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Experiment

13.10.2014

So wenig Zivilcourage!

Der Angreifer überschüttet den türkischen Dönerstandbetreiber mit Schweineblut: Auf dem Stadtmarkt wurde am Samstag ein rassistischer Angriff inszeniert, der etwas über Zivilcourage aussagen sollte. Das Ergebnis fiel eher ernüchternd aus. Das Blut war übrigens nicht echt, sondern Gemüsesaft mit roter Soße.
Bild: Foto: Anne Wall

Auf dem Stadtmarkt kommt es zu einem rassistischen Übergriff. Die Szene war gespielt. Eine bittere Erkenntnis aber bleibt: Nur wenige hätten dem bedrängten Mann geholfen

Viele haben zugeschaut. Manche haben weggeschaut. Einige haben zugestimmt. Nur wenige haben eingegriffen. Ein rassistischer Übergriff am helllichten Tag mitten in Augsburg. Auf dem Stadtmarkt zwischen Obst- und Gemüseständen. Es war nur ein Kunstprojekt, doch das Stück von Regisseur Dominik von Gunten wirkte beklemmend real. Die Auflösung erfuhren die Zuschauer auf dem Stadtmarkt erst in der Mitte der Szene. Bis dahin waren es drei Rassisten, die einen jungen Döner-Verkäufer auf unerträgliche Weise drangsalierten, verspotteten und angingen. Und viele Augsburger, die der Handlung fassungslos zusahen und scheinbar nicht wussten, wie sie sich verhalten sollten. Und es war einer dabei, der Armin Schlagwein, dem „Rädelsführer“, aufmunternd auf die Schulter klopfte. „Sehr gut“, sein Kommentar, wie der Schauspieler hinterher berichtete.

Das „unsichtbare Theater“ der Augsburger Wirtschaftsjunioren fand im Rahmen von „Augsburg liest ein Buch“ statt. Dabei gestalten Akteure derzeit ein kulturelles Programm rund um das Buch „Der Trafikant“ von Robert Seethaler. Das Buch soll Menschen zusammenführen, soll den Austausch in der Stadt fördern und gleichzeitig für Literatur begeistern, so die Idee der Initiatoren. Regisseur Dominik von Gunten hat sich eine Stelle des Buches ausgesucht, an der der kleine Zeitungsladen, in dem die Hauptfigur arbeitet, von Nazis besudelt wird. Aus dem Zeitungsladen wurde ein mobiler Dönerstand und aus Franz, der Hauptfigur, Hussam Nimr, der den Döner-Verkäufer verkörperte. „Es liefen Wetten, ob sich überhaupt jemand wehrt“, berichtet von Gunten.

Er sei glücklich, dass tatsächlich Menschen eingegriffen hätten. Doch er fand es auch erschreckend, das vereinzelte Zuschauer über die rechtsradikalen Witze gelacht hatten. Eine elegante ältere Dame im roten Kleid kannte sogar die Pointe eines der Witze und gab sie vor Publikum zum Besten. Beherzt eingegriffen hat Christoph Mößbauer. „Ihr Fatzkes, haut ab“ rief er dem pöbelnden Trio entgegen. Als sie nicht abließen, ging er vehement dazwischen. Er war sichtlich erleichtert, als der Regisseur ihn über die Performance aufklärte. „Ich hatte den Eindruck, dass man da eingreifen muss“ sagte der Helfer noch völlig außer Atem. Damit die Situation nicht aus dem Ruder laufen kann, hatten die Organisatoren einige Vorkehrungen getroffen. Vom Oberbürgermeister über die Referenten und die Polizei seien alle Stellen im Vorfeld informiert worden, berichten Wirtschaftsjunioren und SPD-Stadträtin Margarete Heinrich. Mehrere Sicherheitsleute waren unauffällig postiert, und auch Zivilpolizisten hatten sich unter die Zuschauer gemischt. Gerade die Polizei hatte im Vorfeld Bedenken, dass die Situation eskalieren könnte.

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„Neueröffnung heute um 11 Uhr“ stand auf dem Dönerladen. Bei türkischer Musik bereitete Nimr seinen Spieß vor. „Das ist ein Bauernmarkt, kein Basar“ war die erste Provokation des Trios. Stück für Stück eskalierte die Situation, rassistische Witze, Cola, die über die Auslage gespritzt wurde. Bereits recht früh, bevor es zur Beschädigung des Dönerwagens kam, löste Regisseur von Gunten die Situation auf. „Was Sie gerade gesehen haben, ist nicht Realität in Augsburg, sondern eine Veranstaltung für Augsburg liest ein Buch“, rief er durch ein Megafon den Stadtmarktbesuchern zu.

Während der Aktion wählte niemand den Notruf der Polizei, wie diese hinterher berichtete. Zum Schluss der Performance rissen die Angreifer grölend die Werbebanner vom Dönerwagen und forderten den Türken auf, zurück „nach Hause“ zu fahren. Wie in der Romanvorlage gipfelte die Szene darin, dass der Wagen und der Verkäufer mit Schweineblut besudelt wurden.

Nicht allen gefiel dieser Abschluss. „Ich bin ja gegen Rassismus, aber so brutal hätte es das nicht gebraucht“ sagte eine ältere Marktfrau. „Aber vielleicht war es ja nur so für manche lehrreich“, setzte sie hinzu. Die Schauspieler waren vor allem von dem beherzten Helfer beeindruckt. „Der hat keine Sekunde gezögert, sondern ist sofort dazwischen“, berichtet Janina Zschernig, die im blauen Dirndl mit rosa Schürze die rechtsradikale Witzereißerin gespielt hatte.

„Und er war unheimlich scharf und bestimmt“, ergänzt ihr Begleiter Thomas Prazak. Hussam Nimr, „das Opfer“, würde gerne glauben, dass viele der Marktbesucher das Schauspiel durchschaut haben. „Wenn diese Menschen es nicht gewusst haben und einfach nur zusahen, dann wäre das allerdings schlimm“, findet er.

Das Schauspiel hat Dominik von Gunten mit der Kamera festgehalten. Der Film soll demnächst im Rahmen von „Augsburg liest ein Buch“ in verschiedenen sozialen Netzwerken und auf der Homepage der Aktion (www.augsburg-liest-ein-buch.de) zu sehen sein.

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