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Sinfoniekonzert

14.01.2020

Linus Roth und der höllisch schwere Brahms

Violinsolist Linus Roth im Kongress am Park.
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Plus Geiger Linus Roth trat als „Artist in Residence“ wieder bei den Augsburger Philharmonikern auf. Unter erneuten Störgeräuschen dirigierte Marco Comin.

Künstlerfreundschaften war das vierte Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker gewidmet – und gemeint war die (kurze) Freundschaft zwischen Robert Schumann und Johannes Brahms sowie zwischen Brahms und dem Geiger Joseph Joachim. Auch Schumann und Mendelssohn hätte ein Thema sein können sowie Brahms und Clara Schumann mit ihrem Klavierkonzert. Der Kreis der Künstlerfreundschaften war groß Mitte des 19. Jahrhunderts.

Aber die Philharmoniker haben in Linus Roth ja einen mehr als bewährten „Artist in Residence“ 2019/2020 – und da bietet sich das enorm anspruchsvolle Violinkonzert von Brahms geradezu als Steigerung und Gipfelbesteigung an – nachdem Roth, auch Pädagoge und Wettbewerbsleiter in Augsburg, zuletzt mit Beethovens und Weinbergs Violinkonzert frappierte.

Der Solist Linus Roth konnte sich bestens aufgehoben fühlen

Bis heute sind Geiger nicht hundertprozentig froh mit Brahms’ Violinkonzert, weil es zwar höllisch schwer zu spielen ist – vor allem im Finalsatz –, trotz dieser Anforderungen aber nicht so dankbar, wirkungsvoll und süffig erklingt wie manches Gattungspendant. Brahms beabsichtigte in seiner Komposition mehr ein verzahntes Miteinander als ein dialogisierendes Gegeneinander mit effektvollem Schlagabtausch.

Linus Roth und der höllisch schwere Brahms

Allein: Bei den Augsburger Philharmonikern unter dem – links den Stab führenden – Gastdirigenten Marco Comin konnte sich Linus Roth und sein musikalischer Part bestens aufgehoben fühlen: Die angeschlagenen Zeitmaße waren nicht allzu riskant, das Orchester nahm sich zurück, ja bereitete ein Bett, so dass die Stradivari von Linus Roth weit öfter über das scheinbar Obligate hinaus erklang als gewohnt.

Das besaß Zug und verblüffte musikantisch

Roth wurde über weite Strecken nicht zum Mithalten gezwungen; er konnte solistisch selbst gestalten. Und das tat er mit intensivem, festen, teils gar brennendem Ton: entschieden viril. Höhepunkte seiner Interpretation: die Behutsamkeit nach der Kadenz im ersten Satz, der kantabel-friedliche Zauber im Adagio, wo Zeit und Raum für ein gemeinsames Singen gegeben war, schließlich die pointiert und ausdrucksstark gesetzten Rubati im Finale des dritten Satzes.

Das besaß Zug, verblüffte musikantisch – und lockte seriös die Publikumsbegeisterung hervor, die dann verdient auf Roth, Comin und die Philharmoniker einprasselte. Ein meisterlicher Auftakt – mit Zugabe Bach. Aber: Wieder waren störende elektronische Geräusche zu vernehmen, wieder gab es Anlass zu Publikumsklagen – und Hörerflucht in der Pause. Ein unerträglicher Zustand. Im Fall des Falles: Klemmt alles Elektroakustische ab! Braucht’s nicht.

Tänzerische, fast swingende Momente

Es ging nicht ganz so überzeugend weiter. In Schumanns zweiter Sinfonie zeigte sich Marco Comin, da er das Heft nun allein in der Hand hatte, als ein straffer, drängender, deutlich antriebsgesteuerter Dirigent. In mancher bedeutungsvollen Passage der Sinfonie ist das von Vorteil – etwa in der „Spielmusik“ des ersten Satzes mit seinen tänzerischen, fast swingenden Momenten sowie in den Perpetuum mobile-Abschnitten des zweiten.

Aber in manchen bedeutungsvollen Passagen der Sinfonie ist das rastlose Streben auch ein Nachteil; dann wird die Interpretation ein wenig zwanghaft und anstrengend – so, wenn das Orchester ins Trio des zweiten Satzes ohne atmende Zäsur „hineinfällt“, so, wenn im selben Satz das poco ritenuto – wunderbarer Anlass zum gemeinsamen Abbremsen und Wiederbeschleunigen – nur andeutungsweise wahrgenommen wird. Andere Dirigenten wissen das wirkungsvoller, besser zu nutzen.

Im Adagio herrschte ein unterschwelliges Flattern

So nahm sich Comin nicht immer die nötige Zeit, musikalisch Luft zu holen, kompositorische Delikatessen auszukosten, mal lange Leine zu geben. Auch im idyllischen Adagio espressivo herrschte ein unterschwelliges Flattern – aber wann immer Oboe (Sergio Sanchez) und Klarinette (Bettina Aust) übernahmen, stellte sich der nötige, ans Herz gehende pochende Puls ein.

Eine Aufführung also mit Licht- und Schattenseiten – wobei aber unter dem Strich der herbe Mischklang der Philharmoniker erfreute.

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