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Augsburg

25.04.2014

Rentner zeigte jahrelang Falschparker an - und wird nun selbst verurteilt

Ein Augsburger Rentner spielte sich jahrelang als Park-Sheriff auf. Nun stand er selbst vor Gericht.
Bild: Stefan Sauer (dpa)

Ein Augsburger Rentner, der jahrelang Falschparker bei der Stadt angezeigt hatte, wurde nun wegen falscher Verdächtigung verurteilt. Jetzt hat er keine Lust mehr, Leute aufzuschreiben.

„Das ist der Dank dafür, dass man jahrelang Ordnung geschaffen hat. Und jetzt wird man dafür verteufelt.“ Rentner Karl S.*, 74, versteht die Welt nicht mehr. Er, der tagein, tagaus als „ehrenamtlicher Mitarbeiter der Verkehrsüberwachung“, wie er sich selbst bezeichnet, quasi als Hilfs-Sheriff für die „Blauen“, seit rund fünf Jahren viele Hundert Falschparker in der Drentwettstraße in Oberhausen aufspürte und der Stadt zur Anzeige brachte, hat sich böse in den Fallstricken der Justiz verheddert.

Die Staatsanwaltschaft hat ihn wegen falscher Verdächtigung in 27 Fällen angeklagt – vermeintliche Parksünder, die aber augenscheinlich entweder gar nicht vor Ort waren oder ihr Auto vorschriftsmäßig abgestellt hatten. Amtsrichterin Elke Bethge hat dazu sogar den damaligen Chef der Verkehrsüberwachung, Manfred Kempter, als Zeugen geladen. Der kennt den Hilfs-Sheriff schon seit Langem.

Ja, sagt er, das sei schon ein zweischneidiges Schwert, die Anzeigen von Bürgern, die sich über Falschparker ärgern. Einerseits sei man manchmal „ganz froh“ darüber, andererseits wisse man, dass Leute wie Karl S. „ziemlich Ärger“ bekommen können, wenn sie beispielsweise Nachbarn anzeigen. „Aber man kann solche Meldungen ja nicht unter den Tisch fallen lassen.“

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Im Fall des Rentners, der stets ganze Listen von Kennzeichen einreichte, habe man eine unbürokratische Lösung gefunden. „Wenn von den angeblichen Falschparkern plausible Einsprüche kamen, haben wir die Verfahren großzügig eingestellt.“ Vor allem deshalb, weil der Angeklagte später nicht habe vor Gericht als Zeuge erscheinen wollen.

Die ehrenamtliche Mitarbeit des selbst ernannten „Blauen“ scheint allerdings sehr intensiv gewesen zu sein. Denn auf Nachfrage des Gerichts räumt Manfred Kempter ein, man habe dem Angeklagten seit Jahren frankierte Umschläge ins Haus geschickt, weil dieser sich das Geld für die Briefmarken haben sparen wollen.

Eine Studentin meldete er 13 Mal nacheinander

Die Anklage stützt ihre Vorwürfe vor allem auf den Fall einer Lehramtsstudentin, die sage und schreibe 13 Mal nacheinander angezeigt worden war, darunter an zwei Tagen fast zur selben Zeit gleich doppelt. Auch einmal, als sie mit der Uni beim Skifahren war. „Ich habe ansonsten stets ordentlich geparkt“, beteuert sie als Zeugin.

Dass der Angeklagte nun innerhalb kurzer Zeit gleich in 27 Fällen falsch gelegen haben soll, kann sich Kempter nicht erklären. „Der Großteil seiner Anzeigen war immer korrekt“, erinnert er sich. Verteidigerin Alexandra Gutmeyr glaubt, ihr Mandant habe sich halt „schlichtweg geirrt in der Uhrzeit oder beim Datum“.

Weil die meisten Fälle mehr als ein Jahr später kaum mehr beweiskräftig zu klären sind, beschränkt das Gericht die Anklage letztlich auf vier Anzeigen, von denen die Studentin betroffen war. So kommt Karl S. mit einer Geldstrafe von 450 Euro (30 Tagessätze zu je 15 Euro) noch recht glimpflich davon, trotz einer erheblichen Vorstrafenliste – ausgerechnet zumeist wegen Verkehrsvergehen.

„Jetzt will ich meine Ruh’. Ich schreib’ keinen mehr auf“, kündigt er nach dem Schuldspruch empört seine ehrenamtlichen Dienste auf. Rosige Zeiten also künftig für die Parksünder in der Drentwettstraße. *Name geändert

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