Anton Bruckners 7. Sinfonie, die Augsburger Philharmoniker mit Anthony Bramall am Pult: eine Sinfonie aus dem Standardrepertoire eines jeden großen Orchesters, geleitet von einem erfahrenen Gastdirigenten. Da wird nichts schiefgehen, denkt man sich, und lehnt sich gelassen zurück in neutraler Erwartung dessen, was da kommen wird.
Und dann – unmöglich zu sagen, wann, wo genau – dann ereignet sich einer dieser Momente, die man als Konzertbesucher nicht herbeizitieren kann, Situationen des Musikerlebens, die sich dem passiv harrenden Hörer eben nur einstellen, Überraschungen, mit denen man gar nicht gerechnet hat. Das Ohr hakt mit einem Mal ein und mit ihm der aufnehmende Verstand, plötzlich ist die Aufmerksamkeit hoch gespannt, man meint, das auch anderswo im Saal zu spüren, meint obendrein, dass dies auch dem Sensorium der Musiker nicht entgeht: Ein Spannungswechselspiel zwischen Publikum und Interpreten ist da im Gange, vermittelt durch die Musik, durch Bruckners Siebte, deren Aufführung hier und heute schon im ersten Allegro alle Anzeichen des Besonderen trägt. Wird diese Bruckner-Höhe, fragt man sich im kurzen Atemholen beim Verklingen des Finalakkords des ersten Satzes, von Anthony Bramall und den Philharmonikern zu halten sein, über die Riesendimension des weiteren Sinfoniegebäudes hinweg?
Ein saftiges Stück, diese konzertante Symphonie von Joseph Jongen
Vorausgegangen an diesem Montagabend im Kongress am Park beim 4. Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker ist die Aufführung eines Stücks, das alles andere als zum Standardrepertoire gezählt werden kann: Joseph Jongens Symphonie Concertante für Orgel und Orchester. Welch bemerkenswerte Blüten doch die Wiedererweckung der großen Steinmeyer-Orgel im Kongresssaal treibt! Kaum jemals in Augsburg dürfte diese konzertante Sinfonie des von Organistenkreisen abgesehen herzlich unbekannten Belgiers Jongen (1873 – 1953) erklungen sein. Dabei handelt es sich um ein bravouröses, saftiges, unmittelbar zugängliches Stück, das es nicht nur wegen seiner kuriosen Entstehungsgeschichte – in den 1920er-Jahren in Auftrag gegeben für die damals weltgrößte Pfeifenorgel, platziert in einem US-Kaufhaus – verdient, unters Konzertpublikum gebracht zu werden.
Jongens viersätzige Symphonie Concertante ist kein Werk, welches nur darauf abzielte, das Soloinstrument platt-virtuos auszustellen und den Orchesterpart auf dienendes Begleiten zu beschränken. Auf Augenhöhe begegnen sich hier Soloinstrument und Orchester, sind kunstvoll und facettenreich ineinander verwebt, und dieser Struktur folgten denn auch Solist und Dirigent der Augsburger Aufführung. Peter Bader, dank des elektronischen Spieltischs physisch integriert in den philharmonischen Klangkörper, lenkt in rein solistischen Momenten wie dem ersten Einsatz seines Instruments im Kopfsatz den Fokus durchaus markant auf den Orgelklang, um sich dann aber gleich wieder zurückzunehmen, wenn Holzbläser, Streicher und weitere Orchesterregister hinzutreten und den thematisch-motivischen Faden fortspinnen.
Peter Baders rockige Orgel-Zugabe
Dirigent Bramall wiederum ist sicht- und hörbar daran gelegen, den dicht besetzten Orchesterapparat an filigranen Stellen des Soloinstruments nicht allzu pastös werden zu lassen. Mit der Folge, dass sich die linearen Fortschreitungen im raschen Divertimento (2. Satz) ebenso entfalten können wie die stimmungsvoll impressionistischen, nachmittäglich-schläfrigen Schwebeklänge des langsamen dritten Satzes. Nur im Finalsatz ist der Lautstärkelöwe im Orchester dann doch losgelassen und überdeckt manche der toccatenhaften Orgelkaskaden. Aber Peter Bader hält sich schadlos mit einer ausgesprochen originellen Zugabe, einer von dem schwedischen Konzertorganisten Gunnar Idenstam stammenden Toccata, die die sinfonischen Fähigkeiten der Steinmeyer-Orgel gerade durch ihren rockmusikinspirierten Gestus herausstellt.
Im zweiten Teil des Konzerts dann Bruckner. Gar nicht mystisch-verhangen, sondern flüssig von der ersten Themenvorstellung an, lichtzugewandt der mächtige erste Satz, an manchen Stellen von geradezu pastoraler Anmutung. Anthony Bramall ist sichtlich vertraut mit dieser Sinfonie, nur gelegentlich senkt er den Kopf auf die Partitur, richtet den Blick zumeist ins Orchester, lenkt mit weit ausholenden Gesten, verbindet Bruckners oft so erratisch wirkende Blöcke zu einer tönenden Folge von entwaffnender Sinnhaftigkeit. Das Orchester geht mit, ist spürbar inspiriert, Momente voller Intensität entstehen wie – pars pro toto – jene gut 20 Takte der Überleitung in die Coda.
Bei Anthony Bramalls Bruckner passt einfach alles
Das für die Aufführung von Bruckners Sinfonik so zentrale Vermögen, die weit ausgreifenden Perioden unter einen Spannungsbogen zu fassen, gelingt bezwingend auch im anschließenden Satz. In diesem Adagio führt Bramall Konstellationen herbei, in denen Musik nicht einfach mehr erklingt. Sondern spricht. Und man versteht. Alles passt, wirkt naturgemäß entwickelt, auch der Kulminationspunkt mit Paukenwirbel, Beckenschlag und Triangeltremolo – die alte Frage, ob die instrumentale Höhung als Bruckner-Original zu gelten hat oder nicht, hier ist sie hinfällig. Nach dem ergreifenden Satzschluss mit einer phänomenal intonierenden Hörner- und Tuben-Sektion – Primi inter Pares im Orchester – vermag Bramall im Scherzo die Temperatur nicht ganz zu halten, legt aber im Finalsatz noch einmal zu. Geradezu keck der Beginn, schlüssig sich wendend ins elegische zweite Thema. Und auch hier im Satzgefüge wundersam ruhige Inseln, Areale der Introspektion und des Kräftesammelns im Gefolge machtvoll aufbrechender Tutti, berstender Klänge mit glühenden Blechbläser-Kernen – und doch geschichtet in glasklarer Struktur.
Ein Bruckner, wie man ihn lange nicht in Augsburg zu hören bekam. Jubel für die Philharmoniker, Jubel für Anthony Bramall.