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Sommerserie "Kultur aus Haunstetten"

12.08.2018

Ein Fünf-Sterne-Drache im alten Krankenhaus Haunstetten

So das alte Krankenhaus in Haunstetten aus. <b>Foto: Sammlung Karl Wahl</b>
Bild: Sammlung Karl Wahl

Georg Käß unterstützte den Bau eines Krankenhauses in Haunstetten tatkräftig. Rund 70 Jahre stand diese Klinik, bis sie einem Neubau weichen musste.

Die Geschichte des alten Haunstetter Krankenhauses beginnt mit einem landwirtschaftlichen Gut, der Waldgaststätte „Bayerhäusl“, das 1605 nach der Übernahme durch herzoglich-bayerische Jäger „Jägerhaus“ genannt wurde. Dieses Haus samt Grundstück kaufte der Haunstetter Unternehmer und Mäzen Georg Käß und ließ alles im Januar 1898 von Meringerau (Siebenbrunn) auf die Gemeinde Haunstetten überschrieben. Währenddessen hatte die Gemeinde Haunstetten bereits folgenden Beschluss gefasst: „Es sei das Jägerhaus, Eigentum des Herrn Commerzienrats Käß, zum Umbau eines Kranken- und Armenhauses sobald wie möglich um den vereinbarten Preis von 15000 Mark zu erwerben.“

Es dauerte noch ein wenig: Am 12. Februar 1900 ging das (alte) Haunstetter Krankenhaus mit 40 Betten in Betrieb. Die Pflege übernahmen die Barmherzigen Schwestern vom hl. Vincenz von Paul. Parallel wurde in einem ehemaligen Wirtschaftsgebäude ein Armenhaus eingerichtet, das später Altersheim wurde. Käß, der große Förderer Haunstettens, starb am 9. Februar 1903. In seinem Testament bedachte er das Armen- und Krankenhaus mit 500000 Mark. Seine Tochter Maria Gräfin von Tattenbach unterstützte das Krankenhaus weiterhin. Mit ihrer Hilfe konnte zum Beispiel 1927 eine Zentralheizung eingebaut werden. Im Sommer 1940 sagte die Gräfin Haunstettens Bürgermeister, dass sie in ihrem Testament verfügt habe, alle Grundstücke, die ehemals zum Krankenhaus gehörten, Haunstetten zu vererben, was sie auch machte. Auf dem Grund stehen heute das neue Krankenhaus und das AWO-Altenheim.

Ein Architektenwettbewerb für ein neues Krankenhaus

Irgendwann entsprach das alte Krankenhaus nicht mehr den Standards. Die Krankenräume waren zu niedrig, die Operations- und Nebenräume zu klein. Auch gab es keinen Aufzug. Deshalb schrieb Haunstetten 1961 einen Architektenwettbewerb für ein neues Krankenhaus aus, das am 25. April 1968 seinen Betrieb aufnahm. Die Abteilungen Gynäkologie und Geburtshilfe verblieben kurz im alten Haus, weshalb das erste Kind im neuen Krankenhaus erst am 21. Mai 1968 geboren wurde. Danach wurde das alte Krankenhaus geschlossen.

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Nun noch ein paar Episoden aus den Erinnerungen des Autors: Einen besonderen Ruf im alten Krankenhaus hatte Schwester Stephanie („Schdefaane“). Sie war gewissermaßen ein „Fünf-Sterne-Drachen“. Das Krankenhaus hielt ehemals Schweine als Schlachtvieh. Einer der berüchtigsten Aussprüche von Stephanie war, dass ihr ihre Säue lieber waren als die Menschen. Als einmal einer jungen, ledigen, aber verlobten Frau der Blinddarm herausoperiert wurde, stellte man fest, dass die Frau schwanger war. Sie bekam von Stephanie täglich eine Spritze in den Hintern. Für ihre schwere Sünde, nämlich schwanger zu sein als lediges Mädchen, zwickte Stephanie der jungen Frau jedes Mal beim Spritzen so stark in den Hintern, dass dieser im Laufe des Krankenhausaufenthaltes voller blauer Flecken wurde. Zur gleichen Zeit lag ihr Verlobter aufgrund eines Motorradunfalles ebenfalls im Krankenhaus. Er durfte seine Verlobte aber auf Anordnung von Schwester Stephanie nicht besuchen.

Die Schwestern müssen beten

Als es einmal einer bettlägerigen Person sehr schlecht ging, riefen die Mitpatienten nach Hilfe. Die Antwort war: „Sie dürfen jetzt nicht stören, die Schwestern müssen beten.“ Wie zuvor schon beschrieben: Es waren Ordensschwestern der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vincenz von Paul.

Im Armenhaus, später das Altersheim beim Krankenhaus, lebte ehemals ein geistig zurückgebliebener Mann, der „Krankenhaus-Michl“. Er hatte u. a. viele Botengänge für das Krankenhaus zu erledigen und musste täglich im Dorf Milch holen. Die Schulbuben neckten ihn ausgiebig und schrien ihn an: „Michele, tanz!“ Das Michele drehte sich darauf ein paar Mal ungelenk im Kreis. Oder sie schrien ihn an: „Michele, hupf!“ und das Michele tat einen Hupfer. Oft warfen im schlechte Buben Steine in die Milchkannen, die er auf einem Handwagen transportierte. Dafür wurde er von der Stephanie auch noch oft und ausgiebig geschlagen.

Bekannt in Haunstetten war auch des „Krankenhaus-Negerle“. Auf dem Fensterbrett des Treppenabsatzes vom Erdgeschoss ins Obergeschoss stand die kleine Figur eines lächelnden Schwarzen. Wenn man vorne eine Münze einwarf, hat das „Negerle“ mit dem Kopf genickt.

Laut mündlicher Überlieferung war Schwester Stephanie übrigens sehr streng, aber auch sehr tüchtig und gewissenhaft und Tag und Nacht im Krankenhaus anzutreffen.

***

Karl Wahl ist Heimatforscher in Haunstetten.

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