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Jahrtausendhochwasser

02.06.2017

Simbach ein Jahr nach der Flut

Am 2. Juni 2016 standen Straßen und Häuser in Simbach am Inn unter Wasser. Auch ein Jahr nach dem Jahrtausendhochwasser ist noch nicht alles in Ordnung.
Bild: Tobias Hase, dpa

Nach dem Hochwasser in Niederbayern ist Simbach am Inn noch heute eine Baustelle. Ganz zu schweigen davon, wie es in den Menschen aussieht. Und doch gibt es Glücksmomente.

Helga Feyrer steht vor ihrer Metzgerei. Wochenlang hat ein Transparent am Haus das große Datum angekündigt: 1. Juni. An diesem Tag werde der Laden wiedereröffnen, versprach es. Exakt zwölf Monate, nachdem Feyrer und die anderen 9800 Bewohner von Simbach am Inn gedacht haben, ihre Heimat werde untergehen. Zumindest an dieser Fassade steht das Datum nun für den Triumph des Lebens über die Zerstörung. Helga Feyrer sagt: „Es geht uns besser.“ Und doch kämpft sie mit den Tränen, als sie erzählt, wie das damals war mit dem Hochwasser. Und wie das jetzt ist: „Wenn es heftig regnet, habe ich immer wieder Angst. Das bringt man nie wieder raus.“

Ein Jahr nach der Katastrophe: Normalzustand ist in Simbach nicht in Sicht

Was ist schon ein Jahr? Simbach am Inn, Niederbayern, Österreich liegt quasi auf der anderen Straßenseite. Die Erinnerungen an den 1. Juni 2016 sind schwer auszuhalten. Als die Flut gegen Mittag kam, war das Geschäft geschlossen. „Das war unser Glück“, sagt Helga Feyrer. Unten im Laden wären sie wohl ertrunken. Sie hatten noch versucht, Sandsäcke zu stapeln und eine Hochwasser-Schutztür zu befestigen. „Erst standen wir nur bis zum Bauchnabel im Wasser, dann kam immer mehr.“ Sie flohen in die oberen Stockwerke. Und sahen mit an, wie ihre Existenz dahinfloss.

Häuser mit Wasserstandsmarkierungen findet man überall in den betroffenen Straßenzügen: Gartenstraße, Kreuzberger Weg und entlang des Simbachs bis hoch zur Mühle, wo ein ganzes Sägewerk von den Wassermassen zerlegt wurde. In der Folge bohrten sich Holzstämme wie Geschosse in die Häuser. Auch ins Bürgerhaus hatte sich ein riesiger Stamm gerammt, wie ein Mahnmal habe er herausgeschaut, erzählen die Leute. Inzwischen ist das Haus renoviert. Gestern Abend erklingt dort ein Mozart-Requiem – zum Gedenken an die sieben Menschen, die hier und in den benachbarten Gemeinden ihr Leben verloren. Und für diejenigen, die das Drama noch immer jeden Tag mit sich herumtragen.

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„Ich denke, wir haben noch einige Jahre zu tun, um wieder Normalzustand in Simbach zu haben“, sagt Bürgermeister Klaus Schmid (CSU). Der tiefer gelegene Teil gleicht einer Geisterstadt. Bis zu fünf Meter hoch staute sich hier das Wasser, nachdem oberhalb der Ortschaft nach tagelangem Regen der Damm gerissen und die Flut die Straßen hinabgeschossen war. Nun stehen die Häuser leer. Am Mauerwerk lässt sich ablesen, wie tief sie im Schlamm standen. Die Fenster sind mit Holzplatten vernagelt. Neben den Haustüren sind noch immer blaue Kreuze zu sehen. Mit ihnen haben die Retter die Gebäude markiert, nachdem sie sie nach Opfern und Überlebenden durchsucht hatten.

Jahrtausendhochwasser: Todesängste und Überlebensgeschichten

In dieser kleinen Stadt ist seitdem alles anders. Überall lauert die Erinnerung. Pfarrersfrau Karin Meißner führt durch die betroffenen Viertel. „Hier am Simbach starben gleich drei Menschen in einem einzigen Haus: Mutter, Tochter und Großmutter“, erzählt sie. Viele Menschen mussten Todesängste ausstehen. Wo befanden sich die nächsten Verwandten und Freunde? Am Unglückstag gab es so gut wie keine Nachrichten. Wasser und Strom fehlten noch Tage danach.

