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Sommerserie

31.07.2019

Serie Kultur in Oberhausen: Wir starten mit Frauenpower

Gespräche in alle Richtungen: Innerhalb kürzester Zeit herrscht an unserem Schreibtisch wieder das Stimmengewirr, wenn sich alle an einem großen Tisch gleichzeitig unterhalten.
Bild: Richard Mayr

Es geht los vor der Werner-Egk-Grundschule. Wir sind wieder vor Ort und gleich mitten im Gespräch mit Menschen, denen der Stadtteil am Herzen liegt.

Wo sind wir hier? In einem Problemstadtteil? In Augsburgs Hinterhof? In einem Viertel, das allein mehr verkanntes Potenzial hat als viele andere Stadtteile zusammen? Im armen Ausländergetto der Stadt? Im spannendsten, vitalsten Eck Augsburgs? Eva Kerig lebt hier. Sie sagt an diesem Dienstagnachmittag: „Meine Tochter wohnt in München und meinte neulich: Mutti, du wirst es noch erleben, das hier wird das Multi-Kulti-In-Viertel der Stadt!“ Oberhausen also.

Wir haben unsere mobilen Schreibtische auf dem Platz vor der Werner Egk-Schule aufgebaut. Hier war früher das Herz des alten Dorfes Oberhausen, das dann mit den Arbeiterwohnvierteln rechts und links der Wertach zu dem 1911 eingemeindeten Stadtteil Oberhausen wurde. 28500 Menschen leben in Oberhausen. Ein paar davon lernen wir kennen zum Auftakt unsere Sommerserie „Kultur aus Oberhausen“. Es sind Leute, denen der Stadtteil besonders am Herzen liegt. Leute, die etwas bewegen wollen und schon viel bewegt haben.

Eine Arbeitshose als Erinnerung unterm Dach des Gaskessels

Oliver Frühschütz zum Beispiel. Er hat bis zum allerletzten Tag des Betriebs als Elektriker im Gaswerk in Oberhausen gearbeitet. Das war der 31. März 2001. Er schrieb an diesem denkwürdigen Tag einen Erinnerungszettel, steckte ihn in seine Arbeitshose und hängte die unterm Dach des Gaskessels auf – dem Wahrzeichen Oberhausens. Dort oben hängt die Hose heute noch immer. Frühschütz kümmert sich um das Gaswerkareal, er ist Vorsitzender des Vereins Gaswerksfreunde Augsburg. Sie erforschen das Industriedenkmal, sie bieten Führungen an, werben für diesen einzigartigen Ort der Augsburger Geschichte.

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Oliver Frühschütz hat damals kistenweise Material – Alben, Bücher, Fotos, Akten – vor der Vernichtung gerettet. Das war lange, bevor das Staatstheater einzog, Künstlerateliers entstanden und die Wertschätzung für das Denkmal in der Stadtgesellschaft angekommen ist. „Die Homepage, die ihr macht, ist absolut super“, lobt ein anderer Besucher, Johannes Wilhelms, die Arbeit von Frühschütz’ Verein. Der bezeichnet sich als „Schuber“-Schüler. Jeder an unserem Schreibtisch weiß, was damit gemeint ist: Auch Oliver Frühschütz hat im Museumsstüberl der Oberhauser Historikerin und Stadtteilforscherin Dr. Marianne Schuber entscheidende Impulse für das Interesse an der Geschichte Oberhausens bekommen. Marianne Schuber, inzwischen Mitte 80, ist mit ihren Büchern, mit ihrer Arbeit im Museums-Stüberl noch immer die Instanz fürs Gedächtnis des Stadtteils.

Die Arge-Frauen stehen hinter vielen Aktionen

Das wissen auch die sechs Frauen von der Arbeitsgemeinschaft (Arge) Oberhausen, die sich inzwischen dazugesellt haben. Alle Stühle, auch die eilig nachgeholten, sind besetzt. „Kultur aus Oberhausen“ in Vollauslastung … Hannelore Köppl, Karin Boegler, Lydia Schmid, Marlene Schön, Ida Trummer und Ingeborg Krist verkörpern die Frauenpower des Stadtteils. Sie stehen hinter dem Marktsonntag (1. September), hinter dem Kirschblütenfest in der Ulmer Straße, hinter vielen Aktionen im und für den Stadtteil. Sie haben 2018 wieder einen Maibaum auf dem Haller-Platz errichtet.

Ein alter Stadtplan zum Mitnehmen. Eine Besucherin hat sich einen Oberhausen-Stadtplan gesichert, den Wilfried Matzke, der Leiter des Geodatenamts, mitgebracht hat.
Bild: Richard Mayr

Demnächst erscheint eine eigene Zeitschrift. Wenn sie drei Wünsche frei hätten – was wäre das? Einen Saal, groß genug für Theater, wieder ein Kino in Oberhausen (es gab einmal vier!), ein Bürgerhaus … Und außerdem: noch mehr Stadträte, die sich einsetzen für Oberhausen. Die Arge-Frauen loben die Infrastruktur ihres Stadtteils („zwei Trams, ein Bus, fünf Minuten bis zur Autobahn, Supermärkte“) und schwärmen von der Atmosphäre in den Straßen.

Unser mobile Schreibtisch ist um eine Attraktion reicher

Und dann sind die Stimmen nicht mehr gut zu verstehen. Ist das jetzt Baustellenlärm, was da plötzlich so laut dröhnt? Werden wir wieder sechs Wochen lang im Zeichen von Staub und Presslufthämmern verbringen? Nein, ein Gelenkbus, der 52er, kommt gerade angefahren. Stefan Zaum dirigiert ihn grinsend auf uns zu. Gut anderthalb Meter lang ist das Gefährt, Fahrgeräusche macht das Unikat aber wie ein großer Bus.

