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Aichach

17.06.2019

Vom Finanzamt ins Fernsehen

Wer in TV-Sendungen wie „Die Chefin“, „Meine Klasse – Voll das Leben“ oder „Aktenzeichen XY“ genau hinschaut, kann Petra Geißler aus Aichach entdecken. Sie wirkt als Komparsin in TV-Produktionen mit. 
Bild: Katharina Seeburger

Petra Geißler ist mal Krankenschwester, mal Ärztin, mal Lehrerin. Wie es für die 50-Jährigen aus Aichach ist, als Laiendarstellerin vor der Kamera zu stehen.

Um Ärztin oder Lehrerin sein zu können, braucht man ein langjähriges Studium. Petra Geißler aus dem Aichacher Stadtteil Algertshausen kann das, ohne viele Jahre die Anatomie des Menschen oder Pädagogik studiert zu haben. Vor einem Jahr hat sich die 50-Jährige bei mehreren Agenturen als Komparsin, das heißt als Laiendarstellerin für Filme und Fernsehserien, angemeldet. „Ich dachte nicht, dass eine Reaktion kommt“, erinnert sich Geißler. Nun hat sie schon in sieben Produktionen mitgespielt, so auch in der ZDF-Serie „Die Chefin“, bei „Um Himmels Willen“ und bei „Aktenzeichen XY“. Sie hatte Rollen als Lehrerin, Ärztin, Krankenschwester und Patientin.

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Die gelernte Bürokauffrau sieht es vor allem als Zufall, dass sie jetzt in Fernsehserien als Komparsin zu sehen ist. Ursprünglich hatte sich ihre Tochter bei den Agenturen beworben. Weil ihre Kinder bald alle aus dem Haus sind und sie somit mehr Zeit hat, hatte sich Geißler gedacht, dass das Schauspielern auch was für sie sein könnte. Obwohl sie darin keine Erfahrung hat, hat auch sie sich angemeldet: „Ich dachte mir, dass ich ja nichts zu verlieren habe.“ Die Arbeit als Komparse ist nicht immer einfach. Man kann nur mit Gestik und Mimik schauspielern, muss oft so tun, als ob man sich unterhält. Dazu kommt, dass man meistens erst einen Tag vor dem Drehtermin Bescheid bekommt. Zwar fragen die Agenturen im Voraus für mögliche Rollen an. Ob sie gebucht wird, entscheidet dann aber am Ende die Produktionsfirma und teilt ihr kurzfristig mit, wann sie wo sein soll. Die Firma gibt ihr auch vor, welche Kleidung sie zum Dreh mitbringen soll – manchmal sechs oder sieben verschiedene Outfits, damit am Set die Kleidung der Schauspieler aufeinander abgestimmt werden kann. „Das ist, wie wenn ich mit einem großen Koffer für vier Wochen verreise“, sagt sie. Am Drehort angekommen, wartet sie, bis ihre Szene an der Reihe ist. Das kann eine Weile dauern. Pro Drehtag bekommt sie dann zirka 75 Euro. Verrechnet man das mit der Zeit, die sie vor Ort ist, bekommt sie ungefähr den Mindestlohn. Fahrt- und Parkkosten muss sie selber zahlen. „Reich wird man damit nicht“, sagt Geißler. Warum arbeitet sie dann, zusätzlich zu ihrer Arbeit beim Finanzamt, als Komparsin?

Auch bei „Aktenzeichen XY“ war sie schon

Geißler hat in der Schauspielerei ein Hobby gefunden, das ihr viel Freude bereitet. Dabei geht es ihr nicht um Ruhm oder Bekanntheit. „Mir macht das ganze Drumherum Spaß“, sagt Geißler. Wenn sie an die Erfahrungen denkt, die sie an den Drehtagen macht, strahlt sie. Beim Dreh lerne sie unterschiedliche Menschen kennen, mit denen die Zusammenarbeit toll sei. „Ich habe bisher noch nie so viel positive Erfahrungen gemacht wie dort“, sagt die 50-Jährige. Manche Regisseure geben ihr die Hand, wenn ihre Szene gefilmt ist, und bedanken sich. Man bekomme immer Lob und Zuspruch, wenn man seine Sache gut gemacht hat, erzählt sie weiter. Sie sieht da einen Unterschied zur Gesellschaft, in der oft die Ellenbogen dominieren. Inzwischen kennt sie schon einige andere Komparsen, die sie bei verschiedenen Drehorten immer wieder trifft. Sie haben Han-dynummern ausgetauscht und halten Kontakt. Ein besonderer Moment für Geißler war es, für die Sendung „Aktenzeichen XY“ vor der Kamera zu stehen. „Mit Aktenzeichen bin ich großgeworden. Das war immer so gruselig als Kind“, erzählt sie. Im April durfte sie die Sendung dann aus einer anderen Perspektive erleben: Sie spielte eine Krankenschwester.

Vom Finanzamt ins Fernsehen

Ob sie am Ende tatsächlich im Fernsehen zu sehen ist, ist für sie nicht von großer Bedeutung. Geißler sieht sich selbst nicht so wichtig. Als Komparse solle man das auch gar nicht. Es gebe Komparsen, die sich wichtiger nehmen als die Hauptdarsteller, erzählt sie. Trotzdem sind Komparsen ein wichtiges Element in den Szenen. Denn eine Szene lebt von Komparsen, sie machen sie glaubwürdig. „Wenn sich die Hauptdarsteller in einem leeren Raum unterhalten, dann ist das für den Zuschauer nicht authentisch.“

Sie hat schon ein treues Fan-Publikum

Und sie hat auch schon ein treues Fan-Publikum: ihre Familie. Geißlers Mann und ihre drei Kinder sind stolz auf sie. Ihr Sohn habe ihr damals gleich ein Profil bei der Social-Media-Plattform Instagram eingerichtet. Dort hält sie Freunde und Familie über ihre Komparsenrollen auf dem Laufenden. Die erste Folge, bei der sie mitgespielt hat, lief am 25. März: Lehrerin in der Sat1-Serie „Meine Klasse - Voll das Leben“. Geißler, schwarze, kurze Haare und Brille, war in einer Szene im Lehrerzimmer zu sehen. Die Reaktionen aus ihrer Familie werden in Erinnerung bleiben: Von ihrem Mann bekam sie die Meldung, dass sie leider doch nicht zu sehen gewesen sei... „Von meinem Sohn kam kurz danach: ,Wow Mama! Gleich bei deiner ersten Folge voll im Bild gewesen!‘“, erzählt Geißler und lacht. Sie selber erkennt sich natürlich im TV gleich: „Ich weiß ja, für welche Szenen ich gedreht habe und wo ich gestanden habe.“

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