Und dann all die Überlebensgeschichten. Ein Apotheker soll im Hof gestanden haben, als die Flut kam, erzählt Meißner. Nur weil er sich an einem Baumstamm festklammern konnte, bis der Hubschrauber eintraf, sei er nicht von den Fluten mitgerissen worden. Oder: In einer Pizzeria in der Innstraße stand das Wasser 30 Zentimeter unterhalb der Decke. Nur weil der Pizzabäcker unermüdlich um Hilfe rief, wurde er gerettet. Oder: Weil der Rektor die Schulkinder an der B12 entlangführte, kamen sie unbeschadet davon. „Die ganze Stadt ist voll von solchen Geschichten“, sagt Karin Meißner, während der Simbach unaufgeregt-leise vor sich hinplätschert. Sie deutet aufs Wasser: „Vor einem Jahr raste er noch mit 72 Stundenkilometern durch die Stadt.“

Simbach soll keine Geisterstadt bleiben. Unermüdlich zieht der Bürgermeister durch die Straßen und versucht, die Menschen zu ermutigen, nicht aufzugeben, weiterzumachen. Es passiert auch einiges. Etliche Häuser sind eingerüstet, auf Bauzäunen prangen Werbetafeln von Handwerksbetrieben. Es wird gebaut, abgerissen und saniert. „Die Situation ist nicht so, wie viele denken, dass wir bereits fertig sind mit allen Arbeiten“, sagt Klaus Schmid. „Im Gegenteil.“ Aber die ersten Anwohner seien in ihre alten Häuser zurückgekehrt, andere in neue umgezogen. „Der Schritt zur Normalität ist da.“

Simbachs Bürgermeister Klaus Schmid steht in Simbach am Inn. Vor einem Jahr hat eine gewaltige Flut Hunderte Häuser in der Gemeinde zerstört.
Bild: Armin Weigel, dpa

Vom Rathaus zum Bach sind es nur wenige Schritte. Der Bürgermeister geht die Straße hinab, vorbei an leer stehenden Häusern. Am Bachbett stehend erläutert er die Folgen der Flut und die Pläne für den künftigen Hochwasserschutz. Etwa ein Dutzend der zerstörten Häuser entlang des Simbachs hat das Wasserwirtschaftsamt Deggendorf den Besitzern abgekauft. Die Gebäude werden abgerissen. Das Bachbett soll verbreitert werden, um dem Wasser im Fall des Falles mehr Platz zu geben. Der gebrochene Deich wird erneuert, ebenso Straßen, Kanäle und Brücken. Die Flut hat enorme Schäden hinterlassen. 5,3 Millionen Kubikmeter Wasser und Dreck seien durch Simbach geschossen, erzählt Schmid.

Überall Baulärm: In Simbach läuft der Wiederaufbau

Es ist ja nicht so, dass man einen Wiederaufbau praktisch über Nacht hinbekommt. „Das ist alles sehr komplex im Stadtgebiet“, sagt Michael Kühberger, Abteilungsleiter beim Wasserwirtschaftsamt. Planungen, Genehmigungsverfahren und Ausschreibungen brauchten Zeit. Die neuen Hochwasserflächen sollen zudem nicht nur funktional, sondern auch attraktiv sein, sagt der Bürgermeister. Er denkt an Grünflächen, an einen Radweg. Aber all das dauert eben.

Solange herrscht hier und da noch immer der Ausnahmemodus. Für Judith Hartinger ist er zur zweiten Haut geworden. Sie arbeitet als Katastrophenhelferin für das Diakonische Werk und unterstützt Antragsteller beim Ausfüllen der Formulare, prüft Bescheide, kontrolliert die Spendenverteilung und die Soforthilfe. Eine Antragstellerin kommt ins Büro. Sie wirkt müde. Ihre Tochter, erzählt sie, werde psychologisch betreut, weil sie immer noch Angst hat, wenn es draußen regnet. Die Mutter lebt mit zwei Unwetter-Apps auf dem Handy. „Ich bin sehr wachsam geworden“, sagt die Frau. Aufs Geld müsse sie auch schauen. Die Mietpreise in Simbach, sagt sie, seien wegen der Renovierungskosten um das Doppelte gestiegen. Und dann noch der Baulärm, allerorten sei es so laut. Auch für solche Fälle weiß Judith Hartinger Rat. Sie bietet einen Kurzurlaub in einem Hotel an: „Drei Tage für die Seele.“

"Stop! Einsturz" steht in Simbach am Inn an einer Hauswand.
Bild: Armin Weigel, dpa

Hartingers Chefin in der Abteilung Soziale Dienste bei der Diakonie, Sabine Aschenbrenner, arbeitet vorrangig in Passau. Sie hat erlebt, wie professionell die Behörden dort beim Hochwasser 2013 geholfen haben. Das sei in Simbach zunächst anders gewesen. „Der Anfang war sehr schwierig“, erzählt sie. „Der Grundgedanke war: Die meisten bescheißen sowieso.“ Das Landratsamt sei mit einer skeptischen Grundhaltung an die Anträge herangegangen, daher sei das Geld nur zögerlich, zum Teil auch fälschlicherweise gar nicht ausgezahlt worden. Mittlerweile sei aber „ein hoher Grad an Professionalität“ erreicht, sagt Aschenbrenner. Berater und Behörden könnten an Runden Tischen diskutieren, Anträge würden schneller bearbeitet.

Thomas Hofbauer vom Landratsamt Rottal-Inn entgegnet, in der Regel seien die Rückmeldungen positiv. Er räumt aber ein, dass es anfangs Verzögerungen gegeben habe, weil bei Anträgen Dokumente fehlten. „Dass bei Leuten, die viel verloren haben, Ungeduld aufkommt, ist verständlich“, sagt er.

Noch bis 30. Juni können Zuschüsse vom Freistaat beantragt werden. Die sind für Fälle gedacht, wo es um die Sanierung beschädigter Häuser oder einen Neubau geht. Nur wenige Betroffene sind gegen Hochwasserschäden versichert, alle anderen Fälle unterstützt der Freistaat. Er übernimmt bis zu 80 Prozent der Instandsetzungskosten, in Härtefällen sogar bis zu 100 Prozent. Auch ein Jahr nach der Katastrophe gehen Anträge beim Landratsamt ein. „Da kommt schon noch einiges“, sagt Hofbauer. Die Fachkräfte der Behörde, die Fragen rund um die Zuschüsse beantworten, sind nach wie vor in Simbach vor Ort. „Das wird auch immer noch genutzt.“

Lichtblicke nach der Flut: Die Rückkehr zum Alltag

Wer betroffen ist, muss das nachweisen oder zumindest glaubhaft versichern. Dann füllt er ein Formular aus, das er nebst Kostenvoranschlag beim Landratsamt einreicht. Das Amt prüft den Antrag und entscheidet nach eigenen Angaben innerhalb von vier bis sechs Wochen – allerdings erst, wenn alle Unterlagen vorliegen.

Bisher wurden mehr als 26,5 Millionen Euro an staatlichen Hilfsgeldern ausgezahlt. Die Summe wird wohl noch deutlich steigen, da das Geld erst, nachdem die Rechnungen eingegangen sind, fließt. Die bisherigen Zahlungen verteilen sich auf rund 1600 Zuschussanträge und 5500 Sofortgeld- und Soforthilfeanträge. Die wurden direkt nach der Katastrophe ausgezahlt. So konnte jeder Haushalt bis zu 1500 Euro für akute Schäden, bis zu 5000 Euro für die Wiederbeschaffung des Hausrates und bis zu 10000 Euro für sofortige Arbeiten an Gebäuden mit Ölschäden bekommen. Dieses Geld sei besonders unbürokratisch ausgezahlt worden, sagt Behördensprecher Hofbauer.

Und wer ist nun verantwortlich für das Unglück? Am Anfang quälte viele Simbacher die Schuldfrage. Wäre die Flut so verheerend ausgefallen, wenn es den Rohr- oder Dammbruch nicht gegeben hätte?, fragen die Bürger. Gab es ausreichenden Hochwasserschutz? Ein Wiener Expertenteam fand heraus, dass vor allem der Starkregen für das Hochwasser verantwortlich war. Die Wolken seien direkt über Simbach stehen geblieben. 270 Liter ergossen sich auf einen Quadratmeter. Trotzdem wird nun der Hochwasserschutz verbessert. Wer will schon so etwas noch mal erleben?

Als der große Tag da ist und Helga Feyrer ihre Metzgerei aufsperrt, scheint die Sonne über Simbach. Ein gutes Zeichen. Aber auch ein seltsamer Moment. Es habe sich „schon etwas komisch“ angefühlt, sagt sie unserer Zeitung. „Dann sind die ganzen Kunden gekommen. Dass die uns über die ganze Zeit die Treue gehalten haben… Ein schönes Gefühl.“ Viel Zeit zum Reden hat sie nicht. Das Geschäft... Aber froh sei sie über die Abwechslung, sagt sie noch, darüber, mal nicht an die Katastrophe zu denken. „Es tut gut, wieder diese Art von Alltag zu haben.“ mit epd, dpa und anf

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