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Allgäu

10.08.2018

Lamas, Esel oder Abschießen: Was schützt vor dem Wolf?

Noch ist nicht klar, ob ein Wolf für den Tod von Kälbern im Oberallgäu verantwortlich ist. Trotzdem wird heftig über einen möglichen Abschuss des geschützten Tieres diskutiert.
Bild:  Sebastian Gollnow, dpa (Symbolbild)

Falls das Raubtier tatsächlich im Oberallgäu sein Unwesen treibt, könnten Präventionsmaßnahmen helfen. Warum Bauern aber nicht an deren Nutzen glauben.

Ist ein Wolf für den Tod von Kälbern im Oberallgäu verantwortlich oder nicht? Während die örtlichen Landwirte sich sicher sind, dass das Raubtier in ihrer Region sein Unwesen treibt, verweist das Landesamt für Umwelt (LfU) nach wie vor auf noch ausstehende DNA-Analysen. Trotzdem wolle die Behörde, wie sie am Donnerstag mitteilte, einen Runden Tisch organisieren, bei dem es unter anderem um „Vorsorgemaßnahmen“ gehen soll. Diese seien auch dann sinnvoll, wenn ein wildernder Hund über die Kälber hergefallen sei. Dem Thema Herdenschutz etwa mit Elektrozäunen und Schutzhunden stehen die Oberallgäuer Landwirte allerdings skeptisch gegenüber.

„Prävention ist weder finanziell noch praktisch machbar“, sagt die Oberallgäuer Kreisbäuerin Monika Mayer. „So hoch kann ein Zaun gar nicht sein, als dass ein Wolf da nicht drüber kommt.“ Noch dazu bei Weiden mit etlichen Hektar Fläche. Man müsse sich schnellstens der Tatsache stellen, dass der Wolf im Allgäu angekommen sei und eine Riesen-Gefahr darstelle „Wer daran zweifelt, glaubt an Märchen!“ Mayer macht keinen Hehl daraus, dass für sie nur ein sofortiger und konsequenter Abschuss infrage kommt.

Lamas, Esel oder Hunde sollen vor dem Wolf schützen

Auch wenn es keine Patentlösungen für Allgäuer Alpweiden gebe, ist Biologe Henning Werth vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) überzeugt, dass wirkungsvoller Schutz für Nutzvieh in bestimmten Gebieten möglich ist. „Graubünden macht es uns vor“, sagt Werth und verweist auf speziell trainierte Herdenschutzhunde, Esel auf Weiden und provisorische Ställe, die Schafherden nachts einen sicheren Unterstand bieten. Das LfU führt als Schutztiere auch Lamas auf. Sie werden in Skandinavien, den USA und der Schweiz bereits als Hütetiere eingesetzt. Auch Elektrozäune hätten sich punktuell bewährt – „das geht aber nicht bei Alpweiden mit 50 Hektar“, sagt Werth.

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Gerade in diesen Gebieten setzen Landwirte in Graubünden auf Herdenschutzhunde, berichtet Jan Boner, Schäfer, Almmeister und Herdenschutz-Experte aus dem Schweizer Kanton. Diese arbeiteten sehr effektiv. „Bei uns gibt es geschützte Herden, die regelmäßig vom Wolf angegangen werden“, schildert er. Trotzdem komme es vor, dass Schafe, die abseits der Herde stehen, gefressen werden. In Graubünden wurden bisher keine Rinder gerissen, berichtet Boner.

Der Experte rät: „Herden effektiv vor dem Wolf zu schützen, gelingt nur durch den aktiven Schutz der Nutztiere und ein professionelles Wildtiermanagement. Dazu gehört auch der Abschuss zum Beispiel von Problemwölfen und zur Rudelregulierung.“ Dort, wo es möglich ist, seien „geschlossene elektrifizierte Koppeln“ ein guter Grundschutz vor dem Wolf, sagt Boner. Zusätzlich seien auch dort Schutzhunde zu empfehlen. Treibe man Schafe, Ziegen oder Rinder nachts in einer solchen Koppel zusammen, könnten die Hunde sie gut schützen. Da die Wölfe in Graubünden Zäune erfahrungsgemäß nicht überspringen, sondern unter ihnen durchkriechen, seien eine „perfekte Bodenführung und Elektrifizierung“ die maßgebenden Faktoren. „In den Alpen verwenden wir – wenn überhaupt – Zäune mit Standardhöhen von 90 Zentimetern oder 1,10 Metern“, sagt der Experte.

Schutzhunde einzusetzen, lehnt Franz Hage, Vorsitzender des Alpwirtschaftlichen Vereins im Allgäu, ab: „Das beißt sich mit dem Tourismus.“ Denn die Hunde würden ihre Herde auch gegen menschliche Eindringlinge beschützen. Hierzu sagt Boner: „Das steht und fällt mit einem guten Hundemanagement. Die Hunde sollen schützen, aber eben nicht den Menschen beißen.“ Durch professionelle Zucht und Ausbildung der Hunde sei das möglich. Für ein gutes Miteinander sei es aber ebenso wichtig, Verhaltensregeln und Herdenstandorte bei Wanderern bekannt zu machen.

Man braucht die Bereitschaft der Landwirte - und viel Zeit

Damit Prävention funktioniere, brauche man die Bereitschaft der Landwirte und Alphirten, sagt Werth. Und das benötige Zeit. Zwar kenne er Alphirten, die mit dem Auftauchen des Wolfs kein Problem hätten. Es sei aber klar, dass sich eine über 150-jährige Beweidungstradition ohne Beutegreifer nicht von heute auf morgen umkrempeln lasse. „Ich kann die Landwirte total verstehen. Wenn ein Tier getötet oder angefressen wird, dann ist das der Super-GAU.“

Dennoch warnt Werth vor überhasteten Reaktionen und davor, den Wolf vorschnell als Schuldigen abzustempeln. Auch wenn die Sicherheit des Menschen an erster Stelle stehe – den Abschuss des Wolfes lehne er ab. „Das ist zu kurz gedacht. Mit lokalem Vergrämen ist dem Thema nicht beizukommen.“ Zumal erst einmal feststehen müsse, ob in den aktuellen Fällen überhaupt ein Wolf am Werk war und wo sich das Tier dauerhaft aufhält.

 

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