So laut wie ein großer Bus: Anderthalb Meter lang ist das Modell, das Zaum von dem MAN-Bus gebaut hat, den er gerade selbst im Original wieder herrichtet.
Bild: Richard Mayr

Schon ist unser mobiler Schreibtisch um eine Attraktion reicher: nicht der Bus, sondern Zaum. Auch ein Schuber-Schüler. Der 22-Jährige, der eben bei uns Platz genommen hat, versetzt alle in Erstaunen, weil er ein grandioser Bastler ist und diesen ferngesteuerten Gelenkbus allein zusammengebaut hat (der Fahrer bewegt die Hände am Lenkrad, wenn es um die Kurven geht). Maßgenommen für den Modell-Bus hat Zaum am Original, das ihm ebenfalls gehört. Den MAN-Bus Baujahr 1998 richtet Zaum gerade her.

Das Gaswerkareal - der Abenteuerspielplatz schlechthin

Eigentlich schon genug Freizeitaktivität für einen 22-Jährigen, nicht aber für Zaum. Der ist engagiertes Mitglied bei den Gaswerksfreunden – aus Überzeugung. Als kleines Kind war dieses Industrie-Areal das größte für ihn. Als Zaum zehn Jahre alt war, geschah es dann endlich, am 29. September 2007 wurde er Mitglied im Verein und erschloss sich damit den Abenteuerspielplatz schlechthin. „Das war eine schöne Kindheit.“

Handarbeit und beleuchtet: Stefan Zaum hat die Fassade von Zeuna und Stärker nachgebaut.
Bild: Richard Mayr

Aber damit nicht genug. Mittlerweile hören alle am Tisch Zaum zu, denn gerade spricht er über seine Idee eines Industriemuseums. Der Jüngste in der Runde führt aus, dass Textil- und Industriemuseum gar nicht den Platz habe, um neben der Textilgeschichte auch die Industriegeschichte Augsburgs darzustellen. Auf dem Tisch steht jetzt Zaums Nachbau der Zeuna-Stärker-Fassade – heute eine Industriebrache, auf der Wohnbebauung im großen Stil entstehen soll. Zaum war bei den Abbrucharbeiten dabei, hat fotografiert, hat alte Geräte bewahrt. „Ich brauche einen Raum und Mitstreiter“, sagt er, dann würde er einfach einmal anfangen, alte Industriemaschinen auszustellen. Und am mobilen Schreibtisch kommt gleich noch die Idee auf, dort auch das Museumsstüberl Oberhausen unterzubringen.

Eine Staatsgrenze führte früher durch den Stadtteil

Zaum gehört ganz offensichtlich zu den Menschen, denen nie langweilig wird, die sich ständig in neue Projekte stürzen, die sich selbst beauftragen, um Dinge zu tun. Und Zaum kennt sich in Oberhausen bestens aus. Auf dem Plan von 1900, den Wilfried Matzke, der Leiter des Geodatenamts mitgebracht hat, ist die Landauer Weberei eingezeichnet. Hat das Wasserkraftwerk auf dem Zeuna-Areal zur Weberei gehört? – „Moment“, sagt Zaum, ein kurzer Blick auf den alten und den neuen Stadtplan von Oberhausen. „Ja. Das gehörte früher zur Weberei.“ Matzke sagt, die Struktur aus altem Dorf und Arbeitervorstadt sei „einzigartig“ – genauso einzigartig wie die Tatsache, dass früher eine Staatsgrenze durch den Stadtteil führte.

Oberhausen-Impressionen: der alte Kiosk.
Bild: Richard Mayr

An unserem Schreibtisch ist geballte Oberhausen-Kompetenz versammelt. Als sich der Verkehr in der Zollernstraße zu stauen beginnt und wir staunen, was auf der Straße los ist, heißt es nur lapidar: „Die B17-Baustelle.“

Nebenan wird gebaut, die "Endstation" wird gerade abgerissen

Dann muss der Bus wieder los, verlässt die Haltestelle „Schule/ mobiler Schreibtisch“, weil sein Fahrer Stefan Zaum noch etwas unbedingt erledigen muss: die Großbestellung fürs Sommerfest der Gaswerksfreunde. Und kurz darauf erheben sich die Arge-Frauen. Sie haben noch etwas untereinander zu besprechen: Das neue Oberhausen-Heft der Arge, das bald in den Druck geht. Ein Exemplar wird aufmerksam durchgeblättert, eine Blattkritik im Stehen. Themen in Heft 1: Der FCA, die Vereine, das Gaswerk … „Wir freuen uns, dass so viel gebaut wird in Oberhausen, das ist ein gutes Zeichen“, sagen die Frauen. Nebenan übrigens auch. Die Traditionskneipe „Endstation“ wird dafür gerade abgerissen.

Wir packen um 18 Uhr zusammen, sortieren die Notizen, fahren ab – und bleiben doch in Oberhausen. Vor „Bob’s“, dem großen Lokal am Helmut-Haller-Platz, sitzen wir in der Abendsonne. Blick auf die belebte Kreuzung. Wir sehen: einige Beinahe-Unfälle, ein paar Junkies auf spindeldürren Beinen – vor allem aber eine urbane, lebendige Atmosphäre, die uns an Leipzig oder Berlin erinnert. Wir sitzen lange. Wir freuen uns auf nächsten Dienstag, freuen uns auf dieses Oberhausen.

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