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Podiumsgespräch

17.01.2020

Was der Antisemitismusbeauftragte macht

Die Synagogentür in Halle, die am 9. Oktober 2019 den Schüssen des rechtsextremen Attentäters standgehalten hat.
Bild: Hendrik Schmid, dpa

Ludwig Spaenle hat nach dem Verlust seines Landtagsmandats eine neue Aufgabe übernommen. Sein Auftritt in Augsburg hinterlässt mehr Fragenzeichen als Antworten.

Seit 18 Monaten ist Ludwig Spaenle Antisemitismusbeauftragter des Freistaats. Wie sieht seine Stellenbeschreibung aus? Hat er ein Konzept gegen Rechts, eine Strategie, die er angesichts rasant steigender Zahl rechtsradikaler Übergriffe verfolgt? Was tun nach den Schüssen auf die Synagogentür in Halle?

Fragen genug für den „Denkraum“. Das Quartett, das diese Veranstaltungsreihe organisiert, lud den ehemaligen Kultusminister, der bei der Bayernwahl 2018 sein Landtagsmandat verlor, in den Augsburger Untergrund, den Jazzclub. Der Andrang im Keller war groß. Etwa 90 Zuschauer konnten Jüdisches Museum, Volkshochschule, Evangelisches Forum Annahof und Friedensbüro begrüßen, unter ihnen Künstler, Musiker sowie zahlreiche Ehrenamtliche und Profis aus der Augsburger Erinnerungsarbeit.

Die Leiterin des Jüdischen Museums, Barbara Staudinger, balancierte als Moderatorin gewohnt souverän zwischen dem Anspruch, dem Gast Raum für seine Ausführungen zu geben, ihn gleichzeitig auf Widersprüche hinzuweisen und im zweiten Drittel auch das Publikum mit einzubeziehen. Doch wie ein Großteil der Zuhörer ist auch Spaenle Profi. Die Kunst des Ausweichens und des Antwortens, ohne auf Fragen einzugehen, ist für ihn Routine. So sind Fragen und Kommentare von Museumsleiterin und Publikum mitunter spannender als Antworten und Kurzreferate des Gastes.

Was der Antisemitismusbeauftragte macht

Ein Kurzcurriculum zur Geschichte der Judenausgrenzung

Hat die Erinnerungskultur, auf die Deutschland so stolz war, nichts genutzt? Doch, findet Spaenle. Habe sie. Schließlich setzten sich Staat und Zivilgesellschaft zum Beispiel dafür ein, die Augsburger Synagoge zu restaurieren. Antisemitismus, führt er aus, sei kein Problem der Juden. Er spult ein wie auswendig gelernt klingendes Kurzcurriculum zur Geschichte der Judenausgrenzung ab. Antijudaismus im Christentum, Israel-Kritik, die „übers Ziel hinausschieße“, und der islamistische Antisemitismus, der – importiert von Flüchtlingen – sich zunehmend in Deutschland manifestiere. Die obligatorische Kritik an der AfD fehlt nicht.

Zur strategischen Stimmungsaufhellung noch der persönliche Ausblick: Er habe „intensiven Kontakt“ zu Gemeinden in Schwaben, in denen es bis zum „Totalabsturz“ große jüdische Landgemeinden gegeben habe. Schön sei, dass diese Kommunen den lokalen „Absturz“ auch als ihren eigenen anerkennen, schließt er.

Staatliche Erinnerungskultur stelle sich dem "Unrat" entgegen

Scharf fasst Staudinger zusammen: „Das ist genau dort, wo eben keine Juden mehr leben. Manchmal ist es, als wäre Erinnerungskultur dort am schönsten, wo Juden nicht sind.“ Langatmige Ausführungen auch auf die Frage nach dem Sinn staatlich gelenkten Gedenkens. Auf jüdischen Friedhöfen in Schwaben habe er der Toten gedacht und dort Nachfahren kennengelernt, die aus dem Ausland angereist waren, um auf diesem Friedhof nach ihren Wurzeln zu suchen. „Die jüdischen Gemeinden heute können uns Teile unserer Identität zurückgeben“, so Spaenle. Staatliche Erinnerungskultur stelle sich dem „Unrat“ entgegen, den „Irre“ ins Internet stellen.

Spaenle sagt nicht, was ist. Er meidet analytische Begriffe, verwendet „Unrat“ und „Absturz“ statt Nationalsozialismus und Faschismus. Miriam Friedmann sitzt im Publikum. Ihre Großeltern nahmen sich nach ihrem Deportationsbescheid 1943 in einem Haus in der Bahnhofstraße das Leben, die Eltern flohen als Kinder in die USA. Sie vermisst Empathie bei dem Politiker.

Selbst auf die Frage, wo in seinem Leben er persönliche Berührungspunkte zu jüdischem Leben habe, weiche Spaenle aus. „Er ist zu glatt“, findet sie. Sie fragt ihn, warum ausgerechnet die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), also Widerständler gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus, vom bayerischen Verfassungsschutz beobachtet werden. Spaenle ist auch hier wenig hilfreich: „Das weiß ich nicht. Das ist Sache des Verfassungsschutzes.“

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