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Kreis Augsburg

12.08.2020

Frau erkrankt schwer an Corona: "Ich dachte nur: Jetzt muss ich sterben"

Das Personal im Krankenhaus ist besonders gefordert in Corona-Zeiten. Eine Frau aus der Region hat sich mit dem Virus infiziert. Die Pflegekräfte haben sich sehr um sie bemüht, doch gerade die Isolierung machte ihr psychisch massiv zu schaffen.
Bild: Symbolfoto: Sebastian Kahnert, dpa

Plus Sie ist gesund und sportlich. Trotzdem steckt sie sich mit dem Coronavirus an. Was eine 69-Jährige und ihr Mann durchleben ist ein Albtraum - der bis heute schwere Folgen hat.

Diesen Dienstagmorgen im März werden sie nie vergessen. Beide nicht. Nicht einmal verabschieden konnten sie sich noch. So schnell ging alles. So schlecht ging es ihr. Seit Tagen setzte ihr dieser Husten zu. Ein extrem trockener Husten. Er ließ ihr kaum noch Luft zum Atmen. Den Notruf hatte sie bereits gewählt. Doch man verwies sie auf ihre Hausärztin. Diese reagierte dann sofort. Binnen Minuten stand ein Notarzt vor der Tür ihrer Doppelhaushälfte im Landkreis Augsburg. In kompletter Schutzausrüstung. Denn seit dem 22. März wusste das Ehepaar: Beide hatten sich infiziert. Beide hatten Corona.

Tränen stehen dem 73-Jährigen in den Augen. Zusammen mit seiner Frau sitzt er in der modern eingerichteten Wohnküche. Auf einem Seitenschrank stehen viele Fotos. Zwei erwachsene Kinder haben sie und drei Enkel. Ihre Namen wollen sie nicht in Berichten lesen. Sie wissen: Nicht wenige haben Angst vor ihnen. Nicht wenige fürchten noch immer, sich anzustecken. Obwohl sie längst negativ getestet sind.

Ehepaar mit Coronavirus infiziert: Immer wieder füllen sich seine Augen mit Tränen

Immer wieder muss er den Raum verlassen, zu sehr wühlen ihn all die Erinnerungen an diese Wochen im März und April auf. Zu sehr kämpft er immer wieder mit den Tränen. Auch die Augen seiner Frau werden immer wieder feucht. Zierlich ist sie. Die 69 Jahre sieht man ihr nicht an. Aber, dass sie sehr sportlich ist, durchtrainiert, das sieht man sofort. Obwohl sie ein blaues Stützkorsett am Oberkörper trägt. Zwei Lenden- und ein Brustwirbel sind gebrochen. So stark war der Husten. Ein Keuchen, wie sie es noch nie erlebt hatte. Noch immer hat sie Schmerzen. Noch immer kann sie sich nicht so bewegen wie vor der Corona-Erkrankung. Noch immer ist an ihr geliebtes Golfen nicht zu denken.

Doch die 69-Jährige will nicht klagen. Ganz im Gegenteil. Vor allem sind sie und ihr Mann dankbar. Unendlich dankbar, dass sie diese schwere Krankheit überlebt hat. Denn das war alles andere als sicher.

Seit vielen Jahren fährt eine Frau aus unserer Region mit ihren Freundinnen zum Skifahren nach Ischgl. Doch in diesem Jahr hat sie sich vermutlich dort mit dem Corona-Virus angesteckt und leidet noch heute an den Folgen der Erkrankung.
Bild: TravelTrex GmbH (Symbolbild)

Dabei fängt alles relativ harmlos an. Ihr Mann holt sie am 7. März mit dem Auto ab. Wie seit vielen Jahren war sie wieder eine Woche Skifahren. Mit drei Freundinnen. In Ischgl. Am Abend des 10. März bekommt sie dann plötzlich hohes Fieber. Zwei Tage später sinkt es wieder. „Doch was geblieben ist“, erzählt sie, „ist eine Erschöpfung, wie ich sie so noch nie erlebt hatte.“

Nur noch wenige Schritte kann sie laufen. Die meiste Zeit muss sie im Bett liegen. Schon Duschen ist ein gewaltiger Kraftakt. Sie hat überhaupt keinen Appetit mehr. Dafür einen extremen Ekel vor allem Essen. Dann kommt der Husten dazu. Ein Husten, der mit nichts zu lindern war. Ein Husten, der ihre schmale Brust zu zerreißen droht und ihr unglaubliche Schmerzen bereitet. Corona ist schon damals in aller Munde. Ihr ist bald klar: „Auch ich muss mich angesteckt haben.“

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Schwer erkrankt durch Coronavirus: Der Notarzt spürt ihre Panik und versucht sie zu beruhigen

