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Interview

13.07.2016

Warum das Museum ins Internet muss

In voller Pracht ist auf diesem Bild der Festsaal des Schaezlerpalais zu sehen. Aber die Einzigartigkeit des Originals wird ihre Bedeutung auch in Zeiten digitaler Kunstvermittlung nicht verlieren, ist Christof Trepesch sicher.
Bild: Bernhard Weizenegger

Social Media, Online-Bestände und E-Commerce: Christof Trepesch, Leiter der Städtischen Kunstsammlungen, erklärt, warum digitale Strategien für die Kunstvermittlung wichtig sind

Im Zentrum der letzten Tagung der Arbeitsgemeinschaft der Museen in Bayern, die kürzlich in Augsburg stattfand, stand das „Museum digital“. Was heißt das?

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Das ist ein Thema, das alle umtreibt und bei dem wir alle Nachbesserungsbedarf haben. Denn es geht nicht mehr nur darum, dass ein Museum eine Homepage erstellt und betreibt, sondern es müssen digitale Strategien für die Museumsarbeit entwickelt werden. Das ist ein ganzheitliches Sehen, wo es einerseits darum geht, dass das Museum im Netz präsent ist. Dazu gehören andererseits aber auch Themen wie E-Marketing, Kommunikation durch Social Media und die Publikation der Bestände Online, wie es die großen englischen Museen vormachen.

Braucht man für eine digitale Strategie auch spezielles Personal mit dezidierten IT-Kenntnissen?

Warum das Museum ins Internet muss

Das ist genau der Punkt. Zusätzliches Personal zu bekommen ist ja immer schwierig. Deshalb ist es jetzt wichtig, das Thema zunächst in den Köpfen der Mitarbeiter zu verankern und eine Affinität zu schaffen. Dann kann sich einiges von innen heraus, also mit unserem Mitarbeiterstamm, bewerkstelligen lassen. So hat das der Kollege vom Museum im niederbayerischen Abensberg, der bei unserer Tagung gesprochen hat, auch gemacht. Das ist ein Ein-Mann-Betrieb, ein sehr kleines Museum. Der Kollege hat aber eine Affinität zu Facebook entwickelt, hat einen wunderbaren Auftritt gemacht. Er ist jeden Tag online und bringt so seine Aktivitäten im Museum ins Netz. Das ist eine persönliche Kommunikationsstrategie, die sehr gut an einem kleinen Haus funktioniert. Aber sicher werden wir in Augsburg auch erst einmal die IT-Voraussetzungen schaffen müssen.

Was meinen Sie damit?

Etwa Sicherheitsbestimmungen. Es darf z.B. nicht jeder auf seinem Rechner Facebook benutzen. Oder auch E-Commerce. Wir haben noch keine Möglichkeit, etwas online zu verkaufen. Da bedarf es des Umdenkens im Rahmen einer gesamtstädtischen Strategie.

Lassen Sie uns konkret werden. Welche digitale Strategie ist für die Städtischen Kunstsammlungen vorstellbar?

Das Römische Museum hat ja bereits einen Socialmedia-Auftritt bei Facebook, wodurch wir unmittelbarer und schneller mit bestimmten Menschen kommunizieren können. Das wollen wir so schnell wie möglich erweitern auf die anderen Museen.

Gibt es weitere Ideen und Ansätze, etwa auch den Bestand ins Netz zu stellen?

Das ist unser Ziel, aber das ist gekoppelt mit der personellen Situation. Wir haben von unseren etwa 100000 Objekten, die die Kunstsammlungen Augsburg besitzen, bisher vielleicht 10000 digital erfasst. Der Rest existiert als Karteikarten und Fotografien. Die müssen erst transferiert werden. Das kann man aber nicht einfach abtippen, sondern man muss die Kunstgegenstände ganz neu inventarisieren und in die Hand nehmen, weil beispielsweise diejenigen Objekte, die man 1927 erfasst hat, inzwischen eine völlig andere Bedeutung und einen anderen Forschungsstand haben. Es wäre schädlich für unsere Außendarstellung, „falsche“ Daten zu publizieren. Wenn man Bestände online stellt, dann muss es Hand und Fuß haben und die Objekte müssen systematisch erschlossen sein. Das wollen wir aktuell verfolgen, aber wir haben derzeit nur eine halbe Stelle, die sich mit diesem Thema Inventarisation befasst. Inzwischen haben wir immerhin unsere ganzen Barockzeichnungen mit einem speziellen Archivierungsprogramm inventarisiert, mit dem man diese Bestände dann auch online stellen kann. Aber das ist personalintensiv.

Wie sieht es mit der digitalen Begleitung des Museums aus, also mit zusätzlichen Informationen, die man in Vorbereitung eines Museumsbesuches oder auch danach auf der Homepage des Museums bekommen kann?

Die wesentlichen Informationen wie Öffnungszeiten, Eintrittspreise, Adresse, Veranstaltungen etc. aber auch kurze inhaltliche Einführungen zu den Ausstellungen finden sich selbstverständlich schon jetzt auf unserer Homepage. Wenn wir Ende des Jahres einen Relaunch durchführen, wird das alles noch viel schneller und einfacher zu finden sein. Letztendlich begleiten wir die Besucher mit unseren Audioguides digital. Da gibt es mittlerweile offene Systeme, in die man multimediale Elemente wie Filme einspielen kann. Solche Systeme nutzen wir bei Sonderausstellungen, auch bei der aktuellen Ausstellung „Rendezvous der Künstler“. Bei der Klee-Ausstellung 2013 konnte man den Audioguide als App herunterladen, aber es hat sich gezeigt, dass das kaum jemand macht.

Ist das „Museum digital“ eine Möglichkeit, die Aufmerksamkeit für Museen zu erhöhen?

Es wird sicherlich ein breiterer Kreis angesprochen, aber das schlägt sich nicht unbedingt in Besucherzahlen nieder. Das haben auch Kollegen bestätigt, die digital schon weiter fortgeschritten sind. Wenn die Followerzahlen in Facebook besonders hoch sind, heißt das nicht, dass man auch besonders viele Besucher hat. Aber die Reichweite ist dadurch natürlich eine höhere, und das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Man schafft es also, Informationen über das Museum noch weiter in die Gesellschaft hineinzutragen. Das ist ein Vorteil für die Breitenwirkung des Hauses.

Wie verändern sich die Museen durch eine digitale Strategie?

Sicherlich vor allem im Hinblick auf die Möglichkeiten, wie Informationen zum Beispiel vermittelt werden können. Das ist eine Weiterentwicklung. Aber weiterhin ist es so: Das Bild hängt an der Wand, die Skulptur oder der Gegenstand steht in der Vitrine. Unsere ureigenste Aufgabe ist es, diese Objekte zu schützen und konservatorisch zu betreuen. Und dann erst kommt eine Metaebene hinzu, nämlich dieses Objekt zu vermitteln. Das digitale Museum steht im Zeichen dieser Vermittlung und bringt dafür zusätzliche Möglichkeiten.

Ist das Museum digital aber nicht auch eine Gefahr für das reale Museum und seine Ausstellungen, weil der physische Besuch gar nicht mehr so notwendig ist, wenn der virtuelle Rundgang möglich ist?

Im Gegenteil. Gerade die Bilderflut bewirkt, dass die Einzigartigkeit des Originals gesteigert wird. Sie können natürlich alles im Internet anschauen, aber wenn sie vor der „Mona Lisa“ stehen, ist das ein völlig anderer Eindruck aufgrund der Materialität, der Oberfläche, des Rahmens, des Gesamtzusammenhangs. Und dann sind Museen auch Teil der Freizeitindustrie. Wir haben sehr viele Touristen, die in die Häuser kommen, und die wollen ganzheitliche Kunsterlebnisse. Da ist das Internet hilfreich, weil man sich informieren kann über Öffnungszeiten und Ausstellungen. Den Museumsbesuch ersetzt das aber nicht, selbst wenn man sich die Bestände vorher ansehen kann. Den Raumeindruck kann man nicht ersetzen.

Sehen Sie durch das digitale Museum auch die Möglichkeit, eine Hemmschwelle vor der Kunst abzubauen? Können dadurch vielleicht auch andere Besucherschichten für Museen erschlossen werden?

Unbedingt. Denn das Internet ist ein Breitenmedium, das auch Menschen erreicht, die noch nicht zu den Museumsbesuchern zählen. Nicht zu vergessen, dass zusätzliche Informationen immer hilfreich sind – vorausgesetzt, sie sind gut und präzise. Das Problem im Internet ist aber auch, dass viele ungefilterte Informationen über Kunst kursieren, dass falsche Interpretationen verbreitet werden. Und gerade deshalb ist es so wichtig, dass die Museen hier mit ihrem fundierten Wissen an digitalen Strategien arbeiten. Interview: Birgit Müller-Bardorff

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