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Sommerserie

15.08.2019

Kultur aus Oberhausen: Eine harte Grenze namens Hettenbach

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3 Bilder
Mit dem Kabarettisten Silvano Tuiach auf Tour durch sein Oberhausen. Mit ihm und vielen Neugierigen überschreiten wir zusammen den Hettenbach.
Bild: Richard Mayr (2), Michael Schreiner (2)

Nostalgisches Schwelgen auf der Straße und die Blutspur der Nazis im Arbeiterviertel: Um unterschiedliche Facetten der Erinnerung geht es am dritten Tag.

„Ich und mein Bazi, wir laufen jeden Tag vier Stunden durch Oberhausen“, sagt die Frau mit dem Hund an der Leine. Wird das nicht irgendwann langweilig? Niemals! Sie gehe ja immer andere Routen, viermal pro Tag, je eine Stunde, Wetter egal, „gell Bazi“. Und heute also, Wetter ordentlich, gehen die beiden auf Oberhausen-Tour mit dem Kabarettisten Silvano Tuiach.

Der ist aufgewachsen in Oberhausen. Bazi ist irgendwann im Getümmel der Beine nicht mehr auszumachen. 50 bis 60 Leute sind an unseren mobilen Schreibtischen vor der Werner-Egk-Grundschule zusammengekommen – Start und Ziel des Spaziergangs bei „Kultur aus Oberhausen“. Schon hallen erste Stichworte wie Zauberformeln über den Platz. „Roßmetzger. Lebensmittel Sohr, wo nur die Katholischen eingekauft haben. Kino Bemberle. Waschstraße“. Silvano Tuiach hebt seinen orangefarbenen Regenschirm: Ihm nach!

Das alte Oberhausen wird beschworen

Im Stimmengewirr der Prozession, die manchen Autofahrer große Augen machen lässt, wird das alte Oberhausen beschworen. Der Kiosk, an dem es donnerstags immer die Bravo gab, die gelben Boxhandschuhe, die der Opa dem kleinen Silvano beim Stettner kaufte, da vorne die „Ami-Boizn“, die „Heidelberger Fass“ hieß … Wer weiß noch, wie die MP, die Militärpolizei der Amerikaner, hierher oder in den „Deutschen Michel“ zum Aufräumen kam? Hände gehen hoch. „Riesige Schlagstöcke, goldene Helme.“

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Und das Gelände da rechts und links, die alte Tankstelle: alles vom Josefinum aufgekauft, das Krankenhaus expandiert, es kommt ja noch die große Psychiatrie. In der Grünanlage Hettenbach findet Tuiach: „Ist doch ganz pittoresk hier, oder?“ Der Hettenbach rauscht – wie ein Wildbach sieht er nicht aus, aber wie eine harte Grenze nun auch nicht. Aber das täuscht!

Wer gehört zur Gesellschaft und wer nicht?

Wer jenseits des Hettenbachs gelebt hat, war für die Oberhauser ein Hettenbacher. Und das hatte früher keinen guten Klang, wie zum Beispiel Augsburgs Ex-Bürgermeister Theo Gandenheimer („in der achten Generation Oberhauser“) selbst erfahren durfte. An unseren mobilen Schreibtischen vor der Werner-Egk-Grundschule erzählt er später, wie das war, als er seiner Familie seine Freundin vorstellte. „Muss es eine Hettenbacherin sein?“, sei er hinterher gefragt worden, eine „von drüben?“ Viele lachen an den Tischen, endlich wieder.

Denn kurz zuvor ging es auch schon um die Frage, wer zur Gesellschaft gehört hat und wer nicht. Zwischen 1933 und 1945 war das eine Frage von Leben und Tod, wie uns die Erinnerungswerkstatt und die Stolperstein-Initiative eindrucksvoll näherbringen. Menschen aus Oberhausen, Opfer der Nazi-Diktatur, die ermordet wurden, weil sie unangepasst, anders, sogenannte „Asoziale“, „Erbkranke“, Kommunisten und Regimegegner waren, werden von ihnen ins Gedächtnis gerufen.

Die Lebensgeschichten von NS-Opfern

Der Arbeiterstadtteil Oberhausen, so erklärt Angela Bachmair von der Erinnerungswerkstatt, spiele in der jüngeren Zeitgeschichte eine besondere Rolle. Bachmair erzählt von den Sinti, der Zwangsauflösung ihrer Lagerplätze, von Vertreibung und Verfolgung. Unter der Internetadresse www-gedenkbuch-augsburg.de sind viele Lebensgeschichten von NS-Opfern dokumentiert. Bis vor wenigen Jahren lebten im sogenannten „Fischerholz“ im Norden von Oberhausen noch Sinti. Viele Besucher von „Kultur aus Oberhausen“ haben eigene Erinnerungen an „die Zigeuner“.

Thomas Hacker von der Augsburger Stolperstein-Initiative stellt exemplarisch ein bekannt ge

Eine eindringliche Geschichtsstunde an unseren mobilen Schreibtischen: Mitglieder der Erinnerungswerkstatt und der Stolperstein Initiative Augsburg haben das Schicksal vieler Oberhauser in der Nazi-Zeit dokumentiert. Davon erzählen sie.
Bild: Richard Mayr

wordenes Schicksal vor: jenes von Ernst Lossa. An ihn erinnert vor dem Modehaus Jung in der Wertachstraße ein Stolperstein – einer von sechs, die in Oberhausen bisher verlegt worden sind. Lossa, der zur Minderheit der Jenischen gehörte, dessen Vater und andere Verwandte 1939 ins KZ kamen, wurde im August 1944 nach einer Odyssee durch Kinder- und Erziehungsheime in der Euthanasieanstalt Irsee mit einer Giftspritze getötet, verabreicht von einer Krankenschwester im Beisein des Anstaltsleiters. Er wurde nur 14 Jahre alt. Seine mit Oberhausen verbundene Lebensgeschichte ist in dem Buch „Nebel im August“ von Robert Domes und im gleichnamigen Kinofilm erzählt worden.

Vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt

Gerade das „rote“ Oberhausen war für die Nationalsozialisten ein erklärter Feind. Alfred Hausmann von der Erinnerungswerkstatt berichtet vom tragischen Schicksal des Malers Josef Eder. Dieser – ein überzeugter Kommunist – machte keinen Hehl daraus, was er von der Nazi-Diktatur hielt. Er schimpfte öffentlich, woraufhin er denunziert wurde, vor den Volksgerichtshof kam und von diesem zum Tod verurteilt wurde. Das gleiche Schicksal traf Josef Graf, Aufzugfahrer bei Dierig. Auch er sprach im Lift mit Arbeitern offen gegen die Nazis. Graf wurde denunziert, von der Gestapo verhaftet, später in Plötzensee hingerichtet. Es ist andächtig still, als Alfred Hausmann aus Josef Grafs Abschiedsbrief vorliest. „Wege der Erinnerung“ auf den Spuren der Nazi-Opfer in Oberhausen will die Erinnerungswerkstatt Augsburg bald anbieten. Durchatmen.

Zwei von sechs Stolpersteinen in Oberhausen: Sie erinnern in der Wertachstraße an Ernst Lossa und seinen Vater Christian, beide von den Nationalsozialisten ermordet.
Bild: Michael Schreiner

Und dann stellt sich wieder dieser besondere Oberhausen-Geist an unseren mobilen Schreibtischen ein. Denn es sitzt da ja auch unter den Zuhörern „Frau Oberhausen“, die Historikerin Marianne Schuber (der spontan applaudiert wird, sie hatte kürzlich Geburtstag). Sie schildert noch einmal, wie die Nazi-Herrschaft sich aus Angst vor Denunzianten bis in die Kochtöpfe der Familien hinein ausbreitete.

Stolz auf die Mädchenschule

Auf dem Platz vor der Werner-Egk-Grundschule, dort wo früher das Rathaus gestanden hat, schlägt das Oberhauser Herz an diesem Dienstag besonders laut. Wobei Theresia Turner – ausgesprochen wie der große englische Maler – sich nicht an den neugestalteten Platz gewöhnen kann. Früher ging sie hier zur Schule. „Und darauf bin ich stolz“, sagt sie. Dann wanderte sie mit 23 Jahren gemeinsam mit einem amerikanischen GI aus. Jetzt ist sie wieder zurück in Deutschland und steht vor ihrer alten Schule. „Was für ein schönes Gebäude das doch ist!“ Die neue Turnhalle davor will ihr so gar nicht gefallen.

Kurz sehen wir auch den SPD-Stadtrat Dieter Benkard an unseren Schreibtischen, ein Oberhausen-Urgestein wie Gandenheimer. Aber bevor wir ihn ansprechen können, ist er schon wieder weg. So viele Besucher an diesem Tag.

Zwei Stunden vor dem "Bemberle" auf die Karten angestanden

Auf der Tour mit Silvano Tuiach ist ein volkstümliches Oberhausen zu erleben. In der Neuhofer Straße war die Mini-Car-Zentrale, und an einer Ecke gegenüber, „da war ein Puff drin“, erinnern sich alte Oberhauser. Ein Mann erzählt, wie sie früher hier Fußball spielten und sich dann zur Abkühlung in den Hettenbach stürzten. Große Wehmut in der Kiesowstraße, wo einst das Kino „Bemberle“ die Leute anlockte. Zwei Stunden habe man manchmal um Karten angestanden – „weil’s ja nix gab außer Kino“. Aber immerhin: Es gab den „Eis-Kraus“, wo sich der kleine Silvano Tuiach versorgte – zehn Pfennig der Boller.

Der blinde Organist von Sankt Joseph, der Mann mit dem Leiterwagen und der verkrüppelten Hand, die Gaststätte „Eisernes Kreuz“ … Während dieses Spaziergangs wird vielen bewusst, was alles verschwunden ist aus dem Oberhausen der Nachkriegsjahre. Das Oberhausen von heute ist deshalb nicht schlechter – es ist anders. „Al Said“, „Ismail Usta“ und „Eski Bar“ sind nun die Namen der Lokale gegenüber vom Friedensplatz. Vielleicht wird man in 30 Jahren von ihnen so sprechen wie vom Heidelberger Fass oder dem Eisernen Kreuz.

Wo Helmut Haller auch noch gearbeitet hat

Später erreicht uns in der Redaktion noch ein Anruf. Anton Scherer – Oberhauser, schon ein Leben lang. Er möchte noch etwas ergänzen, als einer, der früher in seiner Jugend gemeinsam mit Helmut Haller gekickt hat, und später, als Haller schon Nationalspieler war, mit ihm in der gleichen Firma angestellt war – bei der August Wessels Schuhfabrik, eine der größten in Deutschland. Dort habe Haller nach seiner Zeit bei der MAN als Fahrer gearbeitet. „Am Vormittag für zwei bis drei Stunden, alibimäßig, weil der DFB das so vorschrieb“, sagt Scherer. Als Beifahrer sei der Haller im Opel Blitz gesessen, habe die Schuhe vom Werk an den Bahnhof begleitet.

So verlieren wir uns immer tiefer in diesem Stadtteil, der wie kein anderer in Augsburg diese Vitalität und raue Urbanität ausstrahlt.

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