.H, die sich an ihre ersten Jahre in New York erinnert... und ja, jene S.H., sie kommt wie Hustvedt aus Minnesota. In diesem Roman lässt sie das ältere Ich während des Schreibens eines Romans mit seinem jüngeren Ich verhandeln, es geht wohl auch um eine Gewalterfahrung, die ganze Geschichte jedenfalls muss noch einige Monate warten.

Wie die Kunstwelt mit Frauen verfährt

Aber es braucht nur wenige Seiten und Minuten, um zu erkennen, dass Siri Hustvedt sich auch diesmal entlang ihrer großen Themen bewegt: über das Erzählen erzählen, über weibliche Identitätsfindung und wie zuletzt schon in ihrem Roman „Die gleißende Welt“ auch darüber, wie die Kunstwelt gerne mit Frauen verfährt – Abwertung, Nichtbeachtung, Vergessen... Das Schicksal also der Baroness von Freytag-Loringhoven, das sie im Roman thematisiert, mit einer Art Kunstkrimi eingebaut: 100 Jahre später nämlich gilt als wahrscheinlich, dass der große Marcel Duchamp sich die Kunst der Dada-Baroness einverleibte: Eines seiner berühmtesten Werke „Fontaine“, ein auf den Rücken gelegtes Pissoir, das er bei einer New Yorker Ausstellung unter dem Namen R. Mutt einreichte, hatte ihm wohl die verliebte Baroness zugesandt. Es wurde abgelehnt, das Original verschwand, es entbrannte eine Diskussion über die Frage: Was ist Kunst?, mittlerweile stehen Repliken in den Museen. Duchamp aber bekannte sich erst in den 50er Jahren offiziell zur „Fontaine“, da erinnerte sich schon lange keiner mehr an Elsa...

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Nun aber Siri Hustvedt, getrieben von unbändigem Wissens- und Entdeckerdurst, längst aus dem großen Schatten ihres Ehemannes Paul Auster herausgetreten als Schriftstellerin, aber auch als renommierte Wissenschaftlerin, die Artikel in psychiatrischen Fachzeitschriften veröffentlicht und in New York Ärzte in narrativer Psychiatrie unterrichtet. Bei dem vierten Besuch in Augsburg präsentierte sie beide Seiten ihres publizistischen Doppellebens, reiste an mit dem unveröffentlichten Roman und dem jüngst erschienenen Essayband „Die Illusion der Gewissheit“, über den sie am Vormittag bei einem Workshop mit Studenten des Masterstudiengangs Ethik der Textkulturen diskutierte.

In welchem Verhältnis stehen Körper und Geist?

„Der Zweifel ist nicht nur eine Tugend der Intelligenz, er ist ihre notwendige Voraussetzung“, schreibt Hustvedt in dem Band, in dem sie der grundlegenden Frage nachgeht: „In welchem Verhältnis zueinander stehen Körper und Geist?“ und dabei angebliche Gewissheiten der Neurowissenschaftler, Genetiker und Evolutionspsychologen überprüft und auf wackelige Konstrukte stößt. Auch was Studien zum Geschlechterunterschied betrifft. Gegen eine falsche Hypothese sei nichts einzuwenden, sagt Hustvedt: „Aber falsche Hypothesen dürfen nicht zu Dogmen werden.“ Applaus am Vormittag, Applaus am Abend und Vorfreude auf das nächstes Frühjahr, wenn der Roman „Damals“ erscheint. Eine bessere Fürsprecherin hätte man der Baroness nicht wünschen können.

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