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Augsburg

18.11.2020

Wärmestube und Tafel in Not: Wie Corona Obdachlosen und Helfern zusetzt

Weil Wärmestube geschlossen ist, werden Obdachlose jetzt im Zelt bewirtet. Schwester Stephanie hilft bei der Essensausgabe.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Corona trifft die Armen besonders, erzählen Helfer der Augsburger Wärmestube. Warum die Anlaufstelle für Bedürftige schließen musste und wie es mit der Tafel weitergeht.

Der Mann mit der großen Plastiktüte in der Hand wird am Eingang des Zeltes gefragt: "Wollen Sie es ganz warm haben?" Er nickt und darf an einem Biertisch bei den Öfen Platz nehmen. Seit Anfang Oktober können Obdachlose und weitere bedürftige Menschen in einem eigens aufgebauten Zelt beim Katholischen Verband für soziale Dienste (SKM) in der Klinkertorstraße eine warme Mahlzeit einnehmen. Das war monatelang nicht mehr möglich.

Denn die Wärmestube hatte bereits im März wegen Corona schließen müssen. Die vergangenen Monate waren keine einfache Zeit für die Betroffenen, berichten Hans Stecker vom SKM-Förderverein und Sozialpädagogin Carina Huber. Auch die Augsburger Tafel hatte am 3. November ihre sechs Ausgabestellen in der Stadt dicht gemacht. Die Räumlichkeiten sind zu klein, um den nötigen Sicherheitsabstand einzuhalten. Davon betroffen: Rund 3500 Menschen. Doch auch hier gibt es jetzt einen Lichtblick.

Die Augsburger Wärmestube wurde wegen Corona zu klein

Seit vielen Jahren ist die Augsburger Wärmestube des SKM eine wichtige Anlaufstelle für mittellose Menschen. Hier treffen sich verarmte Rentner, Obdachlose und Straffällige, um kostenlos etwas Warmes zu essen. Es gibt Waschmöglichkeiten und Beratungen. Die Bedürftigen können sich unterhalten, Zeit verbringen, Karten spielen. Gerade das Miteinander ist für die Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen und oft einsam sind, wichtig. Doch im März musste die Wärmestube schließen.

"Die Räumlichkeiten sind zu klein, als dass man die Abstandsregeln einhalten konnte", erklärt Hans Stecker vom SKM-Förderverein. Essen gab es seitdem nur noch zum Mitnehmen. Für die Bedürftigen war das schlimm, erzählt Carina Huber. Die Sozialpädagogin, die nicht nur in der Wärmestube, sondern auch im sogenannten be-Treff für Süchtige in Oberhausen arbeitet, sagt, dass manche Menschen wegen der Corona-Maßnahmen unbemerkt gestorben sind.

Hans Stecker vom SKM-Förderverein und Sozialpädagogin Carina Huber kümmern sich mit ihren Kollegen um Obdachlose und andere hilfsbedürftige Menschen.
Bild: Daniel Weber

Dadurch, dass sich Betroffene nicht mehr in der Wärmestube aufhalten konnten, wären manche Erkrankungen unbemerkt geblieben, erläutert Huber das Problem. "Viele fallen durchs Raster." Die Mitarbeiter des SKM sind froh, dass sie nun das 150 Quadratmeter große Zelt von der Firma Pletschacher mit Preisnachlass zur Verfügung gestellt bekamen. 13 Biertische mit Bänken sind darin aufgebaut.

An einem Tisch dürfen sich höchsten zwei Personen mit maximalem Abstand aufhalten, die Sitzflächen sind markiert. Helfer nehmen am Eingang des Zeltes, in dem zwei Öfen für Wärme sorgen, die Personalien auf und weisen den Klienten die Plätze zu. 50 bis 100 Männer und Frauen kämen über den Tag verteilt, berichtet Huber. Mussten sie vor Corona in der Wärmestube wie in einer Kantine anstehen, um sich Essen zu holen, werden sie im Zelt von Mitarbeitern wie Elisabeth Wichert bedient. "Die Besucher kommen sich nun vor wie in einer Gaststätte. Das gefällt ihnen natürlich. Und ich kenne inzwischen die Hälfte aller Namen und kann die Leute persönlich ansprechen", sagt Wichert.

Besucher: "Daheim habe ich nur einen Wasserkocher, keine Küche"

Michael F. (Name geändert) ist einer der Besucher an diesem Vormittag. Der 45-Jährige kommt täglich in das Zelt. Bis vor Kurzem war er noch in einem Heim untergebracht, erzählt F. Jetzt lebe er in einem Zimmer, aber ohne Küche. "Daheim habe ich nur einen Wasserkocher. Für mich ist es wichtig, dass ich einmal am Tag ein warmes Essen bekomme", sagt der derzeit arbeitslose Mann. Seinen Teller mit Currywurst, Reis und Brokkoli hat er fast leer gegessen. Ob er noch was wolle, fragt ihn Wichert. "Nein, danke." Nicht nur die Bedürftigen schätzen das neue Zelt, in dem sich maximal 32 Menschen gleichzeitig aufhalten dürfen. Auch für die Helfer ist es ein Lichtblick.

Lockdown im Frühjahr war für Obdachlose schwierig

"Durch Corona ist vieles komplizierter geworden", berichtet Carina Huber. Es sei nicht einfach für die Klienten, bei Ämtern Termine zu bekommen, viele der Bedürftigen hätten zudem keinen Internetzugang. Auch Sozialreferenten Martin Schenkelberg (CSU) ist bewusst, dass Obdachlose sehr stark vom Lockdown betroffen sind. Ihm zufolge gebe es derzeit aber keine Engpässe in den städtischen Heimen. "Wir begrüßen die Erweiterung der Wärmestube, die den Tagesaufenthalt in den Wintermonaten ermöglicht. Während des ersten Lockdowns, als diese Möglichkeit nicht bestand, war dies eine wesentliche Einschränkung", sagt Schenkelberg, der das Engagement des SKM zu schätzen weiß.

Der Förderverein wird durch Geld- und Sachspenden von weiteren Vereinen, Firmen und Privatpersonen unterstützt. Das Essen für die Bedürftigen erhält er von Augsburger Kantinen. Trotzdem sei man weiter auf Hilfe angewiesen. "Wir brauchen haltbare Lebensmittel, wie Tütensuppen, Dosengerichte, Reis, Nudeln und Süßigkeiten, die die Menschen mitnehmen können", betont Carina Huber. "Aber auch AVV-Streifenkarten."

Bei Augsburger Tafel soll es bald weitergehen

Bei der Augsburger Tafel geht man währenddessen davon aus, demnächst wieder öffnen zu können. Der Verein versorgt rund 3500 Augsburger, die nur wenig Geld für sich und ihre Familien zum Leben haben, mit Lebensmitteln. "Es war sehr traurig", dass wir die Ausgabestellen schließen mussten", sagt Vorsitzender Klaus Matthiessen. In Kürze könne man aber sagen, wie es weitergeht. Eine der Alternativen, die in Aussicht stünden, könne bald fix gemacht werden. Auch Sozialreferent Schenkelberg betont, man wolle die Schließung so kurz wie möglich halten.

Spenden könnten beim SKM-Förderverein in der Klinkertorstraße 12 zwischen 9 und 15 Uhr abgegeben werden.

Die Wärmestube selbst hat Montag bis Freitag von 9 bis 15 Uhr und samstags von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Sonntags gibt es die Essensausgabe am Tor.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Gut, dass die Helfer weitermachen

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