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Historie

03.11.2019

Es gab auch bessere Zeiten für Juden

Im Lauf des 19. Jahrhunderts kehrten die Juden wieder in die Städte zurück. Die Augsburger Synagoge wurde Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Der Augsburger Rolf Kießling schreibt als Alterswerk eine jüdische Geschichte Bayerns. Sie besteht nicht nur aus Diskriminierung und Verfolgung.

Sie wurden drangsaliert, sie wurden diskriminiert, sie wurden kriminalisiert, sie wurden massakriert. Mit solchen Stichworten wurde bislang üblicherweise über die Geschichte der Juden in Deutschland geschrieben. Doch es gab und gibt da noch diese andere Seite: das friedliche Zusammenleben bis hin zu gleichberechtigter Mitbürgerschaft und die fruchtbare Wirtschaftstätigkeit zum Vorteil aller. Beide Seiten beleuchtet der Augsburger Historiker Rolf Kießling in seinem neuen Standardwerk „Jüdische Geschichte in Bayern. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“, das er im gut gefüllten Augustanasaal jetzt vorstellte.

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Fünf Jahre habe ihn die 660 Seiten starke, erste Gesamtdarstellung beschäftigt, sagte Prof. Kießling. Eine Fülle neuerer Forschungsergebnisse, nicht zuletzt auch an seinem eigenen, ehemaligen Augsburger Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte, sei darin eingeflossen. Angesichts eines neu aufkeimenden Antisemitismus ist das Buch auch von hoher Aktualität. Er selber, so Kießling, habe sich beim Schreiben die Frage gestellt: Wie kann dem Hass der Boden entzogen werden? Als Wissenschaftler kam für ihn dazu nur eine Darstellung der ganzen Vielfältigkeit jüdischen Lebens seit Jahrhunderten in Bayern in Betracht.

Im Hochmittelalter blühen die Städte und die Judengemeinden

Rolf Kießling setzt im Jahr 1096 ein. Gerade ist der Kreuzzug ausgerufen worden und Heerhaufen sehr unterschiedlicher Herkunft wüten in den Judengemeinden am Rhein. In Regensburg zwingen sie die Juden zur Taufe, die Gemeinde leidet darunter, hier nicht das Martyrium auf sich genommen zu haben. „Es ist das Trauma und wird über Jahrhunderte in liturgischen Texten erinnert“, weiß Kießling. Im Hochmittelalter blühen in den neuen Städten auch die Judengemeinden; sie genießen die Concivilitas, das Mitbürgerrecht und werden in Handel und im alltäglichen Umgang akzeptiert. Bischöfe fordern in Sicut-Judaeis-Bullen ihren Schutz.

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Aber es gibt auch Rückschläge. In Krisenzeiten – 1348/49 wütet die Pest besonders arg – müssen Juden als Sündenböcke herhalten, die Stereotypen vom Gotteslästerer, Ritualmörder und Wucherer werden wiederbelebt. Auch um Geldschulden loszuwerden. Doch die Juden kehren zurück. „Vermutlich boten die alten Friedhöfe die Anknüpfungspunkte“, sagt Kießling.

Hungersnöte und Seuchen schüren den Hass

Im 15. Jahrhundert wendet sich erneut das Blatt. Hungersnöte und Seuchen schüren den Hass. Augsburg treibt 1438/40 seine Juden aus, weitere Städte folgen, zuletzt 1507 Nördlingen und Donauwörth. Auch die bayerischen Herzöge weisen die Juden aus. Diese Entscheidung sollte Nachwirkungen bis ins 19. Jahrhundert haben, als der neue, vergrößerte bayerische Staat in seinem Judenedikt von 1813 eine restriktive Politik verfolgt, die erst 1861 gelockert wird.

Fürs Land sieht es ganz anders aus: Die Juden suchten sich neue Schutzherrn und fanden sie – in der habsburgischen Markgrafschaft Burgau, bei Reichsrittern und Reichsgrafen im Ries. „Durch die Ansiedlung auf dem Land erhielt jüdisches Leben eine entscheidende Veränderung“, urteilt Kießling.

Juden teilen die finanziellen Lasten in den Gemeinden

In den Dörfern und Kleinstädten wachsen die Juden von einer Minderheit, die anfangs die Zehnzahl für den Gottesdienst kaum aufbringt, zu einem wesentlichen Teil und stellen bis zur Hälfte der Einwohner. Ihre Synagogen in Ichenhausen, Kriegshaber, Buttenwiesen werden in repräsentativer Architektur errichtet. Kießling nennt es die „pragmatische Emanzipation“ im 17./18. Jahrhundert.

Juden sprechen in der Gemeindeversammlung mit, teilen die finanziellen Lasten für Wege und Stege sowie für Einquartierungen. Weil sie als Händler herumkommen, werden sie zu Heiratsvermittlern. Dies alles geschieht nicht konfliktfrei. Immer wieder blitzt eine judenfeindliche Stimmung auf – „es ist ein Kampf um die Öffentlichkeit“, sagt der Historiker.

Die Einweihung neuer Synagogen wird ein gesamtstädtisches Ereignis

Im Lauf des 19. Jahrhundert geht es zurück in die Städte. Juden werden Fabrikanten und Geschäftsleute, sie wählen akademische Berufe. Ihre Religion macht eine Verkirchlichung durch mit Talar, Gesangbuch und Predigt. Die Einweihung neuer Synagogen wird ein gesamtstädtisches Ereignis. „Den einst verordneten maurischen Stil nimmt man nun als den eigenen Ausdruck an“, merkt Kießling süffisant an. „Doch trügerisch war die Hoffnung, in der Gesellschaft angekommen zu sein."

In der Studentenschaft und in Parteien verbreiten sich antisemitische Strömungen. Man zweifelt an ihrem Patriotismus. Im Ersten Weltkrieg findet sogar eine Judenzählung im Heer statt – und widerlegt den Vorwurf der Drückebergerei. Doch die Revolution von 1918/19 verstärkt in der Bevölkerung das Trauma einer jüdischen Verschwörung – ein fataler Nährboden für die Hitlerischen.

Ein „gewaltiges, großes Alterswerk“ nennt Prof. Klaus Wolf diese Jüdische Geschichte. So gut wie keine Gemeinde sei ausgelassen, in der einmal jüdisches Leben bestand. Im Dunkel allerdings liegt die Frühzeit. Allenfalls fürs 10. Jahrhundert lassen sich noch da und dort Hinweise finden. „Alles Weitere ist Spekulation“, findet Rolf Kießling. Was weitere Erkenntnisse nicht ausschließt: Kürzlich tauchten in einem Schatzverzeichnis der Augsburger Bischöfe Juden als Eigentümer auf – wahrscheinlich als Pfand für Darlehen. Vielleicht kamen Juden schon aus Byzanz ins junge Bajuwarenland.

Rolf Kießling: Jüdische Geschichte in Bayern. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Verlag De Gruyter Oldenbourg, 662 Seiten, 79,95 Euro.

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