Startseite
Icon Pfeil nach unten
Augsburg
Icon Pfeil nach unten
Feuilleton regional
Icon Pfeil nach unten

Augsburger Jazzsommer: Big-Band-Leaderin Kathrine Windfeld beim Jazzsommer: She's the boss

Augsburger Jazzsommer

Big-Band-Leaderin Kathrine Windfeld beim Jazzsommer: She's the boss

    • |
    Kathrine Windfeld und ihre Jungs: Die dänische Musikerin dirigiert ihre Big Band beim Augsburger Jazzsommer im Botanischen Garten.
    Kathrine Windfeld und ihre Jungs: Die dänische Musikerin dirigiert ihre Big Band beim Augsburger Jazzsommer im Botanischen Garten. Foto: Herbert Heim

    Hervorragende Dirigentinnen der klassischen Musik gibt es mittlerweile ja einige. Im Bereich des Jazz aber, hinsichtlich Big-Band-Leaderinnen, kann Aufholbedarf noch konstatiert werden. Monika Roscher aus München und Barbara Bruckmüller aus Wien greifen kraftvoll und lenkend ein – und jetzt war die Dänin Kathrine Windfeld mit ihrer Kopenhagener Big Band beim Augsburger Jazzsommer: 14 Männer, darunter eine Rasselbande von elf Bläsern, befehligt von einer Frau.

    She’s the boss – oder wenigstens prima inter pares. Die erste Big Band seit vielen Jahren im Botanischen Garten – und das erste Konzert dort, das der Bayerische Rundfunk als neuer Medienpartner des Jazzsommers mitschnitt, Sendetermin noch unbestimmt. Hoffentlich gibt es noch genügend Sendeplätzchen abends im vierten Radio-Programm, sollte der neue bundesweite Kulturkanal Wirklichkeit werden. 

    Dass das Konzert anstrengende Überlänge besessen hätte, kann hier nicht vermeldet werden. Nach neun Nummern à zehn Minuten war nahezu punktgenau Schluss: Die Eintrittskarten hatten schon voller Verwaltungspräzision eine Spieldauer von 20 bis 21.30 Uhr annonciert. Ordnung muss sein, auch im Jazz. Dass aber die anberaumten 90 Minuten nicht klangsinnlich, dicht, intensiv genutzt worden wären, kann auch nicht behauptet werden. Konzentration schadet nicht bei Kathrine Windfeld, will man alles mitkriegen.

    Windfelds Musik im Botanischen Garten ist wunderbar unberechenbar

    Denn dazu sind ihre Kompositionen zu komplex – und in ihren besten Momenten wunderbar unvorhersehbar. Prächtig setzt sie die durchaus artifizielle Tradition der konzertant-farbenreichen Praxis von Gil Evans um – und nicht zuletzt auch die Praxis jener ausgetüftelten Orchesterkonstruktionen der großen alten Dame des Composer Jazz, der heute 86-jährigen Carla Bley. By the way: Windfeld, Jahrgang 1984, ausgebildet in Kopenhagen und im schwedischen Malmö, stammt aus Svendborg, von dort also, wo Bert Brecht im dänischen Exil die "Mutter Courage und ihre Kinder" sowie die

    Zurück in den Botanischen Garten und zum Unvorhersehbaren: Überraschend so mancher Einwurf der fünf Saxofonisten, drei Posaunisten, drei Trompeter: vom Choral über geräuschhafte Naturklänge sowie Loops von Als-ob-Morsezeichen bis hin zum zeitlich genau fixierten Free-Jazz-Ausbruch. Das alles tönt fern aller musikalischen Klischees, sensualistisch ausgehört, schlüssig eingesetzt. Und auch die sattelfeste Rhythmus-Sektion mit einfühlsamer Gitarre und einfühlsamem Bass glänzt, am heftigsten in den Passagen, da sich die Rhythmen überlagern, verflechten, aneinander reiben. Ein Knäuel von Jazz.

    Der "Brief nach Lwiw" als Lamento des Jazz

    Essenziell bei all dem ist, dass Kathrine Windfelds Kompositionen regelmäßig von existenziellen Gedanken angetrieben werden. Sie, die in Ansagen preisgibt, welche Eindrücke und Überlegungen zu ihren „tunes“ geführt haben, greift dafür immer wieder zu Begriffen aus des Lebens ernsten Stunden: trouble, sadness, depart, sorrow, war.

    Und entsprechend tief, melancholisch tönt dann auch die Substanz der Werke, oftmals von ihr selbst am (Bechstein-)Flügel introvertiert-schweifend, herb in der Melodieführung, ja mitunter gar grüblerisch eingeleitet. Worauf sich zunächst Gitarre und Bass druntermischen, später leise die Saxofone, bis der Trompetensatz den Kulminationspunkt – mit sich anschließenden Soli – liefert. Ihr "Brief nach Lwiw" in der Ukraine aber, der wird zu einem Lamento des Jazz.

    Knapp 800 Zuhörerinnen und Zuhörer bekundeten lautstark Dank, und Kathrine Windfeld revanchierte sich mit etwas lustvoll Schrägem: mit der Vertonung der Heimfahrt eines Augsburgers, 38 Weißbiere intus. Die Musik kurvte, schlingerte hinreißend. Klasse!

    Diskutieren Sie mit
    0 Kommentare
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden