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Muslim in CSU

14.01.2020

Fall Wallerstein: "Es muss jetzt endlich Ruhe einkehren"

Sener Sahin wollte für die CSU als Bürgermeister antreten – bis es zum Problem wurde, dass er Moslem ist.
Bild: Walter Brugger (Archiv)

Plus Sener Sahin wollte für die CSU als Bürgermeister antreten – bis es zum Problem wurde, dass er Moslem ist. Wir sind keine Rassisten, sagen die Menschen vor Ort.

Die Frau, die ihr Auto vor der Fürstlichen Hofgärtnerei abgestellt hat, winkt ab. Weil sie nichts zu der leidigen Sache sagen will. Weil doch auch alles gesagt sei. Und in den vergangenen Tagen genug Fernsehteams in Wallerstein waren, um zu verstehen, wie die gut 3300 Einwohner im nördlichen Ries ticken. Und warum Sener Sahin, 44, Unternehmer, Fußballtrainer, verheiratet und gut vernetzt im Ort, zuerst für die CSU als Bürgermeister antreten sollte und dann seine Kandidatur zurückzog – weil einige an der Parteibasis keinen Muslim als Kandidaten wollten.

Die Frau vor der Blumenhandlung schüttelt den Kopf. „Das ist alles aufgebauscht worden. Ruhiger als hier kann es doch nicht sein.“

Vom „medialen Tsunami“, der nach Sahins Rückzug über Wallerstein hereingebrochen ist und den Ort in die Schlagzeilen katapultiert hat, ist an diesem Montagmittag nichts zu spüren. Ein kalter Wind bläst durch die Hauptstraße, wo sich Bank und Blumenladen, Optiker und Apotheke aneinanderreihen. An der Haltestelle warten zwei Jugendliche auf den Bus, der sie ins fünf Kilometer entfernte Nördlingen bringt. Hubert Offinger jun. hat sich nebenan in der Bäckerei, wo die Rieser Bauerntorte für 2,20 Euro das Stück angeboten wird, Kuchen geholt. Und erzählt jetzt, dass er sie leid ist – die Fragen, was denn in Wallerstein los sei. So, wie er sie erst am Wochenende beim Tischtennisturnier wieder gehört hat. Und wie sie in den vergangenen Tagen ständig fielen. „Es muss jetzt endlich Ruhe einkehren“, sagt er. Trotzdem will der Mann in Fleecejacke, Jeans und Turnschuhen eines klarstellen: „Wir hier sind keine Rassisten.“

„Wir sind hingestellt worden als waren wir die größten Nazis“

Wallerstein, sagt er, sei ein friedliebender Ort. Einer, in dem man nichts gegen Ausländer oder Muslime habe. „Aber wir sind hingestellt worden als waren wir die größten Nazis.“ Dabei, sagt Offinger, stand bei der Gemeinderatswahl 2008 auch ein türkischstämmiger Kandidat auf der CSU-Liste. Damals habe niemand ein schlechtes Wort verloren. Wobei Offinger verstehen kann, dass nicht alle in der CSU mit der Personalie Sahin glücklich waren.

Die Hauptstraße von Wallerstein: Seit der Debatte, ob ein Muslim für die CSU Bürgermeister werden kann, steht der Ort im Brennpunkt.
Bild: Ulrich Wagner

Die Frau mit dem roten Schal, die gerade zu ihrem Auto will, sieht das ganz ähnlich. Es gebe ja auch andere Parteien im Ort, für die Sener Sahin hätte kandidieren können. Ein Muslim als Bürgermeisterkandidat bei der CSU, das passe nun mal nicht zusammen. Und dass es in den anderen Orten wohl auch so gesehen werde. „In Nördlingen, da könnte es vielleicht noch anders sein. Aber nicht auf den Dörfern im Ries.“ In Wallerstein habe man sich ja über Jahre selbst mit dem Nebeneinander von Katholisch und Evangelisch schwergetan. Tatsächlich hatten in der katholischen Enklave im Ries evangelische Bürgermeisteranwärter schon ein Problem.

Gut möglich, dass es statt in Wallerstein nun andernorts in Bayern einen muslimischen CSU-Kandidaten geben wird. In Neufahrn im Kreis Freising gilt Ozan Iyibas Berichten zufolge derzeit als wahrscheinlichster Bürgermeisterkandidat. Der 37-jährige Bankkaufmann, der wie seine Eltern den Aleviten angehört, führt dort schon die CSU-Liste für die Gemeinderatswahl an. Seine Kandidatur will er allerdings nicht bestätigen.

Der Bürgermeister bekam Zuschriften wie: „Wallerstein, schämt euch!“

In Wallerstein tritt der parteifreie Bürgermeister Joseph Mayer nun im März ohne Gegenkandidaten an. Auch er hat aufreibende Tage hinter sich, Tage, in denen ihn Briefe und E-Mails aus dem gesamten Land erreichten. „Wallerstein, schämt euch!“, stand zum Beispiel darin Mayer wünscht sich nun vor allem, dass Ruhe im Ort einkehrt. Weil es ja auch genug andere Themen gebe. Das Neubaugebiet, das fertig ist und in dem junge Familien sesshaft werden sollen. Oder die Ortsmitte, die neu belebt werden soll. An der Hauptstraße etwa steht das Schmuckgeschäft leer, die Metzgerei macht unter der Woche mittags zu – weil man nicht genug Mitarbeiter habe, steht an der Ladentür.

Tatsächlich gibt es noch viel mehr, was Wallerstein ausmacht. Das Schloss, das über dem Ort thront. Den Wallersteiner Felsen, von dem aus man einen wunderbaren Blick hat. Das Bier, das hier im fürstlichen Brauhaus produziert wird. Der Mann, der drüben am Supermarkt gerade zwei Kästen davon in den Kofferraum lädt, ist in Wallerstein groß geworden, jetzt wohnt er im Nachbarort in Baden-Württemberg. Die ganze Diskussion, die nach Sener Sahins Rückzug geführt wurde, sei doch „maßlos überzogen“, sagt er. Und dass es schade sei, dass man wegen drei, vier ewiggestriger CSU-Mitglieder so ein Fass aufmache. Dann steigt er ins Auto und sagt: „Jetzt lassen wir es gut sein.“

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar: Ein Muslim in der CSU? Das passt schon!

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14.01.2020

"Es muss jetzt endlich Ruhe einkehren" Stimmt. Nur die AZ köchelt das "Süppchen" täglich weiter.

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