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Lesung

07.11.2019

Raoul Schrott: „Schriftsteller sind alle Aufschneider!“

Der Schriftsteller Raoul Schrott las in der Buchhandlung Pustet aus seinem Roman „Eine Geschichte des Windes“.
Bild: Wolfgang Diekamp

Raoul Schrott kommt mit seinem Kanonier und Weltumsegler Hannes nach Augsburg und beschert seinem Publikum in der Buchhandlung Pustet einen vergnüglichen Abend.

Am liebsten wäre es dem Tiroler Schriftsteller Raoul Schrott gewesen, wenn der Hanser-Verlag in seinem löblichen Bemühen, ein besonderes, an alten Vorlagen orientiertes Buch zu produzieren, noch einen Schritt weiter gegangen wäre und die jetzt im Grobschnitt hergestellten Seiten gar nicht aufgeschnitten hätte, so wie es bis ins 19. Jahrhundert üblich war. Dann hätte der Leser das Vergnügen gehabt, selber die Seiten aufzuschneiden. Das wäre eine Hommage an die Schriftsteller gewesen, denn die, so Schrott, „sind ja alle Aufschneider.“

Soweit wollte der Verlag allerdings nicht gehen, aber Schrotts neues Buch „Eine Geschichte des Windes oder von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann noch ein zweites und ein drittes Mal“ ist auch so ein schön auf alt gemachtes Buch geworden – vom überlangen Titel (wie es bei frühneuzeitlichen Reiseberichten gängig war) über das feine Papier, den Flattersatz des Textes ohne Seitenzahlen, aber mit nummerierten 125 kurzen Kapitel bis zur exzellent abgebildeten Weltkarte aus dem 16. Jahrhundert.

Hannes aus Aachen bricht mit Ferdinand Magellan auf

Das passt wunderbar zum Thema und zu Schrotts ebenfalls „auf alt gemachter“, barockisierender Sprache. Da spiegelt einer vor, er sei selber dabei gewesen, als dieser Hannes aus Aachen um 1500 das Kanonengießen lernte, sich mit zwei Kumpels aufmachte nach Spanien zum jungen Kaiser Karl (dem fünften) und dann mit dem portugiesischen Seefahrer Ferdinand Magellan im Herbst 1519 aufbricht zur ersten Weltumseglung.

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In zwei Kapiteln trägt Raoul Schrott seinen Zuhörern bei Bücher Pustet mit sympathischem Tiroler Zungenschlag vor, wie sich das anhört – temperamentvoll, saftig, vital, in ausufernder Fabulierkunst. Mit dieser Sprachmacht hat er sich ja auch schon heran gewagt an eine Neufassung von Homers „Ilias“, an zahlreiche Romane und Gedichte.

Die Weltumsegelung begann vor 500 Jahren

Schrott ist freilich gescheit genug, keinen Historienfilm aus der Geschichte dieses Hannes zu machen, sondern thematisiert mit Einschüben immer wieder, wie er, ein Autor im 21. Jahrhundert, sich mit dieser Seefahrt befasst.

Und das erzählt er dann launig und faktenreich auch seinen Zuhörern, die mit Spannung und Vergnügen zuhören. Das diese erste belegte Weltumseglung genau vor 500 Jahren begann, ist als Anlass für das Buch verständlich und übliches Verlags- und Autorenkalkül. Eigentlich wollte Magellan zu den Gewürzinseln (heute Indonesien), Zimt, Muskat oder Nelken bunkern und wieder zurück, aber der Wind wehte anders und zwang ihn, rund um die Welt zu segeln.

Die kleinen Leute stellt Schrott in den Mittelpunkt

Dass dabei dieser kleine Kanonier Hannes und nicht der große Generalkapitän die Hauptrolle spielt, zeigt, dass Schrott erstens seinen Stefan Zweig gelesen hat (so wie der in seiner Magellan-Biografie einen strahlenden Helden zeichnete, wollte er’s nicht machen.), und zweitens seinen Brecht („Wer baute das siebentorige Theben...“): Die kleinen Leute stellt er in den Mittelpunkt, macht aus dem Kanonier einen Simplicissimus oder Till Eulenspiegel.

Wortreich und gut gelaunt plaudert Raoul Schrott über das „making of“ seines Buches, über die aufwändige Recherche der Fakten mit Quellenstudium („Alles ist wahr!“) und seine Erfindungen dessen, was die Quellen nicht hergeben, was den Figuren aber Leben und der Natur Farbe gibt. Und er bekennt, was das Fabulieren für ein Fest war: „Das Schreiben hat solchen Spaß gemacht!“ Das Zuhören auch.

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