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Abschied

12.06.2018

Sie machte das Jüdische Kulturmuseum zum Netzwerk

Zum 31. Juli geht Benigna Schönhagen in den Ruhestand.
Bild: Ulrich Wagner

Schon sieben Wochen vor ihrem Ruhestand bedanken sich Kollegen und Weggefährten bei Benigna Schönhagen.

Als sie im Herbst 2000 auf Einladung Gernot Römers, des ehemaligen Chefredakteurs dieser Zeitung, ihre Bewerbung einreichte, warnten Kollegen vor dem „Schleudersitz“ in Augsburg. Doch Benigna Schönhagen hielt im Jüdischen Kulturmuseum stand, 17 Jahre lang leitete sie das Haus und führte es zur Blüte. Zum 31. Juli geht die Historikerin in den Ruhestand. Weil ihre Fachkollegen aus Berlin, Wien und Hohenems gerade zu einer Tagung in der Stadt waren, wurde ihre Verabschiedung kurzerhand vorgezogen. Im Festsaal der Synagoge gab es am Sonntagabend zwei Stunden warme Worte und anrührende Musik.

Ein „ganz exzellenter Baustein in der Museumslandschaft der Stadt“ sei ihr Haus heute, würdigte Augsburgs Kulturreferent Thomas Weitzel die Aufbauleistung Schönhagens. Mit viel Fachkenntnis und großem Engagement sei sie zu Werke gegangen, als sie 2006 die neue Dauerausstellung („nach wie vor frisch und ansprechend“) konzipierte, als sie zielstrebig Museum und Synagoge mit Veranstaltungen wie dem Europäischen Tag der jüdischen Kultur zur Stadt hin öffnete, als sie die Zeitzeugenreihe zusammen mit dem Sensemble-Theater initiierte, als sie ab 2013 die Museumsdependance in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber vorantrieb. Nicht zuletzt habe sie dazu beigetragen, Erinnerung zu bewahren, die sonst verschüttet geblieben wäre – sei es mit den vier Ausstellungen über jüdisches Leben in Augsburg nach 1945 oder sei es die Erinnerungswerkstatt. Deren Sprecherrat – Angela Bachmair, Verena von Mutius und Niko Hueck – sagte, dank Schönhagens Initiative sei ein blinder Fleck der städtischen Geschichtsschreibung beleuchtet sowie in ein sichtbares und ständiges Gedenken der NS-Opfer in Augsburg überführt worden.

Den Staub weggeblasen

Die rührige Kollegin habe kräftig den Staub weggeblasen, der sich auf das älteste Jüdische Kulturmuseum in Deutschland seit der Eröffnung 1985 gelegt hatte, sagte Hanno Loewy vom Jüdischen Museum Hohenems in Vorarlberg. „Jüdische Religion bettete sie ein ins Alltagsleben der Menschen“ und schilderte, dass sich jüdisches Leben über Jahrhunderte in der Provinz abspielte und doch eine Weltbürgerexistenz war.

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Respekt nötigte auch Cilly Kugelmann vom Jüdischen Museum Berlin und der Wiener Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek das Geschick der Augsburger Kollegin ab, ein Jüdisches Kulturmuseum mit einer lebendigen Israelitischen Kultusgemeinde zu verbinden – bei ihren sehr unterschiedlichen Aufgaben und Zielsetzungen. Während das Museum provozieren soll, Debatten auslösen und die Besucher überraschen, so organisiert die Gemeinde sich mit mancherlei Kompromissen – mit der Tradition, mit ihren Mitgliedern und mit ihrer Stadt.

Der Mitarbeiterstab war gefordert

Seitens der Kultusgemeinde hob Arkadiy Lyubinskiy hervor, Schönhagen habe leidenschaftlich daran gearbeitet, das Kulturmuseum zu einem Hort der Begegnungen, der Erinnerung, des Andenkens und der Aufklärung zu machen. Ihrem Mitarbeiterstab verlangte sie dabei einiges an Anstrengung ab, doch sorgte sie auch für deren Fortbildung auf Exkursionen und verbesserte kontinuierlich die Arbeitsbedingungen, dankten ihr Souzana Hazan, Monika Müller und Torsten Lattki. „Es waren spannende, abwechslungsreiche Jahre“, bilanzierte Müller – und der Spaß kam auch nicht zu kurz.

Selbst die Musik vom Ensemble „Feygele“ führte sich auf Schönhagen zurück. Trat die Klezmergruppe der Gemeinde doch erstmals vor neun Jahren beim Tag der jüdischen Kultur auf. Der Bogen spannte sich von innig-schmelzenden, religiösen Liedern bis hin zu ausgelassener, lebensfroher Hochzeitsmusik. Hans-Eberhard Schurk, Vorstand der Stiftung Jüdisches Kulturmuseum, staunte nur, welch großes Netzwerk sich Benigna Schönhagen in 17 Jahren aufgebaut hat. Als Überraschung sang Kantor Nikola David, der in Kriegshaber den Synagogenchor gegründet hat, die Arie „Adio, Querida“ der spanischen Juden: Auf Wiedersehen, meine Liebe!

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