Newsticker
RKI meldet 12.257 Neuinfektionen und 349 Todesfälle
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Feuilleton regional
  4. Rassismus-Debatte: Fugger und Welser Museum stellt sich um

Augsburg

20.08.2020

Rassismus-Debatte: Fugger und Welser Museum stellt sich um

Der Raum, an dem sich Kritik am Fugger und Welser Erlebnismuseum entzündet: Hier wird die Geschichte der Eroberung Venezuelas durch die Kaufmannsfamilie Welser thematisiert.

Plus Augsburgs Fugger und Welser Museum möchte die koloniale Geschichte anders präsentieren. Das Museum reagiert auf Kritik von einem renommierten Rassismusforscher.

Gleich noch einmal innerhalb weniger Wochen reagiert das Fugger und Welser Erlebnismuseum auf öffentlich geäußerte Kritik. Vier Kernbereiche der Dauerausstellung sollen umgestaltet werden, wie Götz Beck, Leiter der Regio Augsburg, die wiederum das Museum betreibt, im Gespräch sagt. Unter anderem auch der Raum, in dem die koloniale Eroberung Venezuelas durch die Kaufmannsfamilie der Welser dargestellt wird, soll überarbeitet werden.

An der Überarbeitung möchte Beck auch Gruppen beteiligen, die sich stark mit der kolonialen Vergangenheit beschäftigen. Das Museum reagiert damit auf Kritik, die der Migrations- und Rassismusforscher Mark Terkessidis in seinem Buch „Wessen Erinnerung zählt? Koloniale Vergangenheit und Rassismus heute“ geäußert hat.

Terkessidis ist in dem Buch auf das Fugger und Welser Erlebnismuseum eingegangen, weil die Eroberung Venezuelas durch die Welser die erste große koloniale Unternehmung ist, die von deutschem Boden ausging. Rund 30 Jahre war es den Welsern von der spanischen Krone erlaubt worden, sich in Venezuela auszubreiten, danach reklamierte die spanische Krone diese Gebiete wieder für sich. „Doch in dem Raum, in dem es im Museum um ,Die Welser in Venezuela‘ geht, kann von einer Aufarbeitung der Kolonialgeschichte nicht die Rede sein“, schreibt Terkessidis in seinem Buch. Die Besucher nähmen in dem Raum die Perspektive des modernen europäischen Reisenden ein, demgegenüber seien die „Eingeborenen“ als naiv gezeichnetes Wandbild zu sehen, die nackt ihren „Entdeckern“ freudig zuwinkten.

Das Fugger und Welser Museum will nichts verschweigen

So pauschal möchte Beck diese Kritik nicht stehen lassen. „Von Anfang an war uns ein kritischer Blick wichtig“, sagt Beck. Deshalb habe man sich in der Anfangsphase noch vor der Öffnung des Museums von dem Kuratorenteam getrennt, weil es Uneinigkeit darüber gegeben habe, wie mit den negativen Punkten in der Geschichte zu verfahren sei. „Wir wollen nichts verschweigen“, sagt Beck.

Im Museum werde angesprochen, dass es Sklavenhandel gegeben habe, von dem die Welser profitiert haben. Manillen würden ausgestellt, die als eine der wenigen Originalobjekte im Museum direkt auf den transatlantischen Sklavenhandel verweisen. Diese Armreife aus Bronze oder Kupfer dienten in Afrika als Zahlungsmittel für den Sklavenhandel. Damit kauften die europäischen Sklavenhändler an Küstenstädten in Afrika Sklaven von arabischen und afrikanischen Händlern ab. Die Bedeutung der Manillen soll mit einer neu zu gestaltenden Info-Wand nun ausführlicher beschrieben werden, wie Beck sagt.

Manillen werden Armreife wie dieser genannt. Sie dienten als Zahlungsmittel im Sklavenhandel.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Umgestaltet werden soll im Museum auch der Raum, der die Eroberung Venezuelas durch die Welser zum Thema hat. „Das Einschleppen von Krankheiten und der dramatische Rückgang der Bevölkerung sollen zum Beispiel klarer herausgearbeitet werden“, sagt Beck, auch die Rolle von Sklavenarbeit. Die Welser seien eine erfolgreiche Kaufmannsfamilie gewesen, aber das Museum soll noch stärker nachfragen, wer den Preis für den Erfolg bezahlt hat, auf wessen Kosten die Gewinne erzielt wurden. Außerdem möchte Beck, dass künftig dort nicht nur aus europäischer Perspektive auf Venezuela geblickt wird, sondern auch andersherum die Perspektive derer eingenommen wird, die Opfer des Kolonialismus geworden sind, um so die Auswirkungen zu beschreiben, den Verlust von Sprachen, das Einschleppen von Krankheiten, die Gewalt der Kolonisatoren.

