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Mozartfest

14.05.2019

Haydns Oratorium: Ein lebendiger Schöpfungsakt

Italienisch-deutsche Haydn-Kompetenz: Giovanni Antonini leitet das Orchester Il Giardino Armonico und den Chor des Bayerischen Rundfunks. 
Bild: Christian Menkel

Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ ist eine Zugnummer. Vor allem, wenn man es so dirigiert wie Giovanni Antonini jetzt in Ev. Heilig Kreuz.

Auch nach mehr als 200 Jahren überwältigt diese Musik. Die Darstellung des Chaos, bevor Gott, dem biblischen Bericht zufolge, Himmel und Erde erschafft. Fahle Klänge der Streicher, Düsternis aus tiefen Bläsern, spannungsgeladene Harmonien, die jederzeit aufzubrechen scheinen, was schließlich auch geschieht: „Und es ward …“ murmelt der Chor, um dann über plötzlichem Orchestertutti „ … LICHT“ herauszujubeln – einer der erhabensten Momente der ganzen Musikgeschichte. Wenn dazu noch, wie von höherer Hand arrangiert, die Abendsonne ihre Strahlen durch die Fenster der evangelischen Heilig-Kreuz-Kirche schickt …

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Das Ensemble musiziert auf Originalinstrumenten

Es kommt schon nicht von ungefähr, dass das Gotteshaus an diesem zweiten Mozartfest-Abend im Parterre randvoll besetzt und selbst auf der Empore gut besucht ist: Joseph Haydns „Schöpfung“ ist neben Händels „Messias“ das beliebteste aller Oratorien. Und mit Giovanni Antonini steht auch alles andere als ein Haydn-unerfahrener Orchesterleiter am Pult. Der Italiener hat vor ein paar Jahren das Projekt „Haydn 2032“ angestoßen, bei dem er bis zum 300. Geburtsjahr des Komponisten Haydns sämtliche 104 Sinfonien einstudieren und aufnehmen will – erste Kostproben zeigen bereits herausragende Ergebnisse.

Antonini, ein Abkömmling der historischen Aufführungspraxis, versteht „Die Schöpfung“ nicht primär als tönendes Gotteslob, er erblickt in dem Werk eher ein Gemälde voller Helldunkel-Kontraste und satter Farbeffekte: Eine „Schöpfung“, die nah an die Oper heranrückt, fast wie bei Händel, für den zwischen Oratorium und Oper musikalisch gesehen ja auch kaum ein Blatt Papier passte. Und so dirigiert Antonini, sichtlich selbst hingerissen von der Musik, Haydns Welt-Kreation denn auch wie ein Schöpfer von eigenen Gnaden, indem er an den dramaturgischen Knotenpunkten immer wieder neues Leben entfacht, andererseits aber auch, wenn es geboten ist, dem Geschehen effektsicher „den Odem nimmt“ und damit für Beruhigung und Besinnung sorgt.

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Sein auf Originalinstrumenten musizierendes Stamm-Ensemble Il Giardino Armonico folgt ihm in diesem Konzeptrahmen willig. Kein Wunder, für die Musiker gibt es in der „Schöpfung“ eine Fülle von Gelegenheiten, wirkungsvoll aus dem Gesamtentwurf herauszutreten. Man nehme nur solch lautmalerische Geniestreiche wie jenes Rezitativ im ersten Oratorien-Teil, in dem der Erzengel Raphael von der Erschaffung des Firmaments und der Teilung der Wasser berichtet. Die fallenden Violinfiguren, die den Regen zeichnen, das Orchester-Agitato, das kraftvoll Sturm und Blitz hervorbringt, das alles kosten die Italiener ebenso genussvoll aus wie später die klingend-detailreiche Schilderung all der Fauna, die da auf Erden kreucht und fleucht und sogar brüllt wie der Löwe im tiefen As von Posaune und Kontrafagott.

Die Chorpassagen sind Höhepunkte

Doch nicht weniger steht und fällt eine Oratorien-Aufführung mit der Qualität des Chors. Der Chor des Bayerischen Rundfunks, weltweit gesucht für anspruchsvolle Aufgaben, ist nicht nur von unerschütterlicher Statik, sondern verbindet auch durchweg Klarheit des Ausdrucks mit der für das Werk grundlegenden Emphase des Lobgesangs. Und so sind die Chorpassagen durchweg Höhepunkte in einer an mitreißenden Momenten reichen Aufführung, die am Ende auch lauten Jubel nach sich zieht.

Denn auch die Solisten bewegen sich auf imponierendem Niveau. Herzöffnender kann man die Morgenröte nicht besingen als der Tenor Maximilian Schmitt es zu Eröffnung des dritten Teiles tut. Florian Boesch hat das rechte Bass-Volumen, um dem Erzengel Raphael während der Chaos-Vorstellung das nötige alttestamentarische Gewicht mitzugeben, und nicht weniger bildmächtig-imposant führt er Löwe, Tiger und all die anderen Tiere auf, mit denen die Erde sich belebt (nur beim „Gewüaaam“ hat er einen ästhetischen Aussetzer). Sopranistin Anna-Lucia Richter schließlich verknüpft Beseelt- mit Beschwingtheit, besticht aber auch dadurch, dass sie den zopfigen Text des Gottfried van Swieten immer wieder ironisch hinterleuchtet. Und wird auch deshalb in Erinnerung bleiben, weil sie, während das Orchester schon die Einleitung zu einer ihrer Arien intoniert, einem ihr offensichtlich missliebigen Konzertgast von der Bühne herab zuruft „Hören Sie bitte auf zu filmen, das nervt!“ – um sofort im Anschluss allerliebst von Blumenschmuck und Kräuterbalsam zu singen. Solche Nerven muss man erst mal haben!

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