Kongresshalle

23.04.2019

„Hier muss ich helfen!“

Wagners „Walküre“ konzertant in Augsburg mit Gerhard Siegel (Siegmund, vorne links), Dirigent Domonkos Héja und Jennifer Holloway (Sieglinde).
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Namhafte bis weltberühmte Solisten waren am Ostersamstag für eine konzertante Aufführung von Wagners „Walküre“ in Augsburg. So blieb denn auch das Sängerfest nicht aus

„Wess’ Herd dies auch sei, hier muss ich rasten.“ Das hat der Held Siegmund eingangs zu singen, wenn das Orchester die nötige untergründig brodelnde „Walküren“-Dramatik aufgebaut hat.

Was der Augsburger Tenor Gerhard Siegel, der diesen Siegmund jetzt im Kongress am Park mit einem so gut ansprechenden wie leichtgängigen Charaktertenor gab, aber eigentlich – im Hinterkopf – meinte, war dies: „Wess’ Haus dies auch sei, hier muss ich helfen!“

Denn Siegel, dieses Augsburger Sängergewächs, das zur Stunde schon wieder auf und davon ist nach New York, wo er an der Metropolitan Opera einmal mehr seine Glanz- und Paraderolle des Mime aus dem „Ring des Nibelungen“ singt, dieser Siegel war ja der Motor für das „Walküren“-Benefizkonzert zugunsten des Staatstheaters Augsburg. Er trommelte seine namhaften bis berühmten Sängerfreunde und Bühnenkollegen zusammen – auf dass dem zu sanierenden Theater künstlerisch unter die Arme gegriffen werde, wenn es 2023 das Große Haus wiedereröffnet.

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Und da bleibt natürlich interessant, wie groß nun die Hilfe ausfallen wird, wenn alle Kosten (Hallenmiete, Spesen für die unentgeltlich aufgetretenen Solisten, Honorare Aushilfsmusiker) von den Einnahmen abgezogen sind. Siegel, befragt nach seinem Heldentod im Zweikampf mit Hunding (Finale zweiter Aufzug), hofft auf einen nicht ganz niedrigen fünfstelligen Betrag, den an die 900 zahlenden Konzertbesucher einbrachten.

Dass diese mehr als zufrieden waren mit der Aufführung am Ostersamstag, zeigten die Ovationen im Stehen nach dem ersten, nach dem zweiten, nach dem dritten Aufzug. So viel Begeisterung hat der Kongress am Park bei einem Auftritt der Philharmoniker schon lange nicht mehr erlebt – gespendet deutlich auch von Wagnerianern, die so verwöhnt sich ja nicht mehr fühlen können in Augsburg – derzeit, logisch, auch wegen der kompakten Ausweichspielstätten.

Jetzt aber gab es doch ein Wagner-Fest, ein beeindruckendes Wagner-Sängerfest, wie man es besetzungstechnisch in München vom Bayerischen Rundfunk oder den Münchner Philharmonikern erwarten darf. Beim Bayerischen Rundfunk trat jüngst – als Brünnhilde – ja tatsächlich auch Iréne Theorin auf, die in Augsburg aus dem Stand heraus für sich einnehmen konnte, weil sie das Publikum mit ihren Hojotoho-Rufen förmlich ansprang.

Nur einem gelang es, noch schneller zu demonstrieren, welche Urgewalt in ihm steckt: Walter Fink musste als Hunding nur das „Du“ singen von seinem ersten Bühnensatz „Du labtest ihn?“, um klarzustellen: Dieser Bass könnte auch ein doppelt so großes Hallen-Volumen locker füllen.

Aber nicht nur gesangstechnisch, sondern auch rollenpsychologisch war Vortreffliches zu hören: etwa der Ehezwist zwischen der scharfzüngigen Fricka von Katharine Goeldner und dem schnell in der Defensive steckenden Wotan, den Johan Reuter dann im dritten Aufzug autoritätsgebietend sang; etwa die unbedingte Liebe der Sieglinde, die Jennifer Holloway grandios steigerte in ihrem „Haltet ein, ihr Männer! Mordet erst mich!“; etwa in den finsteren Drohungen Hundings. Hier wurde – stellvertretend – deutlich, was möglich ist über den reinen Schöngesang hinaus – und auch bei der expressiven Wucht der acht Walküren.

Da bremsten denn auch die Philharmoniker unter Domonkos Héja nicht, der erstmals in Augsburg einen kompletten Wagner dirigierte. Dass das auf Anhieb nicht schlackenlos sein konnte, war vorauszusehen und in der innerorchestralen Balance beziehungsweise in der Sänger-Orchester-Balance gewiss noch steigerungsfähig. Aber dass Héja und die Philharmoniker den Extremen der Partitur – also den Lyrismen im ersten Aufzug (Cello! Klarinette! Oboe!), dem kriegerisch aufstachelnden Walkürenritt im zweiten Aufzug und dem fast schon impressionistisch züngelnden Feuerzauber im dritten Aufzug – derart stimmig begegneten, dies blieb dennoch berührend, packend, gut. Auch dafür Ovationen.

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