Die Ungleichheit der Stadtgesellschaft soll auch mehr Gewicht bekommen

Ebenfalls überarbeiten möchte Beck den Raum, in dem der Geschlechtertanz dargestellt werde. „Zwei Prozent der Augsburger waren damals reich und gehörten zur Oberschicht, die restlichen 98 Prozent waren arm und mussten schauen, nicht zu verhungern“, sagt Beck. Diese Ungleichheit in der frühneuzeitlichen Stadtgesellschaft soll deutlicher dargestellt werden.

Wichtig ist Beck die Vorgehensweise. Er möchte für die Umgestaltung auf diejenigen Gruppen zugehen, die zuletzt Kritik am Museum geäußert haben, und mit ihnen gemeinsam ein neues Konzept und die neuen Texte entwickeln. Erste Gespräche habe es bereits in dieser Woche gegeben. Mit der Universität Augsburg solle ebenfalls zusammengearbeitet werden, auch mit den Wissenschaftlern, die sich äußerst kritisch zu der mittlerweile abgeschalteten Museums-App über den Sklavenjungen Perico zu Wort gemeldet hatten. „Wir wollen andere Partner einbeziehen“, sagt Beck.

Götz Beck ist Leiter der Regio Augsburg, die wiederum das Museum betreibt.
Bild: Ulrich Wagner

In diesem Prozess sehe Beck auch eine große Chance, das Haus weiterzuentwickeln, es in Süddeutschland, wenn nicht gar in Deutschland zu einem Vorreiter zu machen, wenn es darum geht, die koloniale Geschichte aufzuarbeiten. Museumsmitarbeiter hätten sich andere Häuser angeschaut, etwa das Missionsmuseum Sankt Ottilien, das Museum Soul of Africa in Essen oder das Schifffahrtsmuseum Flensburg. Dort werde der Sklavenhandel zwar thematisiert, aber schon jetzt würde das Fugger und Welser Erlebnismuseum dieses dunkle Kapitel europäischer Geschichte seinem Publikum deutlicher machen.

Auslöser für Umgestaltung des Museums war auch die Rassismus-Diskussion

Deshalb sei er auch ein wenig überrascht, dass sich die Kritiker gerade so auf das Fugger und Welser Erlebnismuseum eingeschossen haben und die anderen Häuser damit verschone. Ausweichen wolle er damit den Argumenten aber keinesfalls. „Wir haben die Schattenseiten der beiden erfolgreichen Augsburger Handelsfamilien immer schon dargestellt“, sagt Beck. Mit der Überarbeitung der Dauerausstellung, die beginne, solle das noch besser rübergebracht werden.

Beck räumt ein, dass das durch die aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen nötig geworden sei. Im Frühjahr löste die Black-Lives-Matter-Bewegung von den USA aus eine Welle weltweiter Solidarität aus. Es kam im Zuge dessen auch in Deutschland zu den ersten Großdemonstrationen nach den strengen Kontakteinschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie.

Ob es eine Überarbeitung der App gibt, ist noch nicht klar

Das hat auch der Kritik der Augsburger Wissenschaftler Ina Hagen-Jeske, Claas Henschel und Philipp Bernhard an der Perico-App des Fugger und Welser Erlebnismuseums Auftrieb gegeben. Sie hatten schon vor sechs Monaten dem Museum mitgeteilt, dass sie die App für misslungen hielten, weil sie die Sklaverei verharmlose und dadurch Kindern ein falsches Bild von dieser Zeit vermittle. Als die Kritik öffentlich wurde, reagierte das Museum umgehend und nahm die App außer Betrieb. „Ob es einen Weg gibt, sie so zu verändern, dass es passt, wird sich zeigen“, sagt Beck. Erst einmal sei wichtig, die Dauerausstellung zu überarbeiten. In einem zweiten Schritt solle dann im Austausch mit den Kritikern der App darüber gesprochen werden, ob es eine Möglichkeit für eine Überarbeitung der App gebe. Falls das nicht der Fall ist, werde es die App nicht mehr geben.

Dass das Museum auf die Kritik nicht mit der höchsten Priorität eingegangen sei, begründet Beck auch mit den Auswirkungen der Corona- Pandemie, die für die Regio Augsburg erst einmal Vorrang gehabt hätten. Von einem Tag auf den anderen brach fast der komplette Umsatz bei den Hotels weg und niemand wusste, wie das weitergehen solle. Jetzt haben er und seine Mitarbeiter auch wieder Zeit, sich um die Weiterentwicklung des Fugger und Welser Erlebnismuseums zu kümmern.

Beck ist es wichtig, noch einmal klarzustellen, dass es sich bei den geplanten Änderungen nicht um einen Paradigmenwechsel des Hauses, sondern um ein Nachschärfen von Themen handle, über die das Museum schon informiert habe. Einen Zeitrahmen, wie lange es bis zu den Änderungen dauere, könne er nicht nennen. „Das hängt davon ab, wie lange der Dialogprozess dauert“, sagt Beck. Er möchte, dass man sich jetzt genügend Zeit dafür nehme. Lieber dauere es länger. „Ein Abstimmungsprozess mit mehreren Beteiligten kann sich auch hinziehen“, sagt Beck.

Das könnte Sie auch interessieren:

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren