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Kultur in Corona-Zeiten

18.05.2020

Auf ein bisschen Kunst im Livestream?

Der Livestream  der Club- und Kulturkommission im Tante Frizzante mit Christopher Kochs und Eva Kruscher
Bild: Club- und Kulturkommission

Kunstwerke versteigern, über Literatur sprechen und zum Abschluss plaudern Intendant und Pfarrer: Das sehr unterhaltsame Format der Club & Kulturkommission

Richtige Kunst am richtigen Platz. „Dieser Rainer Kaiser würde perfekt über Ihr Sideboard im Flur passen? Dann bieten Sie mit.“ Munter plaudernd preisen Christopher Kochs und Eva Kruscher an diesem Freitagabend im Livestream „Kunst für Kunst“ der Club & Kulturkommission (CUKK) Fotografien, Öl- und Acrylbilder an. Die Werke werden noch während der Vorstellung bei ebay eingestellt, bieten kann jeder. Die Startgebote liegen jeweils weit unter den üblichen Normalpreisen. Das Bild „Doppelherz“ von Rainer Kaiser zum Beispiel – jenes fürs Sideboard mit 1,40 Meter Länge – startet bei 500 Euro. In einer Galerie oder Ausstellung kostet es 1200 Euro, wie Kruscher aus den Unterlagen des Künstlers weiß.

Unterhaltsames über die Kunstszene

Für die Freitagabendshow hat sich der Verein CUKK mit dem Tante Frizzante nahe dem Zeughaus zusammengetan. Vor drei Wochen bestritten Kochs und Kruscher die Premiere dieses Formats, das Augsburg anderen Städten, sogar der In-Stadt Berlin, voraushat, im Gaswerk. Jetzt also ein neuer Ort. Eine kleine Bühne thront vor dem Fenster des erst im Winter eröffneten Weinladens, dahinter schaut ab und zu ein Passant neugierig herein. Eine Kamera fängt die ModeratorInnen frontal ein, eine weitere zoomt auf die Bilder. Das Besondere an diesem 90-minütigen Ersatzkulturformat für Corona-Zeiten: Auch ohne Kataloglektüre und Umwege in die Galerien erfährt man hier unterhaltsam und kompakt Neues über die Augsburger Kunstszene.

Für sein angebotenes Werk hat Kaiser das Papier mit Wachs getränkt und dann von beiden Seiten bearbeitet. Neben den beiden Herzen vorne scheint ein weiteres von hinten durch. „Das Wachs vermittelt Wärme, gleichzeitig ist die Gewalt sichtbar, mit der Kaiser sein Bild ins Papier gekratzt hat“, sagt Kochs, interpretiert und erklärt, was ohne Echtansicht am Bildschirm verloren geht.

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Die Moderatoren sind selbst Künstler

Oder die beiden Moderatoren, die selbst erfolgreiche Künstler sind, diskutieren, ob es Künstlerpaare wie Julia Kiefer und Florian Waadt schwerer haben, wenn sie im gleichen Genre arbeiten. Kruscher verrät, was es mit dem Psyeudonym BRNZM und „Professor für Straßenpflanzungen“ auf sich hat. So nennt sich jetzt der Graffitisprayer, der einst für seine verbotene Augsburg-Blume verurteilt wurde. Schon bei der Premiere vor drei Wochen im Gaswerk konnte eines seiner Bilder versteigert werden. Sein neues Werk „Kunst für die Unterschicht“ zeigt ein klares, quadratisches Stillleben in Sprühdose und Acryl. Zu sehen sind Flasche, Wein, Tisch und Stuhl. Startpreis 160 Euro, sonst 960 Euro. Nach 18 Objekten wird’s Zeit für „Wein und Literatur“. Die Bühnenbesetzung wechselt: Buchhändler Kurt Idrizovic, AZ-Redakteurin Stefanie Wirsching und Moderator Marius Müller drehen eine große Runde um die wirtschaftliche Situation der verlorenen kleinen Buchverlage, der Zeitungen ohne Werbeeinnahmen und der Buchläden, die dem Corona-Sturm bis jetzt dank der Solidarität der Kunden vor Ort standhalten können. Wie immer im Stream der CUKK laufen rechts am Bildschirm die Fragen des Publikums live mit. „Müller hat so eine geile Stimme“, kommentiert eine.

Hostien aus dem 3-D-Drucker?

Der Erfolg dieser neuen Form der Augsburger Livetalks lebt von der Leidenschaft und Authentizität der Diskutanten. Das gilt nicht zuletzt auch für die letzte Runde des Abends. Staatstheaterintendant André Bücker und Pfarrer Helmut Haug (Moritzkirche) warfen einen Blick in die psychischen, politischen und sozialen Untiefen, die das plötzlich erloschene gesellschaftliche Leben sichtbar macht. „Als einziger Pfarrer hier bin ich ja wohl fürs Irrationale zuständig“, erklärt Haug selbstironisch. „Trotzdem bin auch ich erstaunt, welcher Aberglaube zum Virus unterwegs ist. Auch in unserer Kirche haben wir Wutbürger.“ Bücker sieht Ähnlichkeiten zwischen Kirche und Theater. „Beides ist Begegnung und die bedeutet jetzt Gefahr und Misstrauen. Was das für uns als Gesellschaft heißt, ist noch gar nicht abzusehen.“ Dass Hostien bald aus dem 3D-Drucker kontaktlos gesegnet und ins Wohnzimmer gebeamt werden könnten, zeigte, dass beide Männer um Moderatorin Eva Gold bei allem Katastrophischen den Humor noch nicht begraben haben.

Termin am Dienstag, 19. Mai, um 2015 Uhr: Eva Gold „Auf ein Bierle“ im Bobs, Haunstetten, um 22 Uhr schließt sich ein Konzert der Band „Hörstreich“ an. www.clubundkultu.tv

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