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Brechtfestival

26.02.2019

Turbo Pascal starten ein perfides Experiment

Bild: Christian Menkel

Das Kollektiv Turbo Pascal errichtet im Textilmuseum in Augsburg böse Gedankenhäuser. Deren Logik kann man sich nur schwer entziehen.

Eine gepflegte Frauenstimme spricht direkt in die Gehörgänge hinein. Das System sei kaputt. Sie wolle das nicht denken. Ihr gehe es gut. Aber wenn sie genauer hinsehe, könne sie das nicht übersehen. Das System sei kaputt. Es sei ein Schweinesystem, ein ausgemachtes Arschloch-Schweine-System. Und Bullen seien auch Schweine, sagt die Frau mit dieser gepflegten Stimme, weil sie das System unterstützen. Die Frau spricht in ein Mikrofon, das direkt auf den Kopfhörer übertragen wird, den man selbst trägt.

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„Böse Häuser“ heißt dieses Theaterexperiment, das das Berliner Theater- und Performance-Kollektiv Turbo Pascal im Textilmuseum (Tim) mit seinem Publikum im Rahmen des Brechtfestivals vornimmt. In ein Ambiente der Kultiviertheit taucht man dort ein, gibt nicht nur den Mantel an der Garderobe ab, sondern tauscht auch die Straßen- gegen Hausschuhe. Auf einem großen Teppich im Tim sammelt sich das Publikum. Die Performer mischen sich darunter. Jeder trägt einen Kopfhörer; alle werden auf eine Traumreise geschickt. Man solle sich vorstellen, wie der Atem immer langsamer geht, der Pulsschlag aufhört, man stirbt. Dann erkundet man unter Anleitung die eigene Vergänglichkeit, die Leichenstarre und Leichenflecken; die Darmbakterien beginnen, den Körper von innen zu zersetzen. Nach einer Woche kommen die Käfer und Insektenlarven, die den toten Leib besiedeln. Am längsten dauert der Verwesungsprozess der Knochen.

Schleichendes Gedankengift

Nach dieser Methode geht Turbo Pascal den ganzen Abend vor. In „Böse Häuser“ wird die Dosis des Sagbaren immer schleichend erhöht. Von einem Satz, dem man vielleicht noch sagen kann, zu einem Satz, den man danach vielleicht noch sagen kann, immer so weiter, bis alles vergiftet ist. Gedankenketten hinein in das Negative, Böse und den Hass. Um das Publikum bei Laune zu halten, wird auch immer das Gegenteil behauptet. Alle, die für Demokratie sind, kommen jetzt auf diese Seite.

Wer sich bewegt, wer in Bewegung gehalten wird, kann sich schlechter gegen das Gedankengift wehren. Das hat etwas Perfides. Und es zeigt einem, wie leicht es ist, eine solche Saat auszubringen. Wenn der Rahmen stimmt, fällt einem erst einmal niemand ins Wort. Wenn einem niemand ins Wort fallen kann, kann alles so arrangiert werden, dass es folgerichtig aussieht. Von Allgemeinplätzen wie „Schön, dass wir uns alle so gut verstehen, schön, dass wir alle dieselbe Sprache sprechen, schön, dass wir alle wissen, was es bedeutet, einen im Tee zu haben“, braucht es nur wenig Sätze zur Ausgrenzung anderer, die dieses Schöne gefährden. Ein starker Festivalbeitrag.

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