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Literatur

05.03.2020

Autorin erforscht, was ihr Vater in der NS-Zeit gemacht hat

G. Scheuberth

Plus Die Augsburgerin Gertrud Scheuberth hat eine Familiengeschichte geschrieben - über sich in den Nachkriegsjahren und über ihren Vater im Zweiten Weltkrieg.

Es gab da weiße Stelle in der Geschichte ihrer Familie, eine Stelle, die Gertrud Scheuberth (68) keine Ruhe ließ: Was hat ihr Vater gemacht, als er während des Zweiten Weltkriegs als Hilfspolizist im Dienst des NS-Regimes in Polen eingesetzt war? War er „ein kleiner Wachtmeister mit einer schönen Handschrift“ oder hatte er „etwas gesehen oder getan, was alle menschliche Vorstellungskraft übersteigt?“ Diese Frage hat Scheuberth bewegt, ein Buch mit dem Titel „Das blaue Gehwegschild “ zu schreiben, in dem sie sich mit der fiktiven Figur „Lena“ auf Spurensuche begibt.

Natürlich geht’s um mich“, sagt die Autorin, durch die fiktionalen Teile schaffe sie die nötige Distanz. „Ich komme aus einer Schweigerfamilie“, sagt Scheuberth. Das Geschehen spielt vorwiegend in Augsburg , wo die Autorin aufgewachsen ist. Zum Studium und als Geschichtslehrerin ist sie nach Tübingen gegangen. An diesem Donnerstag, 5. März, wird sie ihr Buch bei Bücher Pustet vorstellen.

Besonders reizvoll sind Schilderungen der Stadt Augsburg

Das blaue Gehwegschild aus Lenas Kindertagen in den Fünfzigern, den Wirtschaftswunderjahren, wird zum Leitmotiv. Es zeigt einen Mann mit Hut, an der Hand ein Mädchen. Dieses Bild ist Lena vertraut. Mit seinem langen Mantel und seinem breitkrempigen Hut hat sich der Vater mit Lena an der Hand immer am Sonntagmorgen von der Gartenstadt Spickel auf gemacht in die Altstadt. Besonders reizvoll in diesem Buch sind die Schilderungen der Stadt und des Lebensgefühls dieser Jahre; die Leser gehen diese sonntäglichen Spaziergänge mit, in die großen Kirchen, zu den Steinen aus der Römerzeit vor dem Dom, zum Augustus auf dem Rathausplatz, zum Königsplatz und von dort durch die Bahnhofstraße.

Autorin erforscht, was ihr Vater in der NS-Zeit gemacht hat

Man sieht die „eleganten Damen“ in den halboffenen Straßenbahnen, die Schaufenster und Cafés. Lena lässt die Mutter erzählen vom Hotel Kaiserhof in der Hermannstraße, wo sie als Textilverkäuferin von den jüdischen Textilverkäufern empfangen wurde, von den Kaufhäusern „Schocken“ und „Landauer“.

Immer wieder wird die Nachkriegsidylle gebrochen, etwa wenn der Vater sagt: „Do drüb’n war d’Geschdapo“ oder wenn „ der Vater manchmal unvermittelt die Straßenseite wechselt, wenn ihm Leute entgegen kommen“. Das Buch berichtet auch – das ist nicht Fiktion – von der Recherche Scheuberths , worüber der Vater geschwiegen hat. „Das innere Gefühl hat sich bestätigt“, sagt sie. Am Ende lässt sie den Vater in einem fiktiven Epilog sprechen. Da redet er vom „Glück“, dass er „keinen Menschen hat umbringen müssen“. Sie kann nun Frieden machen mit ihrem Vater.

Gertrud Scheuberth stellt ihr Buch „Das blaue Gehwegschild “, am Donnerstag, 5. März, 19 Uhr, bei Bücher Pustet vor.

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