Aktion

14.12.2017

Tischtennis ist mehr als Sport

Mit vollem Eifer bei der Sache: Dieter Voigt (rechts) besuchte mit dem Post SV (links Jonas Lang) eine Wohngemeinschaft mit dementen Menschen.„Bewegung ist ein entscheidender Faktor, um die Krankheit zu verlangsamen.“
Bild: Michael Hochgemuth

Seit Jahren engagiert sich Dieter Voigt mit dem Post SV im Rahmen eines sozialen Projekts. Was das bewirken kann, zeigt der Besuch in einer Senioren-Wohngemeinschaft

Regungslos sitzt der Mann in seinem Stuhl. Leer blickt er in der Labyrinthos-Wohngemeinschaft im Stadtteil Kriegshaber umher. Der Mann hat nicht nur große Teile seines Lebens hinter sich, Demenz beeinträchtigt seine physischen und psychischen Fähigkeiten. Er wirkt abwesend, gebrechlich, ist stets auf fremde Hilfe angewiesen.

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Plötzlich tritt Dieter Voigt neben ihn, nimmt seine Hand, drückt den Griff eines Tischtennisschlägers zwischen Daumen und Finger. Das Spiel beginnt, hin und her fliegt der Ball über den Tisch, setzt auf, wird zurückgeschlagen; auf der einen Seite Voigt, der die Hand des alten Mannes führt, auf der anderen Seite Jonas Lang, ein Jugendspieler des Post SV.

Voigt zählt mit, bei 57 Ballwechseln endet das Hin und Her. „Heute Abend gibt es eine Extraportion zum Essen“, sagt der 59-Jährige und lacht. Voigts lebensfrohe, umtriebige Art steckt an, er motiviert und lobt, reißt die Menschen, die in ihrer ganz eigenen Welt zu leben scheinen, aus dem tristen Alltag. So ist der Mann mit den grau-weißen Haaren, dem beigen Wollpullover und den klobigen Schuhen, die ihm Halt geben sollen, kaum wiederzuerkennen. Seine Augen sind jetzt wach, soweit es ihm möglich ist, legt er seine Lethargie ab.

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Voigt, stellvertretender Abteilungsleiter, und die Spieler des Post SV erfüllen ihren selbst auferlegten Auftrag. Sie animieren, beleben Geist und Körper der demenzkranken Menschen. Franz Miller, seit über zehn Jahren Leiter der Einrichtung, zeigt sich begeistert. „Bewegung ist ein ganz entscheidender Faktor, um die Krankheit zu verlangsamen“, erläutert Miller. „Koordination erfordert viel Leistung.“

Mit seinem Verein besucht Voigt nicht zum ersten Mal die Räumlichkeiten in der Langemarckstraße. Vor knapp zehn Jahren hat er mit seinem Verein das Projekt „Wir fördern Talente“ ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt steht nicht Nachwuchsförderung – obwohl der Titel dies vermuten lässt. Voigt und sein Team engagieren sich sozial, wollen über ihren Sport Zugang zu anderen Menschen herstellen, bewirken Begegnungen. „Tischtennis ist für mich mehr als nur Sport“, betont Voigt. Tischtennis eigne sich deshalb so gut, weil jeder in seinem Leben schon mal mit dieser Sportart zu tun gehabt hätte, erklärt er. „Pingpong kennt jeder, die Einstiegshürde ist nicht so hoch.“

Franz Miller pflichtet ihm bei. In der Regel behelfen sich er und die Mitarbeiter der Einrichtung mit Gymnastik im Sitzen, doch auch Tischtennis sei geeignet. Wichtig sei, die Leute nicht zu überfordern, fügt Miller hinzu. „Sonst verlieren sie die Lust, wollen nicht mehr und hören auf.“

Mit dem Post SV besuchte Dieter Voigt bereits Behinderteneinrichtungen, Krankenhäuser, Gefängnisse oder Seniorenheime. Zuletzt widmete er sich mit seinem Projekt der Integration von Flüchtlingen. Die Übungsstunde in der Senioren-Wohngemeinschaft habe diesmal eher „experimentellen Charakter“, meint Voigt. Davon zeugt das Treiben auf den Tischen. Bei einer Frau ist deutlich zu erkennen: Sie hat in jungen Jahren aktiv gespielt. Bücher dienen als Netz, ihre Bälle platziert sie geübt auf der kleinen Tischfläche gegenüber. Am großen Tisch hingegen geht es „wilder“ zu. Senioren und Post-SV-Spieler schieben sich mit den Schlägern Bälle zu, immer wieder klackert es, wenn ein Ball unkontrolliert zu Boden springt. Nicht immer gehen die alten Menschen zimperlich miteinander um, manch einer lässt verärgert den Schläger auf den Tisch fallen, schimpft verärgert in sich hinein.

Eine gebückte Frau erkundigt sich nach dem Weg zur Toilette – sie kann sich nicht mehr an den Weg erinnern. Normalerweise spielt Marie Gmoser in der Frauen-Bayernliga, an diesem Nachmittag geht es für sie nicht darum, einen Gegner zu besiegen, sondern Berührungsängste abzubauen. „Befremdlich“ sei das anfangs gewesen, gesteht die 14-jährige Schülerin. Man wisse anfangs nicht genau, wie man reagieren soll. Als eine Frau den Teenager mit der Zahnspange anspricht und ihm einen angebissenen Schoko-Nikolaus hinhält, lächelt Marie, ehe sie so freundlich wie möglich ablehnt.

Begegnungen wie diese zeigen: Nicht nur die Alten profitieren von der Aktion. Nikola Tesch, mitverantwortlich beim Post SV für „Wir fördern Talente“, erzählt, für Jugendliche ihres Vereins seien das ebenso tolle Erfahrungen. Tesch begründet: „Schließlich kommen sie nicht jeden Tag mit alten Menschen in Kontakt.“

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