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Corona

02.11.2020

Clubbesitzer zu den Corona-Regeln: "Im Moment geht es ums Überleben"

Mit großem Aufwand produzierte die Club & Kulturkommission Augsburg während des Lockdowns im Frühjahr ein regionales Streaming-Angebot.
Bild: mategroup GmbH

Plus Im Frühjahr startete die Club- und Kulturkommission ein Live-Stream-Programm im Lockdown. Jetzt ist die Stimmung in der Augsburger Szene düster.

Das Leben mit der Pandemie wird langsam eine neue Normalität. Der zweite Lockdown jetzt im November wirft allerdings schon wieder Kontroversen auf. Erste Veranstalter beschweren sich darüber, dass Einkaufszentren geöffnet und Gottesdienste erlaubt sind, der Besuch von Kunst und Kultur aber verboten werde. Als sich am Samstagabend Mitglieder der Club- und Kulturkommission (CUKK) zum Gespräch mit unserer Redaktion vor die Webcams setzten, gab es kein "Warum die, aber wir nicht?"-Fingerzeigen.

Fabian Linder vertritt mit Ruth Groschke den Verein Ballonausen, der das Erdgeschoss der Ballonfabrik als "fabrique unique" bespielt, und zeigt Verständnis: "Alle Maßnahmen wie die Hygienekonzepte sind absolut nachvollziehbar." Nur stelle sich die Frage "warum man nicht schon im Sommer Überlegungen angestellt hat, wie es im Herbst weitergehen soll, nachdem die zweite Welle ja erwartbar war".

Das Winterzelt koste viel Geld und bringe nichts ein

Der Vorschlag eines Winterzeltes aus dem Referat für Popkultur, mit dem an die CUKK herangetreten wurde, erwies sich aus deren Sicht als nicht machbar. Es koste nur viel Geld und bringe nichts ein, vor allem wenn man die Kosten im Verhältnis zu den wenigen Veranstaltungen sehe, so Michael Klein vom Spectrum Club.

Viele fühlen sich gelähmt ob der Situation. Annekatrin Gehre vom Verein Raumpflegekultur, der Leerstände in kulturelle Flächen verwandelt, wird deutlich: "Was total fehlt, ist die Flexibilität, reagieren zu können. Ich fühle mich auch gelähmt, es ist schwierig, kreativ zu sein. Ideen gibt es genügend, aber es fehlen die Leute, es fehlt die Resonanz. Alles, was es schön macht, fehlt." Sie spricht von der Nähe des Publikums, dem Austausch zwischen Kunst und Stadtgesellschaft, innerhalb der Szene und darüber hinaus.

Aus dem Nichts wurde ein Konzert-Stream-Programm geschaffen

Sebastian Karner (Kantine, Soho Stage, Lamm) zeichnet ein düsteres Bild: "Es geht im Moment um das Überleben als leere Hüllen, in der Hoffnung, dass wieder alle da sind, wenn es weitergeht."

Im März stürzte sich die CUKK noch voller Elan in die Arbeit und schuf aus dem Nichts ein Konzert-Stream-Programm, das Seinesgleichen suchte – mit der kraftspendenden Zuversicht, dass alles in absehbarer Zeit überstanden sei. Der Verein, im Jahr 2016 gegründet, um der Augsburger Szene eine gemeinsame und kraftvolle Stimme zu geben, versammelt Menschen aus der Musik- und Veranstaltungsbranche, der Gastronomie und der Klubszene unter einem Dach und trägt ihre Interessen ins Rathaus. Und das mit Erfolg.

Sebastian Karner, Helena Gladen und Bernhard Klassen bilden den Vorstand der Club & Kulturkommission Augsburg.
Bild: Fabian Kulse

Die Forderungen der Kommission, nach Hamburger Beispiel eine Klubstiftung in der Stadt einzurichten, die mit Fördermitteln die erheblichen Kosten bei Technik und Nachhaltigkeit für Liveklubs abmildert, ist im schwarz-grünen Koalitionsvertrag gelandet. Überhaupt wirken alle Beteiligten des Gesprächs zufrieden mit den momentanen politischen Verhältnissen in der Stadt.

Die Club & Kulturkommission lobt den kurzen Draht zur Politik

Linder freut sich, dass "Oberbürgermeisterin Eva Weber Kultur zur Chefsache gemacht hat, nachdem durch die Kommunalwahl das Kulturreferat im Prinzip monatelang unbesetzt war". In die gleiche Kerbe schlägt Bernhard Klassen, stellvertretender Vorsitzender der Kommission, mit einem kleinen Seitenhieb auf den OB-Vorgänger: "Der Draht zum OB-Referat, zum Kulturreferat und zum Gesundheitsamt ist jetzt sehr kurz. Die Kommunikation und Zusammenarbeit ist deutlich besser als in den drei bis vier Jahren zuvor, eigentlich eine Steigerung um 100 Prozent".

Die Stadt unterstützte kräftig, als die CUKK nach dem überstürzten Herunterfahren des Lebens im März elf Wochen lang aus den Klubs der Stadt Livestreams von Konzerten und DJ-Sets übertrug. Dot, Errdeka, Hathi, Tim Allhof, Troy of Persia, Das Ding ausm Sumpf, John Garner, Digilogue, das zweitägige Stay-Together-Finale aus dem Gaswerk – als hätte sich jemand ein Local-Hero-Modular zusammengeträumt.

Das Niveau aus dem Frühjahr zu erreichen, ist unmöglich

Doch dieser Kraftakt ist im November nicht mehr zu schaffen. Alle Beteiligten hatten sich "fast selbstausbeuterisch" engagiert, wie Klassen erzählt, das sei aber "nicht mehr finanzierbar auf ehrenamtlicher Basis. Das Niveau vom Frühjahr zu halten ist pro bono unmöglich". Karner erklärt, dass der Aufwand für einen Stream größer sei als für ein Konzert, "da man einen Stream wie ein Konzert planen muss und zusätzlich noch die Technik dazu braucht. Wir sind eben auch nicht so professionell wie Arte, das sind Profis, bei denen sieht das dann super aus".

Da ist er vielleicht zu bescheiden, denn an der Qualität der rund 100 Streams mangelte es nicht. Schon eher zweifelten sie bald am Sinn des Ganzen: "Wir filmen die Kunst ab, die im Klub begeistert, aber was fesselt die Leute schon vor den Bildschirmen?" Es fehlt, und da hilft keine Politik und keine finanzielle Unterstützung, das gemeinsame Erleben von Kultur. Lichtblicke gab es trotzdem, wie das Sommerfestival im Gaswerk. "Die Leute haben sich bei uns sicher gefühlt, wir hatten keinen einzigen Krankheitsfall im Zusammenhang mit dem Festival", bilanziert Veranstalter Christoph Elwert von der mate group. "Das war ein gutes Konzept – so wird es wohl auch 2021 in den Festivalsommer gehen, also mehrere kleine Veranstaltungen". Doch, und das ist der Wermutstropfen im Glas Hoffnung, "großes wie das Modular sehe ich nicht nächstes Jahr".

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