Die Hausärztin meint anfangs noch, vielleicht geht es zu Hause, verschreibt ihr ein Antibiotikum. „Viele vergessen noch heute: Es gibt ja kein Medikament gegen Corona“, sagt sie. Als sie allerdings kaum noch sprechen und sich fast nicht mehr auf den Beinen halten kann, schickt ihr ihre Hausärztin den Notarzt. Dienstagmorgen war das. „Ich hatte nicht mal mehr Zeit, ein paar Sachen fürs Krankenhaus zusammenzupacken“, erzählt sie. Der junge Notarzt spürt ihre große Verzweiflung. Ihre Panik. Sie erinnert sich: „Liebevoll legte dieser junge Mann immer wieder seine Gummihandschuhhand auf meine Hand und sagte zu mir: Haben Sie keine Angst, Sie werden das überleben.“

Nicht weniger leidet ihr Mann in diesen Minuten: Er, der sich ebenfalls mit dem Coronavirus angesteckt hatte, erfreulicherweise aber kaum Symptome entwickelte, war damals aufgrund des starken Hustens seiner Frau vorübergehend in ein Zimmer im Dach zum Schlafen umgezogen. Er bekommt gar nicht mit, dass an diesem Dienstagmorgen seine Frau die Ärztin angerufen hat. „Ich stand im Schlafanzug auf der Treppe, als meine Frau vom Sanka mit Blaulicht abgeholt wurde.“ Ein Schockmoment. Ein Moment, der mit Worten nicht zu beschreiben sei. „Da wird die eigene Frau abgeholt“, sagt er und seine Augen füllen sich mit Tränen. „Und du weißt gar nicht, ob du sie je wieder siehst. Ob sie das überhaupt überlebt.“

 

Frau aus Kreis Augsburg erkrankt an Corona: „Ich fühlte mich allein wie nie in meinem Leben“

Und auch sie selbst ist sich nicht sicher, ob sie ihren Mann je wieder sehen wird. „Diese Zeit war einfach nur grausam“, sagt sie im Rückblick. Zwar hilft ihr der Sauerstoff, der ihr im Krankenhaus sofort verabreicht wird und die Infusionen lindern ihre Schmerzen. Doch als sich ihr Zustand nicht bessert und eine Verlegung von der Isolier- auf die Intensivstation ansteht, steigt Todesangst in ihr auf: „Ich lag in diesem Einzelzimmer, wo mich kein Mensch besuchen durfte, und fühlte mich so allein wie noch nie in meinem Leben. Als ich dann hörte, sie müssen mich auf die Intensivstation verlegen, dachte ich nur noch: Jetzt muss ich sterben.“

Auf die Intensivstation muss sie dann doch nicht. „Mein Körper kämpfte unglaublich“, erzählt sie und ganz langsam ging es wieder aufwärts. Am 8. April darf sie die Klinik verlassen. Doch die Erschöpfung bleibt. Auch das Sauerstoffgerät muss sie lange zu Hause bei sich tragen. „Doch ich war so froh, wieder daheim sein zu dürfen.“ Dann folgt die nächste Hiobsbotschaft.

Verdacht auf Lungenembolie. Eine nicht selten tödlich verlaufende Erkrankung. Es sollte nur eine Kontrolluntersuchung sein. Doch die Blutwerte, erzählt sie, hätten ihre Hausärztin so alarmiert, dass sie sofort eine Computertomografie im Krankenhaus anordnete. „Ich durfte nicht mal mehr nach Hause, sondern wurde sofort in die Notaufnahme überwiesen.“ Und wieder steigt diese Todesangst in ihr auf. Wieder weiß sie nicht, ob sie überleben wird. Wieder steht ihr Mann da, kann nicht helfen, nur hoffen.

 

Die nächste Hiobsbotschaft: Verdacht auf Lungenembolie

Eine Lungenembolie ist es dann – zum Glück – doch nicht. Doch ihre Lunge „sieht beschissen aus“, sagt der Facharzt. Ob sie sich je ganz erholt, kann ihr niemand sagen. Sie muss regelmäßig zur Kontrolle. Auch die Sauerstoffsättigung ihres Blutes muss sie immer wieder testen. Ein kleines Gerät hilft ihr dabei.

Sie, die nie krank war, die keine Vorerkrankungen hat, hat es von einer Stunde auf die andere voll erwischt. „Das Coronavirus kann eben wirklich jeden treffen“, sagt sie. Das würde sie vor allem all denjenigen immer wieder sagen, die gegen die Schutzmaßnahmen demonstrieren, die ohne Abstand und Maske beieinandersitzen und feiern als gäbe es Corona nicht mehr. „Da wird mir echt mulmig“, sagt sie und blickt liebevoll ihren Mann an. „Ohne meinen Mann und ohne meine Familie hätte ich das alles nicht überstanden.“ Dabei ist sie so ein positiver Mensch. „Doch die Krankheit hat unser Leben verändert“, erklärt sie. „Wir leben jetzt noch bewusster. Ich bin noch dankbarer für alles.“ Und jeden Tag sagt ihr Mann zu ihr: „Ich bin so froh, dass Du da bist.“

Dicht gedrängt und ohne die Abstandsregeln zu beachten stehen Tausende bei einer Kundgebung gegen die Corona-Beschränkungen auf der Straße. Für diese Demonstrationen hat die 69-Jährige aus unserer Region, die schwer an Corona erkrankt ist, kein Verständnis.
Bild: Christoph Soeder, dpa

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