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Interview

11.08.2019

Was Mr. Jazzsommer Christian Stock zum Abschied sagt

27 Jahre präsentierte Christian Stock beim Internationalen Jazzsommer die Musiker aus aller Welt. In Zukunft wird er unter den Besuchern sitzen.
Bild: Herbert Heim

Nach der 27. Auflage ist Schluss. Christian Stock hört auf. Viele Jazzlegenden hat er nach Augsburg geholt. Hier verrät er, mit wem es nicht geklappt hat.

Herr Stock, 27 Jahre haben Sie den Augsburger Jazzsommer verantwortet. Sie sind selbst als Jazz-Bassist unterwegs. Wie haben Sie den Jazz für sich entdeckt?

Christian Stock: Als Schüler habe ich E-Bass gelernt und war ganz auf Rockmusik fixiert. Mein erster Kontakt mit Jazzmusik war das New Jazz Festival Moers bei Düsseldorf. Da hat zur Eröffnung Klaus Doldinger gespielt. Wir hatten damals eine Prüfung von 8 bis 12 Uhr. Weil mein Freund Peter und ich unbedingt Doldinger hören wollten, haben wir um 10 Uhr abgegeben, um rechtzeitig hinzukommen. Die Lehrer waren sehr erstaunt; dummerweise haben wir Doldinger verpasst. Aber wir haben alle anderen gehört, die auftraten, das Art Ensemble of Chicago, swingender Free Jazz, der einem sofort unter die Haut geht, Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner – da sind uns die Augen aufgegangen. Und ich habe gesehen, da spielt kein Mensch E-Bass, ich muss mir einen Kontrabass kaufen.

Spricht Ihnen Patrick Süßkind mit seinem „Kontrabass“ aus dem Herzen?

Was Mr. Jazzsommer Christian Stock zum Abschied sagt

Stock: Ja, das kann ich nachvollziehen. Die Zuschauer lachen, weil sie das so komisch finden, aber für mich gibt es nichts zu lachen – das ist die Realität. Da sind die Probleme beschrieben, die man als Bassist hat: Das Schattendasein im Orchester, der Transport auf Reisen, die kleinen Mietwohnungen, in denen der Bass immer im Weg rumsteht. Mit der Piccoloflöte hat man es leichter.

Was ändert sich für Sie, wenn Sie den Jazzsommer nicht mehr organisieren?

Stock: Dann werde ich als Besucher in den Konzerten sitzen.

Und als Musiker?

Stock: Ich werde wieder mehr Stücke schreiben. Dann interessieren mich ein paar neue Projekte: Ich will wieder mehr solo spielen, bei Ausstellungseröffnungen oder Lesungen. Beim Spielen möchte ich mehr von der strukturellen Musik weggehen. Dafür habe ich mich für ein Projekt mit dem Saxofonisten Johannes Enders zusammengetan.

Viele Jazzfestivals greifen auf Grenzgänger zwischen Pop und Jazz zurück. Zieht Jazz allein nicht mehr?

Stock: Unsere Publikumszahlen zeigen das Gegenteil. Da kamen zu einzelnen Konzerten im Rosengarten bis zu 850, manchmal über 1000 Besucher. In diesem Jahr waren 4500 Zuhörer bei allen Konzerten, also denen im Botanischen Garten und den Dixie-Konzerten im Innenhof des Zeughauses. Wenn man auch Popstars engagiert, ist es kommerziell sicherer, die Konzerte sind oft im Vorhinein ausverkauft und man spricht ein jüngeres Publikum an. Aber dann sollte man es nicht als Jazzfestival etikettieren. Carlos Santana, so exzellent er ist, so phänomenal seine Band ist – mit Jazz hat seine Musik nichts zu tun. Sogar das berühmte Jazzfestival in Montreux ist verwässert, von 100 Bands sind vielleicht zwei noch richtige Jazz-Acts.

Welche Leitlinie hatten Sie für die Programmgestaltung?

Stock: Ich wollte Musiker präsentieren, die in Augsburg sonst nie zu hören gewesen wären. Oft waren es Gruppen oder Solisten, die in Europa gerade auf Tour waren und noch in Augsburg Station gemacht haben. Aber einige, wie etwa das Monty Alexander Trio oder James Carter, sind extra für den Jazzsommer gekommen.

Mit ihrem Programm haben Sie die große Bandbreite des Jazz abgedeckt.

Stock: Ja, wenn man an das Klaviertrio von Kenny Barron denkt und dagegen das Tord Gustavsen Trio stellt, die sind so unterschiedlich. Ich wollte die aktuelle Jazz-Szene im Botanischen Garten haben und dazu einige der Legenden, die diese Musik seit Jahrzehnten spielen.

Mit James Carter haben Sie in diesem Jahr zusammen mit Ihrem Trio gespielt. Wie kam es dazu, dass Sie selbst immer beim Festival aufgetreten sind?

Stock: Das Festival geht auf eine Theaterreihe zurück, bei der ich immer ein Eröffnungs- und Schlusskonzert gegeben habe. Dadurch hat es sich so eingespielt, dass ich selbst aufgetreten bin, auch als die Theaterwochen nicht mehr fortgesetzt wurden und dafür die „Sommernachtskonzerte im Botanischen Garten“ stattfanden, aus denen dann der Jazzsommer hervorging.

Hat Ihre Tätigkeit als Festivalleiter Ihre Arbeit als Musiker beeinflusst?

Stock: Das hat sich gegenseitig befruchtet. Ich konnte beim Jazzsommer früh mit internationalen Musikern spielen. Dadurch konnte ich ein sehr gutes Netzwerk aufbauen, um internationale Musiker einzuladen. Das war eine Wechselwirkung und es ergaben sich interessante Formationen. Avishai Cohen, der Trompeter, war zum Beispiel vor zwei Jahren mit seiner eigenen Band hier und hat dieses Jahr zusammen mit Danilo Perez und Chris Potter gespielt. Die Telefonnummer von James Carter habe ich von Chico Freeman, mit dem ich über 20 Jahre gespielt habe, bekommen.

Eine Krise des Jazzsommers zeichnete sich 2012 ab, als der damalige Kulturreferent Peter Grab für die Augsburger Festivals ein Bienale-Konzept durchsetzen wollte, das bedeutet hätte, dass es den Jazzsommer nur alle zwei Jahre gegeben hätte. Warum konnte das in Ihren Augen nicht funktionieren?

Stock: Da haben wir damals sehr emotional diskutiert. Ich bin der Auffassung, dass ein Kulturreferent nicht die Aufgabe hat, Gelder zu kürzen oder zu streichen, sondern er hat grundsätzlich die Aufgabe, Kultur zu fördern und ein möglichst breites Angebot zu unterstützen. Wenn wir den Jazzsommer im Zweijahresturnus gemacht hätten, wäre die Beständigkeit nicht mehr gegeben gewesen, von der so ein Festival lebt. Weniger Gagen hätten wir nicht mehr zahlen können, da waren wir an der unteren Grenze, wo es peinlich geworden wäre. Glücklicherweise hat sich Kurt Gribl damals für den Jazzsommer eingesetzt.

Mit vielen Gästen haben Sie sich einen eigenen Wunsch erfüllt, zuletzt mit dem Kenny Barron Trio, das beim letzten Konzert in diesem Jahr gespielt hat. Wen hätten Sie noch gern im Botanischen Garten gehabt?

Stock: Da gäbe es einige: Keith Jarrett, Herbie Hancock, Wayne Shorter, Sonny Rollins. Chick Corea hätte ich beinahe unter Vertrag gehabt, wenn sich das Management nicht für einen anderen Auftritt entschieden hätte. Bei Bobby McFerrin gab es Chancen, weil die Sängerin Sheila Jordan, mit der ich viele Konzerte gegeben habe, seine Nachbarin war. Meine Traumbesetzung wäre Yo-Yo Ma am Cello und Bobby McFerrin, da gibt es eine CD, die ist so phänomenal. Unglaublich. Wenn ich dieses Angebot bekäme, würde ich meinem Nachfolger Tilman Herpichböhm einen Tipp geben.

Zur Person

Christian Stock, geboren 1956 in Augsburg, spielt seit seinem 16. Lebensjahr Bass. Er studierte an der Musikhochschule in Graz Klassik und Jazz und spielt solo und in wechselnden Besetzungen mit seinem eigenen Trio.

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