1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Warum auf der Palliativstation menschliche Wärme so wichtig ist

Uniklinik Augsburg

11.08.2019

Warum auf der Palliativstation menschliche Wärme so wichtig ist

In der Palliativstation am Klinikum Augsburg geht es um mehr als nur um eine medizinische Versorgung. Im Bild (von links) Leitende Oberärztin Dr. Irmtraud Hainsch-Müller, sowie die Schwestern Maria Humburger und Elena Mundigl.
Bild: Christoph Kölle

Plus Die Palliativstation am Augsburger Klinikum feiert in diesem Jahr zehnjähriges Bestehen. Hier geht es um weit mehr als um medizinische Versorgung.

Auf Station 5 ist nicht nur der Tod zum Greifen nahe, sondern auch das Leben. Das intensive Leben. Denn die Patienten hier haben nicht mehr viel Zeit. Wie Simone E.*. Die 52-jährige Mutter zweier Kinder hat Krebs im Endstadium. Auf der Palliativstation der Uniklinik erfährt sie vieles, was ihr gut tut und ihre Schmerzen lindert. Die Station ist eine besondere Abteilung in der riesigen Klinik. Oberärztin und Leiterin Irmtraud Hainsch-Müller nennt sie einen Ort der Menschlichkeit. Seit zehn Jahren gibt es sie. Die Herausforderungen, so Hainsch-Müller, hätten sich seit der Gründung teilweise geändert.

Die meisten Patienten der Station leiden an Krebs

Im Wohnzimmer herrscht Betrieb. Der Ehemann von Simone E. wärmt in der Mikrowelle eine mitgebrachte Suppe auf. Eine Bekannte habe sie frisch gekocht, erzählt er. Die Kaffeemaschine surrt, ein Patient holt sich Tee. Auf dem Klavier neben der Sitzgruppe steht eine Art Gästebuch. Angehörige haben darin Dankesworte hinterlassen. „Lachen und Weinen, Stille und Musik, Eis essen – volles Leben war hier erfahrbar. Wie gut, dass der letzte Lebensabschnitt so bedeutsam sein darf“, hat eine Familie hineingeschrieben. Auf die Palliativstation kommen Patienten, die an einer nicht mehr heilbaren Krankheit im fortgeschrittenen Stadium leiden. Meistens handelt es sich laut Hainsch-Müller um Krebserkrankungen.

Die Betroffenen sind unterschiedlich alt, der Durchschnitt liegt bei circa 63 Jahren. „Wir hatten auch schon einen 19-jährigen Patienten“, erzählt die Mitgründerin der Station. Die Aufenthaltsdauer ist begrenzt. Die Behandlung, bei der die Schmerztherapie ein wichtiger Punkt ist, dauert bis zu 14 Tage. Dann werden die Patienten entweder in ein Pflegeheim, ins Hospiz oder nach Hause entlassen. Man wolle den Patienten so stabilisieren und die Angehörigen so anleiten, dass der Betroffene bestenfalls in seiner vertrauten Umgebung sterben könne, sagt Hainsch-Müller.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Manche Sterbenskranke haben keine Angehörigen

Eines fiel der Medizinerin im Lauf der vergangenen zehn Jahre auf. „Wir beobachten eine zunehmende Versingelung der Menschen. Viele unserer Patienten haben keine Angehörigen. Kinder sind oft auf der ganzen Welt verstreut.“ Sich um einsame Patienten zu kümmern, sei auch der Anspruch ihres Teams. Es besteht nicht nur aus Ärzten, sondern auch aus Pflegekräften, Physiotherapeuten, Seelsorgern, Psychoonkologen und sozialen Beratern.

Lesen Sie dazu auch: Sie kamen nach Augsburg, um als Pfleger zu arbeiten

 Simone E. hat einen Ehemann, der sich täglich um sie kümmert. Für ihn wurde im Patientenzimmer extra ein zusätzliches Bett aufgestellt. „Dass mein Mann hier bei mir übernachten kann, ist für mich das Wertvollste“, sagt die abgemagerte Patientin mit Tränen in den Augen. Dem Team auf der Palliativstation ist so etwas wichtig. „Wenn das Lebensende absehbar ist, legen wir den Fokus auf die Beziehungsebene. Sie ist in dieser Situation das Wichtigste“, weiß Oberärztin Hainsch-Müller. Deshalb soll die Palliativstation auch einen Eindruck von Häuslichkeit vermitteln. Patienten stellen Bilder von ihren Liebsten auf, Haustiere werden hin und wieder mitgebracht. „Wir hatten schon mal ein Chamäleon auf der Station“, sagt Hainsch-Müller und lacht. Was die 62-Jährige selbst für sich aus ihrer Arbeit zieht?

Leben und Sterben liegen auf der vor zehn Jahren eröffneten Palliativstation der Uniklinik nah beieinander. Dort gibt es auch ein Gästebuch, in dem Angehörige Dankesworte hinterlassen..
Bild: Christoph Kölle

„Möglichst wenig im Leben zu verschieben, das Hier und Jetzt wahrzunehmen und dankbar zu sein“, antwortet Hainsch-Müller. Es müsse nicht der Traumurlaub auf den Malediven sein, um das Leben zu genießen. Meist sind es die „schlichten“ Erlebnisse, die Bedeutung haben. Die Ärztin nennt ein Beispiel: „Ich hatte gestern einen wunderschönen, freien Tag.“ Golfen war sie, dann mit der Familie beim Baden, hinterher gut essen. „Es war einfach wunderbar.“ Es sind genau solche Momente, die sich viele todkranke Menschen noch einmal wünschen. Wie etwa die sterbenskranke 88-Jährige.

Auf der Palliativstation werden letzte Wünsche erfüllt

Die Seniorin wollte so gerne noch die Geburtstagsgrillparty ihres 91-jährigen Mannes mitfeiern. „Sie wurde für zwei Stunden zu dem Gartengrundstück gebracht. Sie war der Knüller auf der Party“, berichtet die Oberärztin. Auf der Palliativstation wird eben auch versucht, letzte Wünsche zu erfüllen, oft in Kooperation mit Hilfsverbänden – oder -organisationen. Wie auch im Fall eines 47-jährigen Patienten. Einmal noch wollte er mit Freunden auf dem Mandichosee segeln.

Für das Team der Station bedeutet die Arbeit freilich eine emotionale Herausforderung. Die Pflegenden bekommen etwa Supervision, können Kurse besuchen. Einmal im Moment zündet man gemeinsam für die Verstorbenen eine Kerze an.

Zehn Betten gibt es auf der Palliativstation an der Uniklinik, vor zwei Jahren kamen acht auf einer neuen Station am Medizincampus Süd in Haunstetten hinzu. 2018 wurden an beiden Standorten über 700 Patienten versorgt und begleitet. Es gibt eine Warteliste, die man aber zügig abarbeiten kann, sagt Hainsch-Müller. Steht kein freies Bett zur Verfügung, würden Patienten in Fachkliniken aufgenommen und vom Palliativdienst mitbetreut. Der Ärztin fällt noch ein Beispiel ein, wie einer lungenkrebskranken Frau eine große Freude bereitet werden konnte.

Sie und ihr Lebensgefährte wurden von einem Pfarrer auf der Station vermählt – im Raum der Stille. Beide waren Mitte 50, lebten schon über 20 Jahre zusammen. Sie wollten schon immer heiraten. „Da wären wir wieder beim Thema“, sagt Hainsch-Müller. „Man sollte nie etwas aufschieben.“ (*Name geändert)

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren