Newsticker

Bund und Länder beschränken Feiern in öffentlichen Räumen auf 50 Teilnehmer
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Feuilleton regional
  4. Anderer Umgang mit dem Augsburger Bildhauer Fritz Koelle gefordert

Augsburg

06.09.2020

Anderer Umgang mit dem Augsburger Bildhauer Fritz Koelle gefordert

Eine der frühen Arbeiten von Fritz Koelle ist „Hannah“ (1925), ein hageres Arbeitermädchen mit leeren Augen, gerühmt für seinen Realismus.
Bild: Monika Harrer-Jalsovec

Plus Die Arbeiterfiguren des Augsburger Bildhauers Fritz Koelle waren zunächst gerühmt, bevor er sich dem Ideal der Nazis anpasste. Nun sollen die Plastiken kommentiert werden.

Sollte man die Bronzefiguren des Augsburger Künstlers Fritz Koelle (1895–1953) besser nur mit Kommentierung zeigen? Weil sich der Bildhauer, der in der Weimarer Republik für seine realistische Sicht auf die Arbeiter gefeiert wurde, nach der Machtergreifung Hitlers künstlerisch allzu sehr dem heroischen Ideal der Nationalsozialisten anpasste. Vereint fordern deshalb nun die Stadtratsfraktionen der Grünen und der CSU, Koelles Kunst zu kontextualisieren. Also mit den erforderlichen Erklärungen zu versehen.

Bei Direktor Christof Trepesch der Augsburger Kunstsammlungen stoßen sie damit auf ein offenes Ohr. „Das ist ganz in unserem Sinn. Diesen Diskurs wollten wir anstoßen“, sagte er über die jetzt eröffnete Gedenkausstellung für Koelle, der vor 125 Jahren in Augsburg geboren wurde. Trepesch hat darin bereits auf die Brüche und Widersprüche in der künstlerischen Biografie Fritz Koelles hingewiesen. Fußte dessen Hochschätzung in den 20er und frühen 30er Jahren gerade auf seiner „reinen Kunst, die sich freihält von aller Politisiererei“ – also auch nicht Mitleid heischte, sondern den Menschen in Haltung, Ausdruck und Körperlichkeit selbst über seine Lage sprechen ließ. So trat in den späteren 30er Jahren unverkennbar ein stilistischer Wandel ein: Koelles Figuren wurden glatter, statuarischer und entpersönlicht.

Fritz Koelles Saarbergmann vor der Realschule in Oberhausen

An zwei im Augsburger Stadtraum platzierten Plastiken fällt diese Änderung eindeutig auf. Der „Saarbergmann“ von 1930 in der nach dem Künstler benannten Fritz-Koelle-Straße im Herrenbach und derselbe von 1937 vor der Heinrich-von-Buz-Realschule in Oberhausen unterscheiden sich augenfällig. Die frühere Figur zeigt einen von seiner schweren körperlichen Arbeit gezeichneten Mann, dem dennoch eine selbstbewusste Würde zu eigen ist. Die spätere Figur wölbt in propagandistischer Pose die Brust, stellt die Arme zur Tat entschlossen aus und richtet den erhobenen Blick suggestiv in eine imaginäre Zukunft.

Der Saarbergmann von Fritz Koelle aus dem Jahr 1937 steht vor der Heinrich-von-Buz-Realschule in Oberhausen.
Bild: Michael Schreiner

Museumsdirektor Trepesch findet, man sollte Koelles Figuren mit Beschriftungen versehen, um sie in ihren historischen Kontext einzuordnen. Er hätte auch kein Problem damit, die heroische Figur vor der Realschule ins Depot zurückzunehmen, wenn dies gewünscht wird. „Der ästhetische Geschmack hat sich gewandelt, seit diese Figuren in den Siebzigern aufgestellt wurden.“

CSU und Grüne unterstützen die Augsburger Kunstsammlungen

„Wir begrüßen den Vorstoß der Augsburger Kunstsammlungen und Museen sehr, sich kritisch mit der eigenen Kunst zu beschäftigen und unterstützen diesen Vorschlag,” erklärte Leo Dietz, Fraktionsvorsitzender der CSU, zur Initiative des Grünen-Koalitionspartners. Deren Fraktionsvorsitzende Verena von Mutius-Bartholy forderte, den von Augsburg eingeschlagenen Weg der Kontextualisierung ihrer Erinnerungskultur auch bei Fritz Koelle fortzusetzen. In der Ausstellung der Kunstsammlungen zeichne sich ab, „dass der Künstler und seine Skulpturen durchaus umstritten sind“. Denn: „Seine Werke fanden jeweils die Akzeptanz des politischen Regimes und erfolgten teils als öffentliche Auftragsarbeiten.“ Beide Fraktionen beantragten, Wissenschaftler, Historiker und die Kommission für Erinnerungskultur einzubeziehen. Andere Städte, die Arbeiten Koelles zeigen, wie Neusäß, Schwabmünchen, Bobingen, München und Penzberg, sollten über die Ergebnisse informiert werden.

Ein Blick in das Grafische Kabinett in der Maximilianstraße 46, in dem gerade die Ausstellung "Fritz Koelle" zu sehen ist.
Bild: Monika Harrer-Jalsovec

Einen Bogen über die gesamte Schaffensperiode von Fritz Koelle schlägt die Ausstellung im Grafischen Kabinett. Reizvoll stellt sie die feinen, oft ganz auf die Kontur konzentrierten Zeichnungen des Bildhauers den ausgeführten Bronzen gegenüber. Blickfang ist sofort das Bergarbeiterkind „Hannah“ von 1925, ein hageres Arbeitermädchen im Hemd mit leeren Augen und matt herabhängenden Gliedmaßen. Oft hat Koelle in den 20ern so erschütternd realistisch gearbeitet. Modelle fand er in der saarländischen Heimat seiner Frau im Milieu der Bergleute und Stahlarbeiter. Etwa den Blockwalzer, dem man die Mühe der Arbeit ansieht, ohne dass er niedergedrückt wäre.

Fritz Koelles Dornzieher wirkt antik

Koelle interessierte sich ebenso für Ballett und graziöse Körperlichkeit. Kerzengerade aufgerichtet von den Fußspitzen an hält die Tänzerin die Spannung. In fast antiker Pose wie der Dornzieher hockt der junge Bergmann konzentriert in sich gekehrt da, um zwischen seinen Knien die Grubenlampe einzustellen. Koelles Entwurf für ein Dachauer KZ-Denkmal schildert die Schrecken des Dritten Reichs: Ein vom Terror gezeichneter Überlebender schultert den schlaffen, ausgemergelten Körper des toten Kameraden.

Die dritte Phase in Koelles Wirken kennzeichnet die massige Karl-Marx-Büste. Seine wulstige Stirn wollte den Kommunisten nicht gefallen, Marx sähe aus wie ein böser alter Mann. Koelle indes dachte an den großen Kämpfer. Der barocken Kunst seiner Heimatstadt zollen sieben Figürchen der einzelnen Berufsstände für den Giebel der Humboldt-Universität Tribut.

Ausstellung im Grafischen Kabinett, Maximilianstr. 46, Laufzeit der Ausstellung Fritz Koelle bis 22. November, Di. bis So. 10 – 17 Uhr.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Entscheidend ist die Geisteshaltung

Lesen Sie auch